Was erwartet man von einem Jubiläumsjahrbuch der Lyrik? Bescheiden, wie sie nun einmal sind, haben Herausgeber Christoph Buchwald und der S. Fischer Verlag den 25. Band des Jahrbuchs nicht Jubiläumsjahrbuch" genannt. Sie haben dem Buch nicht einmal eine Bauchbinde verpasst, die marktschreierisch darauf hinweist, dass hier ... Sie haben einfach nur die Zählung fortgesetzt.
Und doch ist dieses Jahrbuch anders als die vorangegangenen. Die älteren Ausgaben, die in meinem Bücherschrank stehen, haben noch einen Pappeinband. Wann es angefangen hat mit den Ausgaben in Leinen, weiß ich gar nicht. Nur, dass sie spätestens ab 2007, dem Jahr in dem dieses Jahrbuch erschien, alle einen Leineneinband tragen. Womöglich traut man der Lyrik ja mittlerweile eine etwas längere Haltbarkeit als zehn Jahre zu.
Aber das allein ist natürlich noch kein richtiges Kriterium für eine Rezension. Auch Wegwerfware kann man zwischen zwei Leinendeckel pressen.
Nun würde ich dem Buch ganz bestimmt keine fünf Sterne geben, wenn ich den Inhalt für Einwegprodukte halten würde. Das sind sie nicht. Im Gegenteil. Der Untertitel Die schönsten Gedichte aus 25 Jahren" ist sicher äußerst subjektiv, aber wenn ich so durch das Buch mit seinen etwas mehr als 400 Seiten blättere, dann denke ich: Besser hätten die Beteiligten nicht auswählen können. Aus jedem Jahrbuch" zwischen 1979 und 2006 sind zwischen drei und zehn Gedichte ausgewählt worden. 1982, '83 und `91 gab es offensichtlich keins; so kommt die Zahl 25 zustande. (Sonst wäre es geschummelt.)
Natürlich kann man um die 250 Gedichte nicht in einer Woche lesen. Insofern kann diese Rezension nur unvollständig sein. Aber die meisten Gedichte, die ich in diesem Band gelesen habe, haben mich angesprochen. Manche habe mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Viele der hier versammelten Lyriker kenne ich namentlich, von manchen stehen Gedichtbände in meinem Schrank. Andere habe ich neu entdeckt: Gerrit Bekker zum Beispiel, dessen Gedichte mich verzaubert haben. Andere, von denen ich gehört hatte, sie seien völlig unverständlich oder kreisten in ihrem eigenen Orbit (Thomas Kling) konnte ich durchaus mit einigem Genuss lesen. Wieder andere Autoren, die ich bisher nur als Erzähler kannte (Herta Müller, Matthias Politycki) habe ich als Lyriker wiederentdeckt. Dass man Gedichte auch zeichnen kann, ist mir hier zum ersten Mal begegnet. (Josef Anton Riedl, Valeri Scherstjanoi). Selbst Lyriker wie Oskar Pastior, die ich bisher nicht mochte, sind mir von diesem Band näher gebracht worden.
Natürlich gibt es auch Autoren, die einem fremd bleiben, aber auch das gehört dazu. Lyrik ist eben doch immer noch eine subjektive Sache, und womöglich auch gut so.
Alles in allem ein wunderbarer Band, in den ich immer wieder mit Vergnügen lese.