Aus der Ferne des nachtschwarzen Covers blinkt dir unscharf wie Neonreklame der Bandname entgegen, aus etwas wie einer Neonskyline oder dem trüben LED-Licht eines Mischpultes. Es scheint, als wollte das Cover die Unschärfe der Band vorwegnehmen, ebenso wie das zackige 24/7-rundumdieUhr-versprechen der Dienstleistungsgesellschaft, deren Muzakbeats die Sterne sich hier aneignen. Nach vier Jahren Pause ist vom Livesound der Band zwischen Deutschrock und -funkindiesouldpsychedelia wenig geblieben, die Songs sind (wie bei so vielen Bands in letzter Zeit) elektronisch, klingen nach Laptop und klingen oft so, als hätten Leute Sounds ausgesucht aus zu großem Angebot mit zu wenig Sicherheit, welche Klänge denn nun wirklich «Disco» sind und welche nur zweitklassig. Trotz der nicht immer ganz treffsicheren Soundauswahl gelingt das seltsame kulturelle Crossover zwischen Hamburger Schule und Dancefloor überraschend gut. Zwar sind die Tracks nie wirklich discotauglich, zu glatt und zu brav und eben doch zu songorientiert, aber als Erweiterung des Sterne-Klangkosmos ist 24/7 überaus gelungen.
Denn das Durchfeiern, die Lichter, die Drogen, der Noise, die Stroboskopen, die postindustrielle Servicegesellschaft, zuviel Fernsehen und Computer, Tag und Nacht ohne Übergang, das Treiben im Alltag sind ein thematische Fäden, die das Netz des Albums aufspannen. «Ich geh in die Disco, ich will da wohnen», singt Spilker in Wohin zur Hölle mit den Depressionen, dem Song mit dem dezenten The-Clash-Drumfill. Und so wie hier ist 24/7 beileibe kein Album für die dezente Andeutung oder ein mühevolles Aufarbeiten von kryptischen Textbotschaften. In-your-face wie immer haut der Frontmann Texte raus, die das Lebensgefühl der digitalen Boheme beschreiben, das Teilsein und das Wüten gegen die Verwertungsmaschine, die Müdigkeit, die kleine Flucht, den eigenen Hedonismus und die Orientierungslosigkeit in der ganzen Feierei. Die Texte können smart sein, ohne peinlich zu werden, aber sind auch weitab der Lyrikbemühungen, die viele andere deutsche Bands angestrengt versuchen. Die Sterne können (und wollen wahrscheinlich) das Niveau der Texte der Goldenen Zitronen nie ganz erreichen, aber die Fusion von nichtsagend-elektrischgroovender Musik, die oft viel zu softneosoulig aus den Boxen quillt, und Spilkers widerborstigen Texten, macht durchweg Spaß, schafft eine doppelbödige breitgrinsende Boshaftigkeit zwischen der Zuckerwatteverpackung und dem Giftkern darin. Da die Sterne immer mit ihrer Musik experimentiert haben und nie durchweg «die» Gitarrenband waren, ist der Wechsel von Gitarren zu Filtern und Oszillatoren glaubhaft und auch wenn das Ergebnis keinen Höhepunkt elektronischer Musik darstellt, ist es ein durchweg gutes Album im Katalog dieser Band, mit an sich sehr typischen und wiedererkennbarem Songwriting (die Bassläufe der Sterne waren doch immer schon discotauglich, oder?), dass sozusagen nur ein anderes Finish bekommen hat, funky und glitzernd, und eben am Ende durchaus auch oft ein klassisches Sterne-Album (Wie ein Schwein, Himmel).
Der Trick des Albums aber ist, einen fast beiläufigen Sound zu entwickeln, wie gemacht für die gebückte Attitude, die Spilker in Convenience Shop aufgreift, Musik von einer verlogenen Sanftheit und Freundlichkeit, mit breiten Flächen und sphärischen Appregiators und entspannten Bässen, die wie gemacht scheint für die Fahrstühle der Gesellschaft, über die die Texte sich mokieren und als deren Opfer/Täter sich Spilker zugleich erkennt. Es ist eine seltsame, bewundernswerte Fusion von Klang und Text zu einem Ganzen, die über die Frage, ob die Musik «gut» ist, hinausgeht, der lapidar dahinfließende Elektrofunk ist vor allem unglaublich angemessen. «Blasse Gesichter, sie können nicht tanzen, sie müssen den ganzen Tag funktionieren'» und dazu dieser Angestelltendiscofunk ' das ist (ob beabsichtigt oder nicht) ein Klanggewand als ironischer Kommentar zu den Texten. So entfaltet sich 24/7 zu einem überzeugenden Gesamtkonzept, zu einem Hörspiel. Dass es vielleicht eitel ist, wie sich Frank Spilker in seiner Discokugel am Ende immer nur selbst spiegelt, dass die Texte mitunter den gleichen Nährwert haben wie Hipster-Großstadtblogs, dass sie oft unentschieden zwischen selbstverliebter Affirmation und Rebellenpose irrlichtern ' alles wahr, alles egal, alles eben richtig so.