Was es ist, weiß ich nicht zu sagen. Würde man jeden einzelnen Leser befragen, man bekäme wohl immer wieder eine andere Antwort. Sorokin schafft die Gratwanderung, nicht nur auf einem, sondern auf vielen Graten. Philosophie, Lächerlichkeit, Gesellschaftsroman, Science Fiction, Psychogramm, Kritik, Programm, Esoterik, Parodie und Manifest - all das und viel mehr ist es. Er scheint das Unverträgliche einen zu wollen. Und er schafft es! Nie kippt das Opus in ein Extrem um, selbst dann nicht, wenn wie hier, im dritten Teil, nahezu kitschverdächtige, Dan-Brownische Verfolgungsjagden stattfinden. Es ist, als ob Sorokin mit Absicht alles tut, was "man nicht darf"; er verblendet die unterschiedlichsten Stile, Sprachen, Genre und Abstraktionsebenen, verbindet Hoch- mit Trashliteratur ohne im eigentlichen Sinne experimentell oder avantgardistisch zu sein. Letztlich ist es Mainstreamliteratur auf allerhöchstem Niveau, könnte auch für einen Blockbuster herhalten. Immer, wenn er einen Teil seiner Leser durch Über- oder Unterforderung zu verlieren droht, wechselt der Ton, werden neue Spannungen aufgebaut.
Alles läuft nun auf den verheißenen großen Kreis hinaus, die Erlösung oder das Ende der Welt, je nachdem, auf wessen Seite man ist. Aber auch hier bleibt der Leser unentschieden. Die Bruderschaft des Lichts weiß zu begeistern, man kann nicht anders als ihr Recht geben, sich wünschen, ihr zuzugehören, und doch erschauert man vor ihrer gnadenlosen, tyrannischen Konsequenz.
Nur ein Autor von Rang kann überhaupt nur in der Lage sein derart Widersprüchliches zu einen. Sorokin gelingt zu alledem sogar ein page turner - den man nicht nur lesen, den man diskutieren muss!