Wolltet Ihr nicht schon immer einmal die vielleicht tragischste wahre Liebesgeschichte aller Zeiten lesen? Es gab da einst ein unglückliches Paar, denen es nicht vergönnt war, sich lange aneinander zu erfreuen. Alle waren gegen diese Beziehung. Sie wurde schließlich eine Nonne. Ihn hatte man nachts überfallen und entmannt, und so widmete er sich der "Gottesgelahrtheit" und wurde ein wichtiger Theologe des Mittelalters. Die Rede ist von Abaelard und Heloise aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, von denen Armin Sierszyn im 2. Band seiner Kirchengeschichte berichtet (II, 136-140).
Sierszyn ist Pfarrer in Bäretswil, einem kleineren Ort zwischen Zürich und St. Gallen, und hat einen Lehrauftrag an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule (STH) in Basel. Seine Kirchengeschichte ist auf vier Bände hin angelegt, von denen bereits zwei erschienen sind. Im 1. Band geht es um die Alte Kirche, die für ihn im 5. Jahrhundert endet, obwohl er die christologischen Streitigkeiten noch bis zum 6. ökumenischen Konzil in Konstantinopel (681 n. Chr.) verfolgt. Der 2. Band läßt das Mittelalter bei der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig beginnen, die Sierszyn auf 498 n. Chr. datiert. Mit diesem Ereignis wurde der Grundstein des sogenannten "christlichen Abendlandes" gelegt, das im 15. und 16. Jh. durch Renaissance und Reformation ins Wanken geriet. Als Papst Julius II (gest. 1513) die Peterskirche in Rom neu errichten ließ, war das Mittelalter bereits zu Ende.
Sierszyn orientiert sich in seiner Kirchengeschichte grundsätzlich an den Ereignissen, Entwicklungen und Personen, die auch in anderen (einigermaßen ausführlichen) kirchengeschichtlichen Darstellung vorkommen. Im 1. Band sind das v.a. die Ausbreitung des Christentums, Christenverfolgungen, (nach-)apostolische Väter, Apologeten, Gnosis, Montanismus, Entstehung des Papsttums, Altkatholische und Kirchenväter, Konstantinische Wende, Benedikt und das Mönchtum und die christologischen Kämpfe. Im 2. Band werden behandelt: die frühe Germanenmission, die Bekehrung der Franken, Angelsachsen, Skandinavier und Slawen, die Konsolidierung der fränkischen Reichskirche, Geschichte des Mönchtums, Verhältnis von Staat und Kirche, Kreuzzüge, Inquisition, Scholastik, Mystik und Renaissance. Sierszyns Gliederung des 2. Bandes ist ein Kompromiß zwischen chronologischem und thematischem Aufbau. So schildert er für die ganze Zeit des Mittelalters zuerst die Geschichte der Mission, dann des Mönchtums, der Theologie usw.
Was Sierszyns Werk gegenüber anderen Kirchengeschichten auszeichnet, ist zum einen die spezifische Gewichtung, z.B. auf die Missionsgeschichte, und zum anderen seine eigene Deutung der historischen Begebenheiten. So vermitteln die Bände wertvolle Kenntnisse, die wir aus anderen historischen Abhandlungen nicht erhalten.
Bewegend ist Sierszyns Schilderung der frühen Christenverfolgungen. Tertullians Satz von ca. 200 n. Chr. steht dabei im Mittelpunkt: "Das Blut der Christen ist der Same der Kirche" (I, 20). Sierszyn betont dabei immer wieder die Kompromißlosigkeit der frühen Christen, die lieber in den Tod gingen als ihren Herrn Jesus zu verraten. Interessant sind dabei seine Anspielungen auf die Gegenwart, wenn er z.B. den antiken Pluralismus mit den zeitgenössischen Strömungen von heute vergleicht. Wir haben gegenwärtig zwar viel größere Wahlmöglichkeiten auf dem Markt der Weltanschauungen, aber eine viel geringere missionarische Kraft als die Christen der ersten Jahrhunderte. Der Gegenwartsbezug wird auch deutlich, wenn Sierszyn über das Frauenverständnis der Alten Kirche (I, 54ff) schreibt. Trotz des für Sierszyn beeindruckenden Märtyrermutes der frühen Christen stellt er sie nicht als fehlerlose Heilige dar, sondern legt schonungslos eindeutige Mißstände auf. Frei von jeder Polemik zeichnet er nach, wie allmählich unbiblische philosophische Gedanken in die christliche Theologie eindrangen. Dazu gehören die Gesetzlichkeit (I, 67), der Rücktritt der Kreuzestheologie (I, 80), gnostisches Schwärmertum (I, 94), marcionitische Bibelkritik (I, 99) u.v.m. Selbst die heutigen Auseinandersetzungen zwischen Charismatikern und Anticharismatikern sieht Sierszyn in der Alten Kirche "vorgeschattet" und empfiehlt eine vermittelnde Lösung (I, 107).
Zwischen volkskirchlicher und freikirchlicher Geschichtsinterpretation bezieht Sierszyn ausgewogen Stellung. Das zeigt sich vor allem in der Darstellung der sogenannten "Konstantinischen Wende" im 4. Jahrhundert (I, 93ff), die er weder als besondere Heilstat Gottes noch als den größten Sündenfall der Kirchengeschichte beschreibt. Unabhängig von den konkurrierenden Vorstellungen zwischen "Staatskirche oder Märtyrerkirche" bzw. "Volkskirche oder Freikirche" geht es eigentlich nur darum, das eigene Leben als Opfer für Jesus zu geben (I, 221).
Wie für Sierszyn die Missionsgeschichte von Wichtigkeit ist, so mißt er auch dem Mönchtum große Bedeutung bei. Vom damaligen Klosterwesen als einer "Protestbewegung" (I, 221) gegen die Verweltlichung der Kirche können auch heute noch Impulse ausgehen. Sierszyn zeigt sich z.B. beeindruckt von der Christus- Verbundenheit eines Bernhard von Clairvaux (1090-1153), der sich danach sehnte, Gott ganz persönlich zu erfahren (II, 123ff). Dabei übersieht Sierszyn aber nicht jene Elemente der Theologie Bernhards, die aus neutestamentlicher Sicht problematisch wirken. Dazu gehören die Kreuzzugs-Ideologie und die neuplatonisch-ekstatische Mystik des Ordensgründers.
Eine Besonderheit an Sierszyns Kirchengeschichte ist auch sein Ernstnehmen mittelalterlicher Wundererzählungen. Er beurteilt die vergangenen Epochen nicht mit der kalten Kritik eines Historismus, der nur das als wahr gelten läßt, was rational nachweisbar ist (vgl. I, 5f). So faßt Sierszyn alte Mirakelgeschichten oft nur zusammen und vermittelt den Leserinnen und Lesern dadurch einen Überblick über die Möglichkeiten des Wirkens Gottes: "... unserem technisch-aufgeklärten Weltbild fehlt nur der Platz für die Einordnung solcher Erscheinungen" (II, 76). - Es wird also dargestellt, als sei es ganz natürlich, wie z.B. Franz von Assisi die Stimme Christi in der Kapelle San Damiano vernimmt oder wie er später die Wundmale Christi empfängt (II, 168ff).
Sierszyns Kirchengeschichte ist allgemeinverständlich geschrieben und kann daher von allen Interessierten gelesen werden. Das heißt aber auch, daß sie nicht als alleinige Lektüre zur Examensvorbereitung im universitären Rahmen verwendet werden sollte. Als Einstieg in die Beschäftigung mit kirchenhistorischen Themen oder als vergnügliches Betthupferl können Sierszyns Bände allen Theologiestudierenden empfohlen werden.
Empfehlenswert sind die beiden Bücher aber auch für solche, die die exegetischen Methoden nicht an der Bibel, sondern an einem profanen Werk einstudieren möchten. Zur klassischen "Quellenscheidung" bietet sich Sierszyns Kirchengeschichte geradezu an. So enthält sie einige Sprünge und Unstimmigkeiten, die an der Kohärenz der Bände zweifeln lassen. Denn leider verwendet Sierszyn die Schreibweise vieler Namen nicht einheitlich: Callistus (I, 134) - Kalixt (I, 135), Celsus (I, 24) - Kelsos (I, 303), Dionysius Areopagita (I, 331) - Dionysius vom Areopag (II, 192), Chlodwig (II, 16) - Chlodowech (II, 51), Brunhilde (II, 52) - Brunichilde (II, 74), Ramon Lull (II, 116) - Raymundus Lullus (II, 117) u.a. Meistens werden die Leserinnen und Leser schon wissen, daß es sich bei beiden Schreibweisen um einunddiesselbe Person handelt. Aber für Leute, die sich ganz neu mit Kirchengeschichte beschäftigen, kann diese Uneinheitlichkeit verwirrend sein. Auffallend ist die wechselnde Orthographie auch bei Wörtern wie "Slawen" und "slawisch". Im 2. Band verwendet Sierszyn die v-Schreibweise ("Slaven", "slavisch") bis zum 2. Absatz auf 108. Dann geht er auf derselben Seite, von einem Satz auf den anderen, zur w-Schreibweise über, die er für den Rest des Buches beibehält. Auch der Stil wechselt immer wieder von salopper Umgangssprache zu feinerem Gelehrtendeutsch. Ich hätte mir gewünscht, daß Sierszyn vor dem Druck seine beiden Bücher noch etwas besser überarbeitet hätte, um solche unnötigen Uneinheitlichkeiten auszumerzen. Denn das Lesen von Büchern hat auch etwas mit Freude an der Sprache und an ihrer Ästhetik zu tun.
Insgesamt ist Sierszyns zweibändige Kirchengeschichte aber eine empfehlenswerte Lektüre, der ich eine zweite (und durchgesehene) Auflage gönnen würde. Die beiden Bücher sind eine Alternative für solche, die von den sterilen und angeblich objektiven Werken der Marke "Universität" genug haben und sich nach einer kleinen Erfrischung für zwischendurch sehnen.
Gerhard Gronauer
Ichthys 26 (1999), 77-79