Nach all den positiven Kommentaren muss ich jetzt mal als Verteidigerin des ganzheitlichen Singens dazwischen gehen. Wenn ich dieses Buch sehe, denke ich: Oh nein! Sie mögen mich für arrogant halten, doch ich möchte Sie dazu auffordern, beim Singen mehr zu fühlen und weniger zu denken.
Wie oft hat man es nicht schon gehört: Als Sopran hat man beim Einsingen eben leichtes Halsweh, das ist so. Oder Tenöre, die sagen, wenn sie nicht drücken dann kieksen sie. Bässe, die den Kiefer rückwärts auf die Kehle drücken, um so noch tiefere Töne herauszupressen. Das Resultat: Körper und Geist sind nicht im Einklang. Viele Chorsänger verschwinden als Individuum völlig und folgen brav dem Chorleiter, dabei stellen sie sowohl Denken als auch Fühlen ein. Sie begeben sich in einen Art Trance und verlassen sowohl Körper als auch Ich-Gefühl.
Chorsänger, die es gewohnt sind, schon beim Einsingen Halsweh zu bekommen, machen solche Aufwärmübungen wie sie hier so großzügig aufgelistet sind. Besonders Laien, die keinen bis wenig bewussten Zugang zu ihrer Bauchatmung und der dort ruhenden Atemstütze haben, bekommen mit diesen konsonantenbetonten Übungen schnell eine engere, festere Kehle (von Zunge und Kiefer ganz zu schweigen), noch mehr Hochatmung und Steifheit in sowohl Körper als auch Ton.
Ich habe mit Chören gearbeitet, die vor dem Einsingen mehr Stimme hatten als danach, die motiviert und lustvoll zur Probe erschienen und nach 20 Minuten gestresst und unsicher waren. Wegen der allzu unausgewogenen Einsingübungen. Ich finde das sehr bedauerlich!
Sicher, Leute mit wenig bis keiner gesangstherapeutischen Ausbildung denken, dies ist ein 'Rezeptbuch', mit dem sie ihren Chor '"zubereiten"' können. Doch so variiert die Übungen erscheinen mögen, so passen sie nicht allen. Oder, um es klarer zu sagen: Würden die Sänger vorher mindestens fünf Minuten lang effektive Tiefatmungsübungen machen dürfen, hätten sie wesentlich bessere Chancen, solche Einsingübungen gut zu überstehen. Dieses Buch listet nur einen Haufen Tonskalen auf, die Sie auch selber für Ihren eigenen Chor oder Ihre eigene Stimme verfassen können. Intuitiv findet der Körper genau die Tonfolgen, die er zum lockeren Einsingen braucht.
Mein Rat: Fühlen statt denken!
Erforschen Sie das Gefühl einer offenen, angstlosen Kehle.
Das Anseufzen eines Tones.
Den Lachreflex des Zwerchfells um die Atemstütze zu erfahren.
Sich durch eine hohe Passage zu "'stöhnen"', um das Körpergefühl bei zu behalten.
Atmen Sie bis in ihre Zehenspitzen ein, lassen Sie die Stimme über ihren Hinterkopf und Rücken strömen, öffnen Sie ihre Kehle'... fühlen Sie!