"Nicht ich bin verrückt, sondern die Welt ist es", stellt Aomame bei Betrachtung des zweiten Mondes, der sich in ihre Welt, ihre Zeit gestellt hat, fest. Das ist quasi auch das Fazit des Romans, vermutlich fast aller Romane Murakamis. Deren Helden sehen sich mit phantastischen und nicht sehr angenehmen Entwicklungen konfrontiert und müssen sich mit ihnen arrangieren. Am Ende von "1Q84", zumindest dieser Ausgabe, wird nicht ganz klar inwieweit das gelungen ist.
Es ist mir auch nicht ganz klar, inwieweit der Roman selbst als gelungen zu betrachten ist. Die Geschichte kommt zunächst langsam, nach meinem Geschmack doch zu langsam, voran, windet sich etwas gezwungen um immer dieselben Probleme, immer die gleichen Konstellationen finden statt, um dann ab der Hälfte des Bandes zu einem düsteren und durchaus spannenden Fantastik-Thriller anzuziehen und in ein etwas unbefriedigendes nebulöses Ende zu münden, das wohl als Bereitschaft für eine Fortsetzung dient. Schließlich sind ja längst noch nicht alle Geheimnisse der Geschichte enträtselt und die beiden Helden, "in welcher Form auch immer" sie nunmehr existieren mögen, haben sich noch immer nicht gefunden.
Ich weiß nicht, ob ich das wirklich wissen will. Ich bin kein großer Fan von Geschichten, in denen die Protagonisten ein weltentscheidendes Schicksal in sich tragen und ihre Begegnung und Vereinigung unglaublich wirkungsmächtig ist, sodass der Moment immer wieder hinauszuzögern ist. Ich mag auch nicht mehr die Konstruktion sehen, bei der ein Autor reale Ergebnisse seiner eigenen Geschichte erlebt. Wer damit keine Probleme hat, der wird hier bei Murakami in seiner so ungewöhnlichen Art zu erzählen mehr als anständig bedient. Ich selbst hatte, spätestens als Aomame mit dem 'Leader' zusammentrifft und dieser ihr dann alles so darbietet, was er weiß und was er sagen darf, eher das Gefühl bei Akte X zu sein als einen würdigen Schüler Kafkas anzutreffen. Und doch, obwohl ich mit der Geschichte ziemlich fremdelte, war ich gebannt von der Konsequenz und Intensität, mit der Murakami sie durchzog. Während ich bei den ersten fünfhundert Seiten manchmal überlegte, ob das Weiterlesen lohnte, konnte ich danach nicht mehr davon ablassen, war dann aber auch froh, als es vorbei war.
Murakami hat natürlich bemerkenswerte literarische Qualitäten. Seine Figuren sind immer einfühlsam und gewissenhaft konstruiert, die Art wie sie ihre Leben regeln, ihre Vorstellungen begründen, lösen beim Lesen immer Sympathie und Anteilnahme aus. Sie haben Charakter, kommen daher plausibel und plastisch bei mir an, ihre Skurillität ist niemals prätentiös und nur bei Murakami wirkt es glaubhaft, wenn ein Bodyguard Chechov zitiert. Überhaupt setzt er das Heranziehen von westlicher Kultur erstaunlich erfolgreich als Mittel ein, seine Geschichten mit noch mehr Bedeutung zu unterfüttern, auch wenn der Bezug zu Orwells "1984" dann doch etwas zu Trickreiches hat. Besonders stark sind seine Dialoge; es ist fast immer ein Vergnügen, wenn Tengo mit der wortkargen Fukaeri um ein paar Erkenntnisse ringt oder sich die verblümten Drohungen des fiesen und undurchdringlichen Ushikawa anhört, und Tengos Mentor Komatsu ist immer für einen exzellent sarkastischen Wortwechsel zu haben.
Bei dem deskriptiven Voranbringen der Geschichte bin ich mir nicht so sicher. Ich empfand zunächst das Hin- und Herschalten zwischen Tengo und Aomame als zu starr durchgehalten. Die recht kurzgehaltenen und in zu viele Abschnitte unterteilten Kapitel störten oftmals meinen Lesefluss, mein Gefühl für den Rhythmus. Irritierend empfand ich die Lakonik, mit der Murakami Aomame die Veränderung ihrer Welt entdecken lässt; da schien mir der Autor es sich zu leicht zu machen. Die Qualität der Metaphern und Analogien schwankte erheblich; viele waren ausgezeichnet, andere schienen etwas plump und weit hergeholt. Ärgerlich fand ich die thematischen Wiederholungen und Redundanzen. Immer wieder wird Tengos Vergangenheit angesprochen, immer aufs Neue die Kindheitsbegegnung mit Aomame durchgekaut (ein sowieso recht kitschiges Thema); Tengo reist gen Ende gleich zweimal zu seinem Vater und ungefähr zwischen den Seiten 200 und 450 lässt Murakami keine Gelegenheit aus uns über diversen Kanälen mitzuteilen, dass sich die radikalen Akebono von den liberalen Vorreiten abgespalten haben und letztere nach dem Schusswechsel der Radikalen mit der Polizei zu einer religiösen Sekte mutierten...
Trotz dieser Kritik will ich dieses Werk zu den guten Romanen zählen, weil er doch eine spektakuläre Wiederbegegnung mit einem sympathischen und unglaublich erfindungsreichen Schriftsteller ermöglichte, auch wenn ich es nicht nachvollziehen kann, wenn sein Name mit dem Nobelpreis in Verbindung gebracht wird.