Es ist nun schon über ein halbes Jahrhundert her, seit George Orwell in "1984" ein Schreckensgemälde eines totalitären Regimes der Unterdrückung aller menschlichen Individualität und Freiheit und der vollständigen Überwachung aufgezeichnet hat. Im Grunde hat er nur abgeschrieben, denn diese Diktaturen des Schreckens gab es schon, Nazi-Deutschland, Sowjetunion, Mao-China, DDR , Nordkorea u.a. Eine bessere Zustandsbeschreibung in literarischer Form lässt sich nicht denken. Alles kalter Kaffee? Mit Nichten!
Orwell geht es nämlich darum vor den Mechanismen zu warnen, die zu solcher Versklavung des Menschen führen. Und diese Mechanismen sind immer noch im Gange, auch bei uns. Er möchte, dass jedermann ein Gespür dafür entwickelt, um Fehlentwicklungen rechtzeitig Einhalt gebieten zu können. Kein Wunder, dass dieses Buch in Diktaturen auf der Verbotsliste stand. Warum nur? Ein getroffener Hund bellt! Aber betroffen sind wir alle, denn gerade im fortschreitenden Medienzeitalter sind ja erst die idealen Voraussetzungen gegeben die vollkommene Einflussnahme und Kontrolle auf Menschen auszuüben. In heutigen totalitären Regimen ist es z.B. üblich bestimmte Websites zu sperren, so dass hier auch wieder nur bestimmte Informationsflüsse zugelassen sind. So bildet man Meinung. D.h. die Vorzüge der heutigen Vernetzungen der Informationswege, können auch jederzeit ins Negative umgekehrt werden. Man glaubt, das was die Mehrheit für richtig hält, weil es bequem ist.
Als Orwell 1984" schrieb, dachte er zwar an die Sowjetunion, jedoch haben seine Beobachtungen zur menschlichen Psyche universelle Gültigkeit. Was er beschreibt ist der Idealtypus einer totalitären Diktatur wie sie sich folgerichtig aus der Verirrung des menschlichen Selbstverwirklichungswillens, der oft genug Wunschdenken ist, das Paradies, könne auf Erden verordnet werden, von Gnaden menschlichen Vermögens zwangsläufig ergibt. Mit Prophetie hat das nichts zu tun, wenn man es so wie Orwell erkennt und beschreibt. Es entspricht der Selbsterkenntnis zu der jeder vernünftige Mensch kommen muss.
In 1984" herrscht wie in der Sowjetunion oder der DDR oder Kuba eine frappierende Mangelwirtschaft, die aber mit Hilfe der Macht der Propaganda geleugnet wird. Bei Orwell heißt das Wirtschaftsministerium daher auch Ministerium der Fülle". Das ist ein Kennzeichen totalitärer Systeme, dass sie auch Missbrauch der Sprache treiben, alles verdrehen, Regimegegner verleumden und wenn sie sie zu fassen kriegen, verschwinden lassen. Das alles zum angeblichen Wohl der Allgemeinheit. Jeder erkennt eigentlich den Irrsinn, aber alle ergeben sich in die Zwänge und machen das Spiel mit. Der Realitätssinn wird nicht mehr benötigt, er verkümmert immer mehr und die Umkehr zur Vernunft und zu tragfähigen Wertevorstellungen immer schwieriger. Warum wirft man mir vor, dass ich die Tür nicht aufgeschlossen habe?" fragt sich die KZ-Aufseherin, die vor Gericht steht, weil in dem verschlossenen Gebäude Häftlinge verbrannt sind. Ich habe doch keinen Befehl dazu gehabt!"
Zunächst unterwirft man sich der Lüge, bis man gewohnheitsmäßig mit ihr lebt. Wer erinnert sich nicht an die Propaganda der Nazis, die von unwertem Leben", Volksschädlingen" usw. sprach und einerseits die Vergötzung des Menschen durch das Herrenmenschentum und zugleich die Entwertung des Menschen durch die Rassenlehre auf die Spitze trieb. So ist das immer, Selbsterhöhung führt zum Fall und Untergang. Das ist immer das Gleiche, bei Ideologien, wonach der Mensch selbst vorgibt was gut und recht ist. Insoweit zieht Orwell nicht die letztlich notwendigen Schlussfolgerungen. Der Mensch findet eben nicht zur Wahrheit" in sich selbst. Kaum meint er sie gefunden zu haben, schon richtet sie sich wieder zerstörerisch gegen sich wie gerade in seinem Animal Farm" deutlich wird.
Orwell sagt in 1984" deutlich, was unrecht ist. Jedoch, woher sich die individuelle Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen herleiten soll, wenn sie nicht natürlich gegeben sein können, dazu hat er nichts zu sagen. Es verliert sich irgendwo im Nebel humanistischer Weisheiten, die unter dem Verdacht stehen auch nur wieder als Reithelfer missbraucht werden zu können. Schon die Bibel warnte: Wehe denen, die Böses gut und Gutes bös nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen." Gut, aber wie lässt sich das Böse vermeiden?
Es wäre falsch mit dem Finger auf totalitäre Systeme zu zeigen und zu denken, dass das eines demokratischen Rechtsstaates alles nicht passieren kann. Orwell wusste um die Zerbrechlichkeit und Empfindlichkeit aller von Menschen angelegten Herrschaftsformen und Ordnungen, die ein oben und ein unten haben müssen. Er wusste, der so genannte freie Westen kann schnell in den Totalitarismus abgleiten. In Deutschland ging das ganz schnell und es ist ein Trugschluss anzunehmen, dass das anderswo anders wäre. Dass eine hoch stehende Kultur nicht davor schützt hat man am Beispiel der Deutschen gesehen. Und heute? Skeptiker entdecken auch in unserer Gesellschaft Ansätze zur Einschränkung von Freiheiten und des Informationsmissbrauchs, auch wenn dies meistens noch auf einer unterschwelligen Ebene abläuft. Wer sich etwa zu "christlich" äußert, wird neuerdings schnell als Fundamentalist gebrandmarkt oder sogar schon mit den Islamisten in einen Topf geworfen. Wegen dem heute geltenden Relativismus, der als einzige Wahrheit gelten lässt, dass es keine Verbindliche Wahrheit gibt, übersieht man, dass gerade Christen den Begriff der Wahrheit eng mit dem der individuellen Freiheit verknüpfen, während das im Islam, nicht der Fall ist, weil der Islam einen politischen Herrschaftsanspruch hat.
Jedenfalls macht Orwell klart, dass die Umkehrung der Werte mit der Umdrehung der Begriffe einhergeht. "Krieg ist Frieden" oder "gerechter Krieg" sind austauschbar. Und dieser Prozess fängt im Kleinen an, mit verbaler Hetze und endet im Holocaust im schlimmsten Fall. Zuerst wird man verbal ins Abseits gestellt, dann in aller Konsequenz. Der Marxismus-Leninismus besaß die Unverfrorenheit sich sogar als wissenschaftliche Erkenntnis zu bezeichnen. Wir lachen darüber. Aber wie sieht es bei uns aus? Bei uns gibt es eine weitgehend unkritische Wissenschaftsgläubigkeit. Heute wissen sogar die früheren Marxisten, dass die Marxisten sich irrten. Wir haben schon hundertfach gesehen, was geschieht, wenn der Mensch sich zum letzten Maßstab nimmt. Seine Selbsterlösungsprogramme sind zum Scheitern verurteilt. Irgendwann ist es auch mit der persönlichen Freiheit vorbei. Orwells Buch sollte uns eine Warnung sein. "1984" ist eines jener wenigen Bücher, dies jeder einmal gelesen haben sollte. Und es bewahrt seine Aktualität.