Aus der Amazon.de-Redaktion
Jetzt erscheint 1979, gewissermaßen das Come-back des Popliteraten wider Willen, ein erstaunliches Buch. Erstaunlich erst einmal, weil sich im Ton und in der Haltung auf den ersten Blick wenig geändert hat. Wieder geht ein obsessiv mit sich und seinen Kleidungsstücken beschäftigter "Ich-Ich-Ich-Erzähler" auf Reisen, nur diesmal eben nicht von Sylt an den Bodensee, sondern erst durchs revolutionsgeschüttelte Teheran und dann via Tibet nach China.
In Teheran dröhnt der Lärm von Panzern durch die Straßen, der Staatsstreich steht kurz bevor, doch der Erzähler interessiert sich vor allem für Innenarchitektur, insbesondere für "mit gestreifter brombeerfarbener Seide bezogene Empire-Chaiselongues". Krachts Blick auf die Welt ist der eines Dandys, der sich schnell einmal übergibt, wenn jemand im Park von "vier schwarzgekleideten bärtigen Männern" verprügelt wird und der sich sogar vor seiner eigenen Spucke ekelt. Für den deutschen Alltag zwischen Cocktailparty und Aldi-Kassenschlange war diese Wahrnehmung sehr produktiv, vor dem Hintergrund einer islamischen Revolution wirkt sie nur grotesk.
Natürlich wird es auf die Dauer langweilig, Kracht immerzu Nabelschau vorzuwerfen, und insofern ist es gut, dass der neue Roman auch eine existenziell-spirituelle Dimension bereit hält. Erst stirbt ein geliebter Freund, dann erhält die Hauptfigur von irgendwelchen Revolutionären den Auftrag, in China auf einen heiligen Berg zu steigen, um sich oder die Welt (so klar wird das nicht) zu heilen. Schließlich landet er in einem kommunistischen Straflager, wo ihn aber auch wieder hauptsächlich das Essen stört, das "heftige Blähungen" auslöst. Beim Lesen fragt man sich: Ist das Polit-Satire? Oder Literatur-Parodie? Wie gesagt: ein erstaunliches Buch, das einen ratlos zurücklässt. --Oliver Fuchs -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Amazon.de-Hörbuchrezension
Vielleicht ist es da Berechnung (wahrscheinlich aber nicht), dass Kracht seinen zweiten Roman 1979 nicht im deutschen Gegenwartsalltag ansiedelt, sondern zunächst im krisengebeutelten Teheran des titelstiftenden Jahres, später in den Bergen Tibets, schließlich sogar im chinesischen Arbeitslager. Geschildert wird die Odyssee eines Ich-Erzählers, dem erst der Freund wegstirbt und der daraufhin einem alten Brauch folgend einen heiligen Berg umwandern will, um sich von seinen Sünden reinzuwaschen und überhaupt einmal ein Ziel vor Augen zu haben. Das Reinwaschen der Sünden klappt nicht, stattdessen erfolgt nach der Bergumwanderung die Verhaftung durch chinesische Soldaten. Im Arbeitslager fügt sich der Erzähler bald gar nicht mal unglücklich in sein Schicksal, vermutlich weil die Regeln und Strukturen im Lager konstant und eindeutig sind, anders als in der komplizierten Außenwelt.
Die Hauptfigur braucht nicht lang bis sie dem Leser zum ersten Mal erzählt, wessen Musik sie hört und von welcher Marke Schuhwerk und Einstecktuch sind. "Aha!", mögen da die Besserwisser und Rechthaber brüllen, und: "Popliteratur!" Aber wer brüllt lügt und übersieht, dass die Beschreibung des Banalen hier nur einen Bruchteil der Erzählung einnimmt, und zwar einen notwendigen. Musikgeschmack und Garderobe sind Ausdruck des Charakters, also ist es völlig legitim, eine Figur zumindest teilweise darüber zu definieren. Das ist nicht oberflächlich, sondern effizient. Es erlaubt dem Autor, auf anderen, wichtigeren Gebieten schneller zur Sache zu kommen. Und Christian Kracht beackert hier eine Menge anderer Gebiete auf nur drei CDs. Seine Schilderung der komplizierten Beziehung zwischen der Hauptfigur und ihrem schwer kranken Freund ist bewegend und nachvollziehbar, die Milieubeschreibungen vom billigen Hotelzimmer in Teheran bis zur Bergwelt Tibets ist immerhin gut ausgedacht, die Suche der Hauptfigur nach Erleuchtung oder Ähnlichem wirkt nicht aufgesetzt und ist erfreulich plattitüdenfrei.
Im Hintergrund dieser Hörbuchaufnahme knackt es, als höre man eine ohne Sorgfalt gereinigte Vinylplatte. Die Intention dieses Gimmicks wird nicht ganz klar. Weil es 1979 noch keine CDs gab? Oder ist es nur eine Schnöselmarotte? Im Grunde ist es egal, denn es stört ebenso wenig wie es hilft. Es ist einfach da, so selbstverständlich, wie die Stimme Christian Krachts einfach da ist. Mit großer und angemessener Ernsthaftigkeit trägt er seine Groteske vor, nimmt sich viel Zeit, klingt dabei weitaus erwachsener, als sein jungenhaftes Pressefoto erahnen lässt. Vermutlich im Studio nachgeholfen. Aber was soll's, es ist angenehm, dieser Stimme zuzuhören. Vielleicht angenehmer, als die spröde, aber nicht uninteressante Geschichte selbst lesen zu müssen. --Andreas Neuenkirchen -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001
Dies sei gewiss nicht der beste, aber der "erstaunlichste Roman dieses Herbstes", befindet Hubert Spiegel im Aufmacher der Literaturbeilage. Gerade jetzt, da der Westen gezwungen werde, "sich selbst mit Augen zu sehen, die nicht seine eigenen sind", lasse Krachts Buch aufhorchen: eine "höhnische Parodie schöngeistiger Reiseliteratur", ein "Pamphlet gegen die Dekadenz und moralische Verrottung des Westens", eine "Auslöschungsfantasie". In Spiegels Augen erzählt der Roman, warum die Terrortaten radikaler Fundamentalisten nicht nur die islamische Welt faszinieren könnten. Denn was dem radikalen Islamisten ein letztes Mittel zur Errichtung seines Gottesstaates sei, diene dem "zynischen Ästhetizisten" als Mittel zur Negation der bestehenden Verhältnisse. Der "müde Ekel", mit dem Kracht Drogenexzesse und Jet-Set Rituale schildere, hat Spiegel zufolge allerdings selbst einen "dandyhaften Unterton". Mitunter hört Spiegel hier beim Ich-Erzähler sogar eine gegen sich selbst gerichtete Aggression heraus. Als unmittelbaren literarischen Bezugspunkt nennt der Rezensent Robert Byrons Reiseliteratur-Klassiker "Reise nach Oxanien", für dessen Neuausgabe 1980 Bruce Chatwin ein Vorwort geschrieben habe. Kracht habe Byrons Figurenkonstellation beibehalten, schreibt Spiegel, er lasse die Figuren aber "blind und taub" durchs Land reisen, "ignorant und hochmütig". Wo Byron dem Orientalismus fröne, sei Krachts Persien ein "schwarzer Spiegel, der dem Westen nichts offenbart außer der eigenen Ignoranz und Hässlichkeit".
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 12.10.2001
Drückt er sich oder will er dem Autor nur nicht auf den Leim gehen? Gustav Seibt verweigert sich in seiner Kritik jeglicher moralischen Bewertung dieser Geschichte über einen Designer "von geringer Bildung", der - angeekelt von der eigenen Dekadenz - seine innere Freiheit erst als vollkommen Unterworfener in der Hölle eines chinesischen Arbeitslager findet. Der Rezensent nimmt die Geschichte vielmehr als Experiment über eine ästhetische Haltung: Mit dem Verzicht auf Individualität siegt in "1979" (dem Jahr, in dem der Schah gestürzt wurde) der "Einzelne mit seinem Schönheitssinn" über jene das Vulgäre verkörpernden Individuen, die 1968 und 1989 ihrerseits die Autoritäten besiegt hatten. Seibt widmet sich - so dem Autor folgend - in seiner Besprechung vor allem der ästhetischen Umsetzung des Ganzen. Kracht beginne seine Schilderungen der Partys in Teheran mit "orientalisierendem Tuntenbarock", spätere Schilderungen hätten gar einen "Stich ins Alberne". Immerhin: "in seinen besten Momenten" erzeuge Kracht die "spannungsvolle Kälte" der Nahost-Thriller Eric Amblers. Nach diesem Tiefschlag hätte Seibt eigentlich nicht mehr erwähnen müssen, dass er das Buch nicht ganz ernst nimmt. Noch vernichtender fällt seine Kritik an der Ausstattung des Bandes aus. Die "schöne kleine Bodoni" ist nur im Offset gedruckt und der Band nicht fadengeheftet: "Das erscheint unbegreiflich".
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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 10.10.2001
Ganz so dumm ist dieser Typ also doch nicht, hört man Elke Buhr zwischen den Zeilen sagen. Schon Krachts Debütroman "Faserland" galt als der beste unter den Werken der jungen deutschen Pop-Literaten, die von Talkshow zu Talkshow zogen und die "Unterwerfung aller Lebensfragen unter das Primat des Stils" proklamierten, so Buhr. Darum geht es ansatzweise auch in Krachts neuem Roman, der im besagten Jahr 1979 im revolutionären Teheran spielt, das in seltsamem Kontrast zu den zwei westlich dekadenten Dandys steht, die es dorthin verschlägt. Krachts einst Unsicherheit verratende Sprache sei der Klarheit und Präzision gewichen, lobt die Rezensentin. Der Protagonist agiere wie ein "offenes Fass", das alles aufsaugt, protokolliert, aber nicht rebelliert, auch nicht, als er nach einem heilsuchenden Trip durch Tibet vom chinesischen Militär aufgegriffen und in ein Arbeitslager gesteckt wird. Was dort vom Dandy übrig bleibt, so Buhr, ist nicht etwa sein Zynismus, seine Verachtung, seine Intelligenz, sondern bloß Blasiertheit und Indifferenz: "zwischen Dummheit und Zen".
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Pressestimmen
Das ist absurd, das ist schrecklich. Das liest sich wie ein subtiler Splatterroman, wie die totale Schwindsucht, wie ein lauter Schrei nach Autorität und wie ein stiller nach Liebe.
Ein brillant geschriebenes Buch. Ein sehr konsequentes, sehr trauriges Buch.
Christian Kracht ist ein ästhetischer Fundamentalist.
Schwer zu hassen, schwer zu kopieren: ›1979‹ – der neue Roman von Christian Kracht.
Kracht ist seinem Publikum, kaum daß er es zu gutem Geschmack erzogen hat, schon wieder eine Nasenlänge voraus.
Die sozialen Überlegenheitsposen dieses wohlhabenden Taugenichts erscheinen als Protest gegen die Häßlichkeit der Gesellschaft, ihrer Menschen und Dinge, gegen das allgegenwärtige pädagogisch-moralische Geschwätz.
Mit intelligentem Zynismus nimmt Kracht eine zwar ideologiefreie doch keineswegs amoralische Position ein.
Nachhaltig verstörend und sprachlich überzeugend.
›1979‹ ist eine Überraschung. Schnell geschrieben? Unwahrscheinlich. Schnell gelesen? Unbedingt. Schnell vergessen? Auf keinen Fall.
literature.de, 06. August 2004
Kurzbeschreibung
»Es gab einige Militärkontrollen, denn seit September herrschte Kriegsrecht, was ja eigentlich nichts zu bedeuten hatte in diesen Ländern, sagte Christopher. Wir wurden weitergewunken, einmal sah ich einen Arm, eine weiße Bandage darum und eine Taschenlampe, die uns ins Gesicht schien, dann ging es weiter. Die Luft war staubig, ab und zu roch es im Wagen nach Mais. Wir hatten nur zwei Kassetten dabei, wir hörten erst Blondie, dann Devo, dann wieder Blondie.«
Iran am Vorabend der islamischen Revolution. Ein junger Innenarchitekt und sein kranker Freund Christopher reisen als Angehörige einer internationalen Partyszene durch das Land. In Teheran werden die Panzer des Schahs aufgefahren. Zwischen Drogenexzessen, Schönheit und Gewalt erfaßt den Ich-Erzähler der Taumel von etwas Neuem. Eine Welt ohne Zentrum, in der auf einmal alles möglich erscheint. Doch bald wird klar, daß man in einer durch Schönheit und Leid zweigeteilten Welt nicht ewig als Tourist herumreisen kann.
Im besetzten Tibet, wohin es den Ich-Erzähler nach dem Tod seines Gefährten verschlägt, wird er von chinesischen Soldaten verhaftet. Dort holen sie ihn ein: die Realitäten der von Machtinteressen und politischer Gewalt beherrschten Welt. Er wird verhört und nach China gebracht, zur Umerziehung in ein Arbeitslager.
Der Verlag über das Buch
»Das ist absurd, das ist schrecklich. Das liest sich wie ein subtiler Splatterroman, wie die totale Schwindsucht, wie ein lauter Schrei nach Autorität und wie ein stiller nach Liebe.« Gerrit Bartels in der taz
»Ein brillant geschriebenes Buch. Ein sehr konsequentes, sehr trauriges Buch.« Elmar Krekeler in der Welt
»Christian Kracht ist ein ästhetischer Fundamentalist.« Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung
»Schwer zu hassen, schwer zu kopieren: 1979 der neue Roman von Christian Kracht.« Timm Klotzek im jetzt-Magazin
»Kracht ist seinem Publikum, kaum daß er es zu gutem Geschmack erzogen hat, schon wieder eine Nasenlänge voraus.« Berliner Zeitung
»Die sozialen Überlegenheitsposen dieses wohlhabenden Taugenichts erscheinen als Protest gegen die Häßlichkeit der Gesellschaft, ihrer Menschen und Dinge, gegen das allgegenwärtige pädagogisch-moralische Geschwätz.« Die Zeit
»Mit intelligentem Zynismus nimmt Kracht eine zwar ideologiefreie doch keineswegs amoralische Position ein.« Regula Freuler in der Sonntagszeitung, Zürich
»Nachhaltig verstörend und sprachlich überzeugend.« Marcus Bäcker im Kölner Stadt-Anzeiger
»1979 ist eine Überraschung. Schnell geschrieben? Unwahrscheinlich. Schnell gelesen? Unbedingt. Schnell vergessen? Auf keinen Fall.« Hamburg pur