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Christian Kracht reagiert angeblich allergisch auf das Wort "Pop". Komisch, denn immerhin hat er mit seinem Deutschlandreise-Roman
Faserland vor sechs Jahren einen regelrechten Boom junger deutscher Popliteratur losgetreten. Inzwischen ist die Welle abgeflaut -- und es sieht so aus, als wolle nun niemand dabei gewesen sein. Sein Co-Modell
Stuckrad-Barre macht ernste Literatur und der nach Bangkok exilierte Kracht schrieb eine ganze Weile nur Reiseglossen für die
Welt am Sonntag.
Jetzt erscheint 1979, gewissermaßen das Come-back des Popliteraten wider Willen, ein erstaunliches Buch. Erstaunlich erst einmal, weil sich im Ton und in der Haltung auf den ersten Blick wenig geändert hat. Wieder geht ein obsessiv mit sich und seinen Kleidungsstücken beschäftigter "Ich-Ich-Ich-Erzähler" auf Reisen, nur diesmal eben nicht von Sylt an den Bodensee, sondern erst durchs revolutionsgeschüttelte Teheran und dann via Tibet nach China.
In Teheran dröhnt der Lärm von Panzern durch die Straßen, der Staatsstreich steht kurz bevor, doch der Erzähler interessiert sich vor allem für Innenarchitektur, insbesondere für "mit gestreifter brombeerfarbener Seide bezogene Empire-Chaiselongues". Krachts Blick auf die Welt ist der eines Dandys, der sich schnell einmal übergibt, wenn jemand im Park von "vier schwarzgekleideten bärtigen Männern" verprügelt wird und der sich sogar vor seiner eigenen Spucke ekelt. Für den deutschen Alltag zwischen Cocktailparty und Aldi-Kassenschlange war diese Wahrnehmung sehr produktiv, vor dem Hintergrund einer islamischen Revolution wirkt sie nur grotesk.
Natürlich wird es auf die Dauer langweilig, Kracht immerzu Nabelschau vorzuwerfen, und insofern ist es gut, dass der neue Roman auch eine existenziell-spirituelle Dimension bereit hält. Erst stirbt ein geliebter Freund, dann erhält die Hauptfigur von irgendwelchen Revolutionären den Auftrag, in China auf einen heiligen Berg zu steigen, um sich oder die Welt (so klar wird das nicht) zu heilen. Schließlich landet er in einem kommunistischen Straflager, wo ihn aber auch wieder hauptsächlich das Essen stört, das "heftige Blähungen" auslöst. Beim Lesen fragt man sich: Ist das Polit-Satire? Oder Literatur-Parodie? Wie gesagt: ein erstaunliches Buch, das einen ratlos zurücklässt. --Oliver Fuchs
Pressestimmen
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001
Dies sei gewiss nicht der beste, aber der "erstaunlichste Roman dieses Herbstes", befindet Hubert Spiegel im Aufmacher der Literaturbeilage. Gerade jetzt, da der Westen gezwungen werde, "sich selbst mit Augen zu sehen, die nicht seine eigenen sind", lasse Krachts Buch aufhorchen: eine "höhnische Parodie schöngeistiger Reiseliteratur", ein "Pamphlet gegen die Dekadenz und moralische Verrottung des Westens", eine "Auslöschungsfantasie". In Spiegels Augen erzählt der Roman, warum die Terrortaten radikaler Fundamentalisten nicht nur die islamische Welt faszinieren könnten. Denn was dem radikalen Islamisten ein letztes Mittel zur Errichtung seines Gottesstaates sei, diene dem "zynischen Ästhetizisten" als Mittel zur Negation der bestehenden Verhältnisse. Der "müde Ekel", mit dem Kracht Drogenexzesse und Jet-Set Rituale schildere, hat Spiegel zufolge allerdings selbst einen "dandyhaften Unterton". Mitunter hört Spiegel hier beim Ich-Erzähler sogar eine gegen sich selbst gerichtete Aggression heraus. Als unmittelbaren literarischen Bezugspunkt nennt der Rezensent Robert Byrons Reiseliteratur-Klassiker "Reise nach Oxanien", für dessen Neuausgabe 1980 Bruce Chatwin ein Vorwort geschrieben habe. Kracht habe Byrons Figurenkonstellation beibehalten, schreibt Spiegel, er lasse die Figuren aber "blind und taub" durchs Land reisen, "ignorant und hochmütig". Wo Byron dem Orientalismus fröne, sei Krachts Persien ein "schwarzer Spiegel, der dem Westen nichts offenbart außer der eigenen Ignoranz und Hässlichkeit".
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 12.10.2001
Drückt er sich oder will er dem Autor nur nicht auf den Leim gehen? Gustav Seibt verweigert sich in seiner Kritik jeglicher moralischen Bewertung dieser Geschichte über einen Designer "von geringer Bildung", der - angeekelt von der eigenen Dekadenz - seine innere Freiheit erst als vollkommen Unterworfener in der Hölle eines chinesischen Arbeitslager findet. Der Rezensent nimmt die Geschichte vielmehr als Experiment über eine ästhetische Haltung: Mit dem Verzicht auf Individualität siegt in "1979" (dem Jahr, in dem der Schah gestürzt wurde) der "Einzelne mit seinem Schönheitssinn" über jene das Vulgäre verkörpernden Individuen, die 1968 und 1989 ihrerseits die Autoritäten besiegt hatten. Seibt widmet sich - so dem Autor folgend - in seiner Besprechung vor allem der ästhetischen Umsetzung des Ganzen. Kracht beginne seine Schilderungen der Partys in Teheran mit "orientalisierendem Tuntenbarock", spätere Schilderungen hätten gar einen "Stich ins Alberne". Immerhin: "in seinen besten Momenten" erzeuge Kracht die "spannungsvolle Kälte" der Nahost-Thriller Eric Amblers. Nach diesem Tiefschlag hätte Seibt eigentlich nicht mehr erwähnen müssen, dass er das Buch nicht ganz ernst nimmt. Noch vernichtender fällt seine Kritik an der Ausstattung des Bandes aus. Die "schöne kleine Bodoni" ist nur im Offset gedruckt und der Band nicht fadengeheftet: "Das erscheint unbegreiflich".
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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 10.10.2001
Ganz so dumm ist dieser Typ also doch nicht, hört man Elke Buhr zwischen den Zeilen sagen. Schon Krachts Debütroman "Faserland" galt als der beste unter den Werken der jungen deutschen Pop-Literaten, die von Talkshow zu Talkshow zogen und die "Unterwerfung aller Lebensfragen unter das Primat des Stils" proklamierten, so Buhr. Darum geht es ansatzweise auch in Krachts neuem Roman, der im besagten Jahr 1979 im revolutionären Teheran spielt, das in seltsamem Kontrast zu den zwei westlich dekadenten Dandys steht, die es dorthin verschlägt. Krachts einst Unsicherheit verratende Sprache sei der Klarheit und Präzision gewichen, lobt die Rezensentin. Der Protagonist agiere wie ein "offenes Fass", das alles aufsaugt, protokolliert, aber nicht rebelliert, auch nicht, als er nach einem heilsuchenden Trip durch Tibet vom chinesischen Militär aufgegriffen und in ein Arbeitslager gesteckt wird. Was dort vom Dandy übrig bleibt, so Buhr, ist nicht etwa sein Zynismus, seine Verachtung, seine Intelligenz, sondern bloß Blasiertheit und Indifferenz: "zwischen Dummheit und Zen".
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