Fashion Pre-Sale Hier klicken Jetzt informieren BildBestseller Cloud Drive Photos Learn More bosch Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic GC FS16

Kundenrezensionen

4,0 von 5 Sternen56
4,0 von 5 Sternen
Format: Taschenbuch|Ändern
Preis:8,95 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime
Ihre Bewertung(Löschen)Ihre Bewertung


Derzeit tritt ein Problem beim Filtern der Rezensionen auf. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

am 23. Februar 2013
Der Roman beginnt in Teheran im Jahr der islamischen Revolution. Als Touristen sind ein Innenarchitekt, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, und sein Lebensgefährte Christopher, obwohl sie sich schon lange nichts mehr zu sagen haben, in den Iran gereist. Christopher ist ein blasierter blonder Adonis, der sich auf einer Party im Norden der Stadt hemmungslos betrinkt und zukokst, durch eine Glastür stürzt und schließlich im Krankenhaus an seiner langjährigen AIDS-Erkrankung stirbt – nur dass im Jahr 1979 noch niemand die Krankheit kennt. Christophers Tod ist das Menetekel eines noch viel universelleren Zusammenbruchs.
Auf der Party ist es auch zum ersten Zusammentreffen des Protagonisten mit dem rätselhaften Rumänen Mavrocordato gekommen, der ihn mit esoterischen Einsichten verwirrt und in verschleierter Form auch den Tod Christophers voraussagt. Eine Kassette, die ihm untergejubelt wurde und Khomeini-Reden enthält, sorgt ebenfalls für Verwirrung. Doch die Polizei entlässt den Ich-Erzähler in die deutsche Botschaft, wo er die Formalitäten für den Todesfall regelt. Als er danach in einem Café von der nächtlichen Ausgangssperre überrascht wird, schleust ihn der Wirt durch einen unterirdischen Gang zu Mavrocordato, mit dem zusammen er nachts auf einem Gebäude eine Überwachungskamera in einen »hermetischen Zustand« versetzt, indem er sie mittels eines mitgebrachten Fernsehbildschirms, die er vor ihr aufstellt, sich selbst aufnehmen lässt. Schließlich regt Mavrocordato den Erzähler zur Umrundung des heiligen Berges Kailasch in West-Tibet an und gibt ihm auch das nötige Geld dafür. Der Ich-Erzähler könne so nicht nur von den Sünden eines Lebens reingewaschen werden, er würde auch etwas tun, »um das aus den Fugen geratene Gleichgewicht wiederherzustellen« (S. 117).

Der zweite Teil des Buches, der etwa ein Drittel des Textes ausmacht, widmet sich dann dieser bizarren Pilgerreise in die Einöde Tibets. Auftritte haben: ein wortkarger Führer, ein verrückter Mönch, ein zärtlicher Mönch und schließlich eine ganze Horde von Mönchen, mit denen gemeinsam er die Pilgertour um den Berg unternimmt, sich dabei ihren Ritualen anschließend (man wirft sich während der Umrundung fortwährend auf den Boden). Dann setzt das chinesische Militär den heiligen Verrichtungen ein jähes Ende. Die Katharsis des Erzählers verschiebt sich und erfolgt völlig anders als erhofft: nicht am Kailasch, sondern in einem Arbeitslager, in dem der illegal Eingereiste nach rücksichtslosem Verhör landet, nach Zumutungen durch Kälte und Durst, die der Verhaftete wie ein Hund an eine Heizung gefesselt zu erdulden hat. Das Ziel der Chinesen ist seine anti-imperialistische Umerziehung. Er wird also in ein monströses chinesisches Lager in der Wüste Lop Nor (Provinz Xinjiang) verbracht, wo er Löcher in den Wüstenboden graben muss, die karge Nahrung durch eiweißhaltige Maden aus dem Abort zu verbessern trachtet und schließlich Zeuge wird, wie sein bester Kamerad unter den Häftlingen von den »Kriminellen«, also den nicht-politischen Gefangenen, ermordet wird. Gleichmütig nimmt er alle Erniedrigungen und Misshandlungen hin und gleicht darin einem Gregor Samsa, doch ehe er womöglich dessen Los teilen muss, endet der Roman. Bemerkenswerter Kommentar des Erzählers zu seiner Lage: Er sei »glücklich«, endlich mal richtig abnehmen zu können; »ein, zwei Kilo hatte ich mir früher herunterhungern können, aber jetzt waren schon mindestens zehn oder zwölf Kilo weg, Gott sei Dank« (S. 166) – für mich eine Schlüsselstelle.

Das bereits über ein Jahrzehnt alte Buch des durch Imperium in die Schlagzeilen und Bestsellerlisten geratenen Schweizer Exzentrikers liest sich, als wäre Franz Kafka mit Hugo Pratt einen trinken gegangen, hätte sich mit ihm über die neuesten Trends auf dem Basar mystisch-esoterischer Geheimlehren ausgetauscht und danach eine Reinkarnation seines K. auf eine Reise in den Orient geschickt. Die schlichte Sprache, die Christian Kracht allerdings anreichert mit einer Vielzahl von Eigennamen aus der Welt der Mode sowie der Kunst- und Kulturgeschichte, ist dabei geblieben und verstärkt die Sogwirkung des Mysteriums, in das die Pilgerfahrt seiner Hauptfigur den Leser führt. Die Markennamen verschwinden dann notgedrungen, als sich die von Christopher geerbten »Berluti-Schuhe« im Staub von Tibet auflösen und nur mehr Filz als Kleidungsrohstoff taugt. Das Leben wird zunehmend aufs Elementare reduziert, auf das blanke Überleben. In dem scharfen Kontrast zwischen der Lebenswelt des Protagonisten vor und nach der Begegnung mit seinem rumänischen Guru vermuten viele die verborgene Botschaft des Romans. Solche schlichten Erklärungsversuche unterstreichen, wie sehr dieses Buch nach Interpretationen schreit. Denn drängender denn je steht am Ende der Lektüre die quälende Frage: »Was will uns der Autor mit diesem Büchlein sagen?« Etwas unbotmäßiger formuliert: »Was soll das?« Aber das war bei Kafka ja auch schon so.
11 Kommentar|5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 19. November 2001
Alles beginnt im Iran, Teheran, 1979. Dies verwundert nicht weiter, wer Krachts „bunten Bleistift" kennt, weiß um seine Affinität zum Orient und Nahen Osten. Es ist die Zeit des Umbruchs, der islamischen Revolution. Der Kriegszustand ist ausgerufen, und inmitten dieser Wirren der Zeit, agieren der Protagonist und sein -zu meiner Überraschung- schwuler Freund Christoph wie zwei Grotesken. Typisch Kracht steht die Politik hinten an, stattdessen werden Vorhänge kritisiert, Chaiselongues vom Ich-Erzähler und Innenarchitekten beschrieben. Wer die aus „Faserland" bekannte Barbourjacke sucht, wird nach nicht ganz zehn Seiten fündig, sie wurde lediglich durch ein Paar Berluti-Schuhe ersetzt, diese erfüllen aber ihren Zweck genauso gut, nämlich den Leser immer wieder an die Anfänge dieses wahnwitzigen Werkes zu erinnern. Das ist auch bitter nötig, denn was Kracht da in nicht einmal 180 Seiten zusammengeschrieben hat, wäre genug Stoff für andere Zeitgenossen, daraus eine sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende Trilogie zu stricken. Ich danke Herrn Kracht für die Kurzfassung. Er bleibt sich -zumindest am Anfang- völlig Treu. Der geliebte, intelligente und hochzynische Freund des Erzählers und die ausschweifende Drogenparty, auf der die beiden in den ersten fünfzig Seiten landen ließen jedenfalls auf ein Remake von „Faserland" in Fernost vermuten, könnte doch der Verlauf der Feier genauso gut einer Szene des genannten Buches entnommen sein. Doch weit gefehlt. Ohne zuviel verraten zu wollen, wer ein von diesem Buch leichte Unterhaltung erwartet, dem wird spätestens im letzen Viertel das Lachen im Halse stecken bleiben. Und trotz der tragisch beschriebenen folgenden Ereignisse, die ich nicht so recht Kracht zuschreiben wollte bleibt es ein „echtes" Buch, made by C.K. Ein Feuerwerk überhöhter Ironie, eine Leichtigkeit und die Einfachheit der Sprache in Verbindung mit der paradoxen Geschichte stehen in einem grotesken Zusammenspiel und machen „1979" zu einem der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Wo andere Erzähler sich wortgewaltiger, blumiger Floskeln bedienen, um den Geschehnissen Tribut zu zollen, lässt der Kracht der Geschichte Luft, Platz zum Atmen, eine mysteriöse Ruhe liegt über den Ereignissen und der Leser darf sich selbst ein Bild der Geschichte machen. Und wenn man - wie ich - nach nicht ganz fünf Stunden intensiven Lesens das schlichte Buch beiseite legt, in einem Wechselbad der Gefühle, zwischen Schrecken, Empörung und Entzücken. - Der darf getrost wieder von vorne beginnen. Denn im Wissen um die späteren Ereignisse lassen die Hauptdarsteller in einem ganz anderen Licht dastehen, die Figuren wirken - im Gegensatz zum ersten Mal- schlüssig. Da passen die Details, die Lücken sind gefüllt. Für mich ist „1979" ganz klar eines der großen Werke der Gegenwartsliteratur.
Und wer nun aufgrund dieser Kritik über die Anschaffung nachdenkt, und zuvor keinen Kontakt mit dem Schreiben Krachts hatte, dem sei zuerst die Lektüre von „Faserland" ans Herz gelegt. Zum einen, weil das Erstlingswerk schon als Taschenbuch verfügbar, zum anderen, weil „1979" als konsequente Weiterentwicklung zu sehen ist. Doch Vorsicht: Kracht wird nicht erwachsen. Nur besser.
0Kommentar|46 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 15. November 2013
Gelesen hat man das Buch in wenigen Stunden. Aufgehört darüber Nachzudenken, sich an der eleganten Sprache zu erfreuen und durch und durch beeindruckt von den wenigen aber dafür umso prächtiger konstruierten Charakteren zu sein, habe ich auch ein halbes Jahr später nicht. Mit 1979 geht Christian Kracht weit über das reine Geschichten erzählen hinaus. Ich habe noch nichts vergleichbares gelesen.
0Kommentar|4 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 20. Mai 2015
Eigentlich hatte ich nach „Faserland“ gesucht, bin dann aber glücklicherweise an „1979“ geraten.
Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren so eine inhaltlich ungewöhnliche Novelle (sehr kurz das Buch; unter 200 Seiten bei sehr sparsamen Text im Seiten-Layout) gelesen zu haben.
Faszinierend ist vor allem, wie sich „1979“ jeder Deutung und Einordnung entzieht.

Handlung:
Die Geschehnisse an sich sind im 1. Teil banal: Ein Pärchen ohne gemeinsame Zukunft ist auf einer Iran-Reise am Vorabend der Revolution und besucht eine dekadent-ausschweifende Party der Teheraner Oberschicht. Schließlich verstirbt noch in der selben Nacht -vermutlich- aufgrund von Drogen- und Alkohol-Missbrauch der Lebensgefährte des Ich-Erzählers. Kurz darauf tritt dieser Ich-Erzähler in den ersten Wirren der Revolution sodann über den ersten surrealen Kniff der Geschichte erneut auf einen weiteren Gast der vorerwähnten Party. Dieser Herr -seltsam weltentrückt/spirituell/zwielichtig- ermuntert den Protagonisten schließlich zu einer Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash in Tibet.

Der 2. Teil beginnt sodann mit dem Ende einer vermutlichen Odyssee, welche den Ich-Erzähler schließlich zum besagten Berg gebracht hat. Die Umrundung des Kailash wird aber durch die Festnahme durch chinesische Soldaten und Verbringung in ein Gefangenenlager mit anschließendem Verhör/Folter verhindert. Ohne Chance auf Flucht oder Entlassung vegetiert der Protagonist körperlich schließlich in mehreren mondähnlichen Landschaften (Tibet/Lop Nor) mit anderen Personen einem Tod durch Mangelernährung/Zwangsarbeit/Verstrahlung entgegen. Spirituell scheint er jedoch seinen Frieden mit sich und seiner Umwelt gefunden zu haben und erfreut sich aufrichtig an 15 Gramm selbstgezüchtetem Madenfleisch zur Nahrungsanreicherung.

Sprache:
Der Text ist kurz, die Sprache trocken, karg und lässt trotzt bestimmter Einschübe von Kleidungs- und Designbeschreibung im 1. Teil sehr vieles offen. Wirklich konkrete Schilderungen gibt es kaum (vielleicht im Krankenhaus in Teheran oder im 2. Teil bei den Lager-Bedingungen), ansonsten bleibt vieles vage; vor allem Vorgeschichte und Motivationen der Charaktere sind unklar, es sind reine „Momente“, die geschildert werden.
Ein bisschen erinnert diese Lakonie auch an Stellen bei Hemingway und hinsichtlich der am Ende doch seltsam grotesken/surrealen/bizarren Entwicklung an Kafka.

Dennoch ist der Text stets von gewisser Ironie durchzogen (im Mann'schen Sinne) und stilistisch sehr fein und subtil; durchaus beeindruckend und -zusammen mit dem Inhalt- mit immer größerer Wirkung auf den Leser.

Inhalt:
Ich glaube, dass „1979“ schon durch Umfang und Sprache gleichzeitig jeder Interpretation offen steht (Raum ist da für wirklich vieles) und andererseits durch die Handlungsbrüche (und auch bewusst gesetzte logische Brüche) zwischen 1. und 2. Teil jede Deutung unzulänglich macht.
Es ist eine Geschichte eines körperlichen Niedergangs und sozialer Isolation bei gleichzeitiger spiritueller Erhöhung (oder einfach beginnender Geisteskrankheit), die sich einer logischen Durchdringung entzieht. Wie sollte man auch wirklich nachvollziehen können, dass ein Mensch beim Sturz des Schahs nicht über die Deutsche Botschaft heimkehrt, sondern ohne wirkliche Planung und Intention illegal nach Tibet einreist?
Das für den Icherzähler schaurige Ende lässt den Leser auf angenehme Weise verstört und mit der Frage: „Was habe ich den da gerade gelesen?“ zurück. Auch mit anderen literarischen Begriffen/Schlagwörtern ist dem Text nicht beizukommen.

Und DAS wiederum schaffen nur große Geschichten und Bücher. „1973“ ist -trotz mancher Assoziationen wie oben- etwas völlig Eigenständiges und Neues. Ja, postmodern, aber was kann man nicht unter die Postmoderne fassen?

Alles in allem: Ein großartiger Text, der aufgrund vieler ungewöhnlicher Elemente den Leser fordert, ihn intellektuell verunsichert und dessen (vielleicht festgefahrene?) Erwartungshaltungen an Literatur/Prosa in Frage stellt. In dem Zusammenhang wundert es nicht, dass bei der internen Suche zu „1979“ bei Amazon viel Sekundärliteratur erscheint.

Faszinierendes Buch!
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 5. August 2015
Dieses kleine Buch von 180 Seiten ist sehr rätselhaft. Am einfachsten scheint mir noch die Amazon-Bewertung zu sein. Natürlich fünf Punkte. Man könnte auch 14 oder 19 Punkte vergeben.

Beginnen wir mit einer Frage: Was treibt zwei reiche, gut ausgebildete Deutsche im Jahr 1979 zur schlimmsten Revolutionszeit in den Iran? Offenbar folgten die Lebensgefährten den architektonischen Studien des einen, der dann in Teheran in einem öffentlichen, fürchterlichen Krankenhaus seinen Drogeneskapaden erliegt.

Die zweite Frage ist schon nicht mehr so komisch: Warum begibt sich die Hauptfigur von Teheran nicht etwa zurück nach Deutschland, in die Schweiz oder nach Paris, sondern in ein unwegsames tibetanisches Gebirge? Tja, ein ominöser Rumäne hatte die Hauptfigur in Teheran dazu aufgefordert, sich mit der Bergumrundung reinzuwaschen. Das klappte jedoch nur bedingt. Die Hauptfigur wird von den Chinesen geschnappt und in ein Arbeitslager gesteckt, wo sie wohl heute noch sitzt.

Wie kommt man auf so eine Story? Wollte Kracht damit wirklich etwas ausdrücken? Hat das Buch eine Message? Ist es ein lösbares Rätsel? Vielleicht. Aber nicht für mich. Ich denke, Kracht wollte hier etwas besonders Geheimnisvolles abliefern, ein Stück raunendes Gewisper, einen opaken Finsterwald, wie auch immer. Jedenfalls ist das wirklich Kunst. Man muss nicht immer alles verstehen.
0Kommentar|2 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 25. Juni 2014
Kracht entwirft mit 1979 eine seltsame Fiktion, die sich drei verschiedene Hauptkulissen zum Thema macht: Die iranische Revolution im titelgebenden Jahr, eine Pilgerreise in die kargen Höhenregionen um den Berg Kailasch in Tibet und eine Gefangenschaft in einem chinesischen Arbeiterlager in der Wüste Lop Nor. Der Protagonist, selbst Innenarchitekt und der Dekadenz einer ausufernden Partyszene ergeben, erlebt dabei aus der Ich-Perspektive surreale und beinahe traumartige Szenen im Schatten der iranischen Revolution gemeinsam mit seinem aggressiven und egozentrischen, jedoch äußerst gebildeten Lebensgefährten Christopher. Die Erzählung weist dabei Züge des Entwicklunsgromans auf, da nach dem drogeninduzierten Tod Christophers der namenlose Protagonist sich scheinbar von seinen hedonistischen und prätentiösen Werten loslöst und in Askese und Disziplin seinen Lebenssinn sucht. Der prophetisch-esoterische anmutende Revolutionsführer Mavrocordato regt dabei als erster diese Entwicklung an, schwingt dabei in seiner Darstellung jedoch zwischen naivem Aberglauben und orakelhafter allwissender Transzendenz, sodass der Leser in seiner Bewertung dieses Lebenswandels ratlos bleiben muss. Die zunächst vom Protagonisten als sinnlos empfunde Pilgerreise nach Tibet wandelt sich schnell zu einer Metapher der Reflexion der gesamten dekadenten westlichen Gesellschaft, die nun in Weltentsagung und Philosophien des Buddhismus Lebenssinn sucht. Der dritte und letzte Teil des Buches, der die Gefangenschaft im kommunistischen China beschreibt, reflektiert hingegen über die Philosophien des Kommunismus und über Chancen und Missstände dieser Alternative zum westlichen Kapitalismus, bleibt dabei jedoch hinter der stets positiven Haltung des Protagonisten äußerst skeptisch.

Sprachlich ist der Text dabei stark an der Darstellung eines neuen Ästhetizismus von Besitz und Popkultur orientiert. Mode, Materialien, Farben und Gerüche treten dabei vor allem im ersten Teil so sehr in den Vordergrund, dass ein Gesamtbild der Szenerie unerschließbar bleibt. Besonders die Sachlichkeit und Neutralität des Ich-Erzählers bei der Beschreibung von Tod, Trieb, Schmutz und Sünde macht die Darstellung äußerst wirkungsstark - wenn auch paradox. Der Text will dabei jedoch nicht abstrakt sein und bleibt auf der Handlungsebene stets konkret, verständlich und insgesamt leicht lesbar.

Besonders interessant wird die Erzählung durch ihren Protagonisten, der wie eine formbare Masse alle Forderungen und Normen seiner Umwelt annimmt und dadurch die Absurdität einer westlichen Sinnsuche überhaupt darstellt: Ein Mensch, der allen Forderungen der Gesellschaft ohne zu zögern entspricht, bleibt letztlich leer und charakterlos und kann daher an der Sinnsuche nur scheitern. Kracht bemüht sich in der Erzählung aber nicht um die Darstellung einer Lebensstilalternative: Im Sinne der Postmoderne führt er mit seinem sprunghaft strukturierten Roman sämtliche Werte ad absurdum und lehnt jegliche Sinnsuche als zwecklos ab. Somit bleibt der Leser nach der Lektüre ratlos, was je nach Geschmack als anregend oder frustrierend empfunden werden kann. In jedem Fall eine lohnenswerte und kurzweilige Unterhaltung
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 19. August 2003
Eine Geschichte, die nicht belangloser und zugleich treffender die Partnerschaft zweier Menschen, die Asymmetrie ihrer Liebe und den verzweifelten Kampf eben um diese Liebe von unterschiedlichen Standpunkten und Bedürfniswinkeln aus beschreiben könnte, nimmt eine merkwürdige Kehrtwende und führt den Leser zum zweiten Teil auf die Grundwerte der menschlichen Existenz zurück.
Am Ende des Buches war ich innerlich zerrissen zwischen Mitleid mit dem Erzähler und der aufrichtigen Freude für ihn, denn Sinn für das beschriebene und gelebt erlebte Leben gefunden zu haben.
0Kommentar|9 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 31. März 2012
"Was war das jetzt?, war mein erster Gedanke, nachdem ich das Buch fertiggelesen hatte. Die Hauptperson treibt wie ferngesteuert durch das vorrevolutionäre Teheran bis nach Tibet, er taumelt von seinem Freund/Lebensgefährten über einen rumänischen Lebemann bis in ein chinesisches Arbeitslager und passt sich an, lässt sich ausnutzen und quälen. Das aus Faserland bekannte dekadente Setting finden wir in Teheran wieder. Die Hauptperson findet sich hier genauso zurecht wie in beim Umrunden eines heiligen Berges oder im Arbeitslager. Er ist wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, aber nichts weitergibt. Der Stil ist Faserland nicht unähnlich und Kracht entwickelt einen eigenen, unverwechselbaren, Stil. Das (sehr kurze) Buch liest sich flüssig.

Am Ende fragt man sich aber doch, was das alles sollte. Worum ging es hier, was wollte uns der Autor damit sagen? Aber man muss auch nicht alles wissen oder verstehen und vielleicht sollte man sich einfach mal treiben lassen. Auf jeden Fall lesenswert, aber ich würde mit Faserland anfangen. Ich werde auch die anderen Bücker Krachts lesen.
0Kommentar|Eine Person fand diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 3. Juni 2003
Das Buch ist groß! Ich habe es in einem durchgelesen und war schwer beeindruckt. Die Monotone Ruhe, die im Sprachrhythmus liegt ist poetisch, die Ereignisse surreal, die humoristischen Stellen höchst amüsant und die erschreckende Realität im letzten Teil des Buchs grausam, gerade weil sie so real wirkt. Und viel dichter dran als bei George Orwell.
0Kommentar|5 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 11. Februar 2002
Natürlich wurde und wird auch dieser Roman von Kracht wieder verissen. Dies geschieht - schon wieder - in derart ungerechter und dilettantischer Art, dass es schon fast weh tut!
Unpolitisch sei 1979 - nun, ich bezweifle, dass viele Leser und Kritiker überhaupt irgendetwas über den Iran wussten. Ich z.B. musste auch erst nachschlagen, was genau dort 1979 passierte. Natürlich bezieht Kracht durch seinen Ich-Erzähler nicht persönlich Stellung, denn genau das würde seine Aussage, würde den Ich-Erzähler ruinieren. Dieser ist unpolitisch bis dumm - aber deshalb sind es Kracht und der Roman insgesamt doch nicht!
Kracht kennt Asien sehr gut, und man bedenke bitte, dass 1979 nicht in der Welle des 11. Septembers erschien und auch nicht entstand. Da lag Harald Schmidt schon richtig, als er sagte, der Roman sei visionär.
Der Roman habe keine Aussage und gar kein wirkliches Thema - also, ein Mensch, der so von einem anderen abhängig ist, wie der Erzähler von Christopher, ein Mensch, der sich vor seinem eigenen Speichel ekelt, der keine Kindheitserinnerungen hat, den nur Innenarchitektur interessiert und der erst in einem Umerziehungslager eine gewisse Zufriedenheit erlangt...na, klingelt's langsam? Dieser Erzähler handelt nicht böse, oft sogar im Gegenteil, aber irgendwie tut er es doch! Er misshandelt niemanden, aber er schreitet eben auch nicht ein, wenn es andere tun. Ein Niemand also, der nicht zu den ganz bösen gehört, aber dennoch nicht nachahmenswert ist. Und das ist NICHT unpolitisch. Kracht gibt keine Anweisungen, er zeigt "nur" den Weg an. Mehr haben auch die ganz Großen nicht getan, und das mussten sie auch nicht.
0Kommentar|20 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden