1972 war - laut Gerd Katthage - das Jahr, in dem die Pop-Musik im sogenannten Krautrock ihren Höhepunkt an Ideenreichtum und Klangvielfalt erreichte („Mehr geht nicht!”). Doch sollte dieser „Aufbruch in offene und neue Welten“ nicht lange währen; schon dräuen die düsteren Wolken am Horizont, und die innovativen 70er werden über kurz oder lang abkippen in die kommerziellen mit ihrem seelenlosen Saturday Night Fever - Gestampf.
Diesem Niedergang spürt Gerd Katthage in seinem Buch 1972 - Storys aus einem Jahr Popmusik nach. Mit Storys bezeichnet Katthage hier allerdings nicht nur die Textsorte, sondern seine Methode, anhand von schlaglichtartigen Skizzen und Lebensläufen zu einem besonders vielschichtigen Bild eines bedeutenden Jahres in der Geschichte der Popmusik zu kommen
So finden sich in diesem Buch neben narrativen Fiktionen (Eine Weihnachtsfeier bei Polydor), kulturgeschichtliche Exkurse (Eine kurze Theorie des Covers), philosophisch-theologische Abhandlungen (Zeit macht nur vor dem Teufel halt), ein Udo-Quiz (Ist es von Jürgens oder Lindenberg?) und jede Menge bunte Fotos von verschwurbelten Fantasy-Covern und grimmigen Rockmusikern, die bereits zu ahnen scheinen, dass ihre Zeit nicht mehr lange währen wird. Und etwas Wehmut schwingt mit, wenn der Autor auf ausgedehnten Konzertreisen alte, längst vergessene Krautrocker, die inzwischen zu Bierzeltmuckern mutierten, mit ihren Vinyl-Jugendwerken konfrontiert.
Das alles ist unterhaltsam geschrieben und solide recherchiert; allein die Diskografie des Jahres, die Katthage im Anhang auflistet, umfasst 10 engbedruckte, zweispaltige Seiten.
Also mir hat’s alles in allem sehr gut gefallen.