1968-Eine Zeitreise ist das aktuellste Werk der deutschen Autorin Ingrid Gilcher-Holtey und könnte aufgrund des 40-jährigen Jubiläums von 1968 nicht aktueller sein.
Gilcher-Holtey durchstreift in ihrem Werk das Jahr 1968 von Jänner bis Dezember, weißt die wichtigsten Ereignisse in verschiedenen Ländern oder Kontinenten auf und gibt im Epilog eine Aussicht auf die folgenden Jahre und gibt den Aktivisten die Chance sich zu 'rechtfertigen'.
Einige Persönlichkeiten werden des öfteren erwähnt und ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Diese Hauptprotagonisten sind:
' Tom Hayden: ein US-amerikanischer Aktivist, der sich in den frühen 60er Jahren für die Friedens- und Bürgerrechtsbewegung einsetzte. 1968 wurde er bei gewalttätigen Proteste gegen den Vietnamkrieg beim Parteikongress der Demokratischen Partei in Chicago (August 1968) verhaftet und eineinhalb Jahre später wieder freigelassen. Dieser Demonstration widmet die Autorin ein Kapitel (Kapitel 17). Außerdem führt Gilcher-Holtey im letzten Kapitel des Buches ein Interview mit Hayden, indem er von der damaligen Zeit erzählt, seine Sicht der Dinge klarlegt und seine negativen Erlebnisse zum Kosovo- Krieg erklärt.
' Daniel Cohn-Bendit: ist heute ein deutsch-französischer Politiker und war 1968 der prominenteste Sprecher der Pariser Mai-Revolution. Er ist Jude und war bereits seit seiner Kindheit dem eher im linken Flügel zuzuordnen. Nachdem etliche Studenten bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg verhaftet worden waren, besetzten sie den Sitzungssaal der philosophischen Fakultät der Universität von Nanterre. Cohn-Bendit gehörte zu den Aktivsten und wurde folgerichtig im Januar 1968 vor die Disziplinarkommission der Universität zitiert.
' Auf dem Anti-Vietnam-Kongress im Februar 1968 in Berlin lernte er den Aktivisten Rudi Dutschke, kennen. Das Attentat auf Dutschke wenige Wochen später war Anlass für Cohn-Bendit, die französischen Studenten zu mobilisieren: er lud den SDS-Vorsitzenden Karl Dietrich Wolff nach Nanterre ein. Nach den Mai-Unruhen in Paris (Kapitel 9 u. 11), bei denen die Boulevard-Presse zu ihrer Berichterstattung eine Symbolfigur brauchte und ihn als prominenten Anführer darstellte, wurde er im Oktober 1968 aus Frankreich ausgewiesen und ihm wegen angeblich revolutionärer Aktionen zeitweilig eine Rückreise von Deutschland nach Frankreich verweigert. Trotzdem tauchte er immer wieder bei Studentenversammlungen in Paris auf und wurde frenetisch gefeiert.
' Règis Debray: ist ein französischer Intellektueller. Debray hat die 1968-Revolution gar nicht 'live' miterlebt ' er saß in dieser Zeit in Camiri/Bolivien im Gefängnis. (Debray war ein Kampfgenosse Che Guevaras) Doch durch sein Buch Revolution in der Revolution hatte er erheblichen Einfluss auf die Revolutionäre. Ihm ist im Buch das Kapitel 5 gewidmet. Debrays wurde zwar 1967 zu 30 Jahren haft verurteilt, kam jedoch 1971 schon wieder frei.
Weitere oft genannte Personen in Gilcher-Holteys Werk sind:
' Tariq Ali (Führer der britischen Studentenbewegung, Herausgeber der politisch-gegenkulturellen Zeitschrift Black Dwarf.
' Hannah Arendt: war eine jüdische Gelehrte und Publizisten; ihr ist in erster Linie das Kapitel 8 gewidmet. Als Gastdozentin an der besetzten Columbia-Universität denkt sie öffentlich über das Thema 'Gewalt' nach.
' Rudi Dutschke: Er war der bekannteste Wortführer der westdeutschen Studentenbewegung in den 1960-Jahren. 1968 ist er u.a. Mitorganisator des Internationalen Vietnam-Kongresses in West-Berlin. Während des sogenannten Prager Frühlings reist Dutschke nach Prag und spricht dort zu den tschechischen Studenten. Im April 1968 wurde auf ihn ein Attentat (Kapitel 6) verübt, das er nach einer schweren Operation jedoch überlebt. Es folgen national wie international große Protestkundgebungen.
' Giangiacomo Feltrinelli: war einer der Führer in der italienischen Bewegung. Obwohl er aus einer sehr reichen Verlagsfamilie kommt, sympathisiert er schon früh mit den Linken. Er finanziert den Anti-Vietnamkongress in Berlin teilweise mit, gibt Rudi Dutschke Unterkunft nach seiner schweren Operation und veröffentlicht als Erster das berühmte Bild von Che Guevara, das zum Symbol der 68-Bewegung wird.
Themen die mich in diesem Buch am meisten interessiert bzw. bewegt haben sind z.B.:
Vietnamkrieg/ Tet-Offensive (Kapitel 1):
Die Tet-Offensive war eine Reihe militärischer Operationen der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong (Nationale Front für die Befreiung Südvietnams) im Rahmen des Vietnamkrieges. Sie startete als Überraschungsangriff am Vorabend des vietnamesischen Neujahrsfestes (Tet) das am 31. Januar 1968 stattfand.
Der Vietcong erlitt dabei immens hohe Verluste. Nach der Tet-Offensive, die beinahe das ganze Jahr 1968 andauerte, dauerte der Vietnamkrieg noch 7 weitere Jahre, kann jedoch als Anfang vom Ende der US-amerikanischen Kriegsbemühungen gesehen werden.
Die Besetzung der Columbia- Universität (Kapitel 7):
Im Frühjahr 1968 hielten protestierende Studenten fünf Gebäude eine Woche lang besetzt. Sie protestierten gegen den Bau einer Sporthalle, die Präsenz von Offizieren und Regierungsbeamten auf dem Campus zur Rekrutierung von Vietnamkämpfern und gegen die Universitätsverwaltung generell. Gegen die Sporthalle wurde protestiert, da das Gebäude einen kleineren Eingang im hinteren Westteil für die Öffentlichkeit haben sollte ' dies erinnerte viele an die verhasste Rassentrennung des Südens. (Und das in so gefährlichen Zeiten: Nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 (Kapitel 6) waren viele Schwarze auf die Straße gegangen und hatten in diversen Stadtteilen von Washington sogar Feuer gelegt.) Auch Tom Hayden ist an der Besetzung der Universität beteiligt.
Sprecher, jener Besetzter, die 'Action Fraction' ist Mark Rudd. Universitätspräsident Kirk veranlasst nach 5 Tagen die gewaltsame Auflösung der Besetzung durch die Polizei.
(Studenten-) Unruhen in Paris (Kapitel 9 und 11):
Die so genannten Mai-Unruhen, die nach Studentenprotesten im Mai 1968 zunächst durch die Räumung einer Fakultät der Pariser Universität Sorbonne ausgelöst wurden, führten zu einem wochenlangen Generalstreik, der das ganze Land lahmlegte.
Hauptsächlich wurde von den meisten Studenten zunächst gegen das veraltete und erstarrte Bildungssystem protestiert. Doch die Revolution greift auch bald auf die Gewerkschaft über: Die wirtschaftliche Lage in Frankreich begann sich gerade zum ersten Mal seit dem Krieg zu verschlechtern, die Arbeitslosigkeit nahm zu. Viele Protestaktionen richteten sich gegen den autoritären Geist der damaligen konservativen Gesellschaft, gegen den nach Meinung vieler Studenten und Intellektueller um sich greifenden Materialismus. Der Ruf nach autogestion (Selbstverwaltung) wird immer lauter. In der ganzen Stadt werden sogar Barrikaden errichtet ' in Frankreich bricht das totale Chaos aus, das sogar Präsident de Gaulle zur Flucht nach Baden-Baden zwingt (Kapitel 13) Die Protestbewegung zerbricht nachdem mittlerweile hunderttausende Konservative gegen die Unruhen protestieren.
Prager Fühling (Kapitel 16):
In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 rücken Truppen von fünf Warschauer Pakt Staaten in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR) ein. Damit werden die als "Prager Frühling" bezeichneten Reformversuche der kommunistischen Partei der CSSR gewaltsam beendet. Der Erste Sekretär der Partei, Alexander Dubcek, wird mit dem gesamten Politbüro verhaftet und in die Sowjetunion gebracht. Am 26. August 1968 müssen sie im "Moskauer Protokoll" die Rücknahme der eingeleiteten Reformen versprechen.
Wie bereits erwähnt reiste auch Rudi Dutschke in dieser Zeit in die Tschechoslowakei und versuchte auf die friedlich protestierenden Studenten einzuwirken.
Ein spätes Statement kommt vom kubanischen Regierungschef Fiedel Castro, er vertritt öffentlich die offizielle Meinung der UdSSR ' kurz darauf begann in Kuba wieder (russisches) Öl zu fliesen.
Weitere interessante Aspekte waren für mich:
' Die gewaltsame Niederschlagung der Studentenproteste in Mexiko-City unmittelbar vor den Olympischen Spielen (Kapitel 21) ' Interessanterweise fanden die Spiele tatsächlich statt; heutzutage würde die westliche Welt wahrscheinlich boykottieren' Warum damals nicht?
' Der Bürgerkrieg in Biafra mit der Gründung von 'Ärzte ohne Grenzen' durch den Franzosen Bernard Koucher (Kapitel 21)
' Die Frauenbewegungen weltweit (Kapitel 20)
' Und das man auch mit gewissen Tanzstilen gegen den Vietnamkrieg zu protestieren versuchte (Kapitel 22)
Mein Resümee: Ein interessantes und leicht zu lesendes Buch, das Spaß macht!!!!