"Achtundsechzig" - wer diese Zahl ausspricht, benennt nicht einfach ein bestimmtes Jahr, sondern meint damit ein ganzes Bündel von zum Teil sehr unterschiedlichen Geschehnissen, die im Zusammenwirken die politische Nachkriegsordnung aufgelöst haben. Auch die deutsche Gesellschaft wurde entscheidend verändert. Einige meinen sogar, dass 1968 das eigentliche Gründungsjahr der "alten" Bundesrepublik gewesen sei - so wie 1989 später zum Gründungsjahr des "neuen" Deutschland erkoren wurde.
Erziehung, Bildung, Sexualität, ein Infragestellen überkommener Autoritätsverhältnisse, die Beschäftigung mit den Schrecken der deutschen Vergangenheit, der Umgang zwischen den Geschlechtern und zwischen den Generationen, das Verhältnis der Bürger zum Staat, politische Beteiligung, Mitbestimmung in den Betrieben, Einsicht in ökologische Zusammenhänge - all dies stand in jenen bewegten Jahren auf der Tagesordnung und wurde durch die Debatten und Aktivitäten der 68er praktisch neu definiert. Aus den daraus entstandenen Prozessen ist schließlich die Gesellschaft geworden, wie sie heute ist.
Zum Inhaltsverzeichnis des vorliegenden Buches:
1. Die Liebe zur Revolution / Reinhard Mohr ( "Es gibt kein richtiges Leben im falschen". Dieser Satz des Philosophen Theodor W. Adorno beschreibt ein Grundgefühl der 68er-Generation. Da musste es noch etwas anderes geben hinterm Horizont, eine andere Welt jenseits ausgetretener Pfade - ohne Ausbeutung, Zwang und Unterdrückung ... )
2. Arko und Demo / Reinhard Kahl ( Die Göttinger Schülerbewegung - Das Lernen, ja, das ganze Leben musste neu erfunden und dieses Neue gegen die repressive Wirklichkeit erkämpft werden ... )
3. Brief an Sani / Helke Sander ( ...Als die Frauen sich zu fragen begannen, warum sie weniger verdienen als Männer, warum sie in der Politik keine Rolle spielten oder beim Sex keinen Spaß haben durften ... )
4. Das Wunder der Liebe / Gabriele Gillen ( Wenn junge Väter sich heute mit großer Selbstverständlichkeit um ihre Kinder kümmern, wenn Lesben und Homosexuelle heute auf den Straßen ihre Paraden abhalten, wenn niemand mehr befürchtet, durchs Onanieren dem Schwachsinn zu verfallen, und wenn junge Menschen ihr Recht auf sexuelle Befriedigung ohne Angst und Schuldgefühle in Anspruch nehmen - dann sind das "Errungenschaften", die wir der sexuellen Revolution der 68er verdanken ... )
5. Der Muff von tausend Jahren / Gerd Koenen ( Ein Aufstand gegen die Kriegsgeneration? ... )
6. Die Gegenwart der Vergangenheit / Wolfgang Schmidbauer ( Wunden der "deutschen Schuld" - Das vergessende "Erinnern", das elterliche Verdrängen der Nazi-Vergangenheit war ein wichtiger Angriffspunkt der Protestbewegung ... )
7. "Ich gehöre nicht mehr dazu" / Ulrike Edschmid ( Im Zeichen der Waffe - Gewalt und Terror sind aus der Protestbewegung hervorgegangen und hatten dennoch nichts mehr mit ihr zu tun ... )
8. "Angelika Gerlach, wohnhaft in Erfurt" / Michael Mueller ( Die 68er und die DDR - Dieses Verhältnis lässt sich anhand vieler Geschichten dokumentieren - Geschichten von Idealismus und Berechnung, Vertrauen und Verrat, Naivität und Skrupellosigkeit ... )
9. Sehnsuchtsräume / Bahman Nirumand ( ...Warum die Revolution ausblieb...)
10. Eine kleine Zeittafel
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Fazit: Wir würden völlig anders leben, lieben, unsere Kinder erziehen. Kein Jahr in der jüngeren Vergangenheit hat unsere Gegenwart so geprägt wie das magische Datum 1968. Viele der Autoren des vorliegenden Buches waren aktiv dabei. Sie erzählen, was sie dachten, fühlten, hofften - und wie sie heute darüber denken ...
Sehr empfehlenswert -- meint -- Reinhard Busse