Neue Zürcher Zeitung
Eingefriedet
Annemarie Wietigs Roman «1947»
Die Geschichte vom vergessenen Manuskript, das durch die Ungunst der Verhältnisse nicht zu seiner Zeit zum Buch werden konnte, gehört zu den suggestiven Legenden literaturgeschichtlicher Maulwurfsarbeit. Nicht immer tun solche Legenden freilich den Texten einen Gefallen, die sie aus dem Dunkel einer Ablage in die Öffentlichkeit befördern. So hält zum Beispiel Annemarie Wietigs vor mehr als vierzig Jahren entstandener Roman «1947» dem wuchtigen Lob nicht stand, mit dem ihn Jochen Schimmang im Nachwort der jetzt erschienenen Erstausgabe versieht: Für Schimmang ist «1947» ein Parallelstück zu Wolfgang Koeppens «Tauben im Gras». Das ist leider grundfalsch und kann nur Resultat allzu grossen Wohlwollens sein.
Gewiss, beide Bücher handeln vom Schwarzmarkt und von seinen Schiebern, von «Gewinnern und Verlierern», von der Trümmerwüste, in die der Krieg nicht nur die deutschen Städte verwandelt hatte. Sie konzentrieren sich auf jeweils einen kurzen Zeitabschnitt, bringen in inneren Monologen verborgene Wünsche und Triebe zum Sprechen und montieren ihre Erzählpassagen. Doch jenseits solcher oberflächlicher Parallelen ist alles anders. Während Koeppen das Mosaik seiner Szenen mit sprachlicher Virtuosität zu einer vielstimmigen und bilderstarken Bestandsaufnahme einer Welt am Abgrund zusammenfügt, gibt «1947» nur Oberflächenreflexe.
In dürren, ausgelaugten Protokollsätzen wird der Alltag aufgelesen, in 207 oft sehr kurzen Abschnitten eingefriedet. Die Montage dieser Abschnitte ist bieder und liebt die weichen Schnitte, was dem Erzählduktus etwas Bemühtes gibt. Die forcierte Reduktion der erzählerischen Mittel verheisst in Verbindung mit der Jahreszahl als Titel einen Anspruch und eine Bedeutung, die sich dem Leser nicht erschliesst. Denn die Revue dieser Alltagsfragmente könnte endlos so weitergehen, ohne dass mehr als eine Addition dabei herauskäme.
Es bleibt nur Reportageprosa mit dem Willen zur Dichtung ein Urteil, dem die salvatorische Kritikerklausel vom «Zeitdokument» nicht viel hinzufügen kann. Dass der Verlag versucht, das Buch als «Originalausgabe eines verdrängten Manuskripts», also als Wiedergutmachung deutscher Ignoranz zu verkaufen, gehört zu den leider zu oft geübten Bräuchen, moralische Erpressung des Lesers als Marketingtrick einzusetzen.
Heribert Seifert
Kurzbeschreibung
Sinnliche Präsenz und Genauigkeit zeichnen dieses Buch aus, ein deutliches Bild von der condition hamaine in unserem Land zu einer bestimmten Zeit. Das sollte nicht dazu verleiten, 1947 als -historisches Dokument- zu lesen, sondern als das, was es ist: ein Roman von Rang.