Der Erfolg dieser Reihe bestätigt, dass solche Erinnerungsbücher dem weit verbreiteten Wunsch entgegenkommen, die ersten zwanzig Jahre des eigenen Lebens nochmals an sich vorbeiziehen zu lassen. Ob und wie der Verlag sein Konzept für die im 21. Jahrhundert Geborenen anpasst, würde mich interessieren. Denn wer im Info- und Handyzeitalter zur Welt kommt, hat eher das Problem, aus Tausenden von Erinnerungsstücken die wesentlichen auszuwählen. Das ist beim Zielpublikum dieses Bandes ganz anders. Selbst wenn es im Internet unzählige Bilder und Texte findet, sind digitale Infos eben doch nicht so sinnlich wie eine Chronik, in der man blättern kann. Und nur die wenigstens werden dies in eigenen Familienalben tun können.
Der Zeitraum, den Gerald Drews jeweils für die Ausgaben des westlichen Teils Deutschlands genauer ansieht, beträgt zwanzig Jahre, was auch deshalb Sinn macht, weil uns Erlebnisse der Kindheit und der Pubertät besonders stark prägen. Und ich finde es auch gut, dass vor allem Ereignisse und Objekte aufgenommen werden, die im kulturellen Gedächtnis verankert sind. Welche Namen wurden in den Schulklassen am häufigsten aufgerufen? Wie sahen die Spielplätze aus? Was kam zum Essen auf den Tisch? Welche Filme waren Kassenschlager? Liest man zum Beispiel, dass "Wunschkonzert" mit Ilse Werner und Carl Raddatz 23 Millionen Zuschauer in die Kinosäle lockte, so ist dies nur erklärbar, weil die Radiosendung mit dem gleichen Namen die Menschen in der Heimat mit den Soldaten an der Front verband. Und wer sich über den Erfolg kitschiger Heimatfilme mokkiert, kann sich offenbar schlecht in die Situation von damals einfühlen. Im Umfeld der 40er Jahre wollte man auch Lieder hören, deren Texte eine heile Welt heraufbeschwören und die Realität für ein paar Minuten vergessen lassen. Heinz Rühmann, Marika Rökk, Hans Moser, Hans Holt und Grete Weiser erfüllten diese Sehnsucht.
Gezeigt wird auch, was die Propagandaparole "Haushalten mit dem Vorhandenen" hieß und was man mit einem Bezugsschein von 100 Punkten erhalten konnte, wenn alles rationiert war. Das Bild einer deutschen Frau mit rotem Turban und die Texte beim Kapitel "Mode" machten mir zum ersten Mal klar, dass meine Großmutter keine Exotin war, sondern ihre Garderobe nach den gleichen Schmittmustern kreierte wie ihre Altersgenossinnen. Wohin der nächste Urlaub führen sollte, wurde erst wieder in den Fünfzigerjahren zu einer ernst gemeinten Frage. Und auch bei der Wahl eines Fortbewegungsmittels kam man nicht lange ins Studieren. Der in seine Kindheit zurückversetzte Leser erfährt zudem, wer 1940 ebenfalls zur Welt kam, welche Erfindungen für Aufregung sorgten und dass Schalke 04 das Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegen den Dresdner SC mit 1: 0 gewann. Auf der Doppelseite "Eine kleine Zeitreise" wird der Leser daran erinnert, dass Europa damals von einer extremen Kältewelle überrollt wurde, das größte Passagierschiff, die Queen Elisabeth, zur Jungfernfahrt auslief und Fausto Coppi, von dem ich sogar eine Autogrammkarte habe, den Giro d'Italia zum ersten Mal gewann. Wie schwer eine Kindheit in Trümmern, voller Angst und ohne Vater war, ist natürlich ebenso Thema wie das harte Leben der Mütter. Im zweiten Jahrzehnt erlebten die 1940er dann das Wirtschaftswunder, die Rebellion der Halbstarken gegen das Spießertum und den Siegeszug des Fernsehens.
Mein Fazit: Ich mag diese Reihe sehr, finde es aber nicht unbedingt nötig, dass es für den Jahrgang 1940 eine eigene Version für die DDR gibt, was ich beim entsprechenden Titel auch in der Bewertung ausdrückte. Die leicht verständlichen Texte geben sowohl persönliche Sichtweisen des Autors als auch allgemeine Einschätzungen zu dieser Zeit wieder. Und die Bilder sind in diesem Band noch wichtiger, weil diese Generation kaum auf eigene Archive zurückgreifen kann.