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Produktinformation
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Hans Ulrich Gumbrecht stellt uns das Jahr 1926 vor Augen
Als Hans Ulrich Gumbrechts Buch über das Jahr 1926 im amerikanischen Original erschien, wurde es in dieser Zeitung gefeiert (vgl. NZZ vom 26./27. 9. 98). Geschwärmt wurde damals von der unheimlichen Präsenz, mit der uns ein einziges, ganz normales, ganz besonderes Jahr des inzwischen vergangenen Jahrhunderts nahegebracht wurde. Bewundert wurde die traumwandlerisch sichere Akrobatik, mit der Gumbrecht zwischen Haargel und Dachgarten, Adolf Hitler und «Pooh der Bär», Fliessband und Stierkampf, Josephine Baker und Franz Kafka hin- und hersprang. Gepriesen wurde, wie Gumbrecht fern postmoderner Beliebigkeit das Porträt dieses Jahres in Glanz und Elend, Glück und Ernst erstehen liess. Als ich dieses Buch las, fühlte ich mich wie die Kugel in einem Flipperautomaten, die von einer Ecke zur anderen geschleudert wurde, nur dass mir all die Stösse, die ich spürte, vorkamen wie Küsse Küsse der Muse der Geschichtsschreibung.
Im richtigen Leben kommt nach jeder grossen Feier der Morgen danach, meist verbunden mit Ernüchterung oder gar Ausnüchterung. Bei Büchern kommt nach jeder grossen Feier die Lektüre danach, und ihr nähert man sich mit nackter Angst. Wird das Leseglück von damals getrübt werden? Findet man ein Haar in der Buchstabensuppe? Öfter schon hat man Enttäuschungen erlebt. Wie war für Sie das «zweite Mal» mit Hesse oder Ernst Bloch? Nun liegt «1926. Ein Jahr am Rand der Zeit», das Buch des Stanforder Literaturwissenschafters, auf Deutsch vor, und man muss es Angst hin, Angst her wieder lesen.
Man muss? Man darf! Das Buch verliert beim zweiten Lesen nichts von seinem Reiz. Das liegt wohl daran, dass dieses Buch nicht durch eigene, künstlich hergestellte Effekte besticht. Seinen Reiz verdankt es der Zeit allein, die es beschreibt, der es sich ausliefert. Gelegentlich dreht man sich beim Lesen erschreckt um, weil man zu spüren meint, wie das Vergangene als Überraschungsgast durch die Tür tritt. Gumbrecht pflegt die schlichte Rhetorik des Berichts, er stellt sich in den Dienst dessen, was er schildert, all dessen also, was er vom Alltag, von der Innenseite der Moderne als Schweiss, Blut und Tränen abgestreift hat. In rund fünfzig Abschnitten werden Fundstücke ausgelegt und durchaus ordnungsfroh sortiert. Aber wovon genau handelt nun dieses Buch? Von Fahrstuhl und Feuerbestattung, Stars und Streik, Männlich- und Weiblichkeit, Leben und Tod.
Der Philosoph Helmuth Plessner überliefert eine hübsche Anekdote von seinem Lehrer Edmund Husserl, der zu ihm einmal, vor seiner Gartentür stehend, sagte: «Ich habe mein Leben lang die Realität gesucht!» Und dabei «zückte er seinen dünnen Spazierstock mit silberner Krücke und stemmte ihn vorgebeugt gegen den Türpfosten. Unüberbietbar plastisch vertrat der Spazierstock den intentionalen Akt und der Pfosten seine Erfüllung.» Gumbrechts Buch ist ein Lehrstück darüber, dass man die Realität so, mittels des Aufspiessens, nicht finden kann vielmehr nur dann, wenn man in die Codes der Sprache und die Netze der Lebenswelt hineinklettert.
Diese Lebenswelt ist auch eine Todeswelt: Unweigerlich wird man beim Lesen von Gumbrechts Buch heimgesucht von der Frage, was uns, fünfundsiebzig Jahre danach, mit dem Jahr 1926, dem frühen Vorabend des Zweiten Weltkriegs, verbindet. Freilich verweigert sich das Buch einem Résumé im Blick darauf, wieweit unsere Gesellschaft anders «funktioniert» als damals und wie nah wir heute etwa einer Krise sind. Geschildert wird eine unheimliche, erregte, beunruhigte Atmosphäre, ohne dass sie in eine Geschichtslogik eingebunden würde.
Die Entschiedenheit, mit der Gumbrecht ein Jahr aus der Geschichte herausschneidet, nimmt das Vergangene vor den Vereinnahmungen der Nachwelt in Schutz. So trifft man in diesem Buch auf Menschen in Augenhöhe, denen die Entwicklungsprognose fehlt und die sich in den Fangnetzen der Umstände abstrampeln. Dies hat etwas Bedrückendes und auch etwas Befreiendes. Einerseits leben die Menschen bei Gumbrecht in einem Irrgarten von Verhaltensmustern, ohne dabei je selbst ihre Lage überblicken zu können. Andererseits befreit er sie von geschichtsphilosophischen Grossaufträgen und Machtphantasien von der Gestaltung der Welt. Im Vergleich zu solchen derzeit wieder grassierenden Phantasien ist «1926» auf wohltuende Art unzeitgemäss, also: zukunftsträchtig.
Eines der schönsten Bücher, das je geschrieben wurde, Michel de Montaignes «Essais», beginnt mit den Sätzen: «Dies hier ist ein aufrichtiges Buch, Leser. Es warnt dich schon beim Eintritt.» Montaigne meinte davor warnen zu müssen, dass sein Buch nur eines zum Inhalt habe: «mich selbst». Gumbrecht hätte am Beginn seines Buches schreiben können: «Dies hier ist ein aufrichtiges Buch, Leser. Es warnt dich schon beim Eintritt: Ich selber, Leser, bin nicht der Inhalt dieses Buches.» Gumbrecht hält sich an Walter Benjamins Stilprinzip, das Wörtchen «ich» nicht zu verwenden, und dahinter steckt nicht nur wissenschaftliche Zurückhaltung, sondern auch ein Misstrauen gegen die Fixierung auf Individuen, «Lebensschicksale» und andere Spielformen des Biographie-Kults dieser Tage. Doch sowenig es in Montaignes «Essais» nur um den Autor allein geht, so wenig verschwindet Gumbrechts «ich» hinter dem Material, das er ausbreitet. Hinter dem kühlen Stil wird allemal eine zarte Geste erkennbar die bedingungslose Bereitschaft des Autors, dem Vergangenen zugewandt zu bleiben.
Wenn der Blick aus der Ferne nicht trügt, haben die amerikanischen Kulturwissenschafter die Gelegenheit nicht hinreichend genutzt, anhand von Gumbrechts Buch die Frage, was die moderne Welt im Innersten auseinander reisst, neu zur Debatte zu stellen. Diese Chance ergibt sich mit der deutschen Veröffentlichung nun auch hierzulande.
Zu loben ist, wieder einmal, der Übersetzer Joachim Schulte, der unter anderem vor der schier unlösbaren Aufgabe stand, ein amerikanisches Gedicht über den Baseballspieler und -helden Babe Ruth in deutsche Reime umzuschmieden: ein home run wie das ganze Buch.
Dieter Thomä -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 07.04.2001
Gelehrt und geschraubt, das sind zwei Charakterisierungen in dieser Besprechung, die so gar nicht zu der Euphorie passen wollen, mit der Fritz Göttler über das Buch ("ein Passagenwerk ... ein intellektueller Erlebnispark, eine furiose Anthologie der leichten Blicke") schreibt. Wermutstropfen, mehr nicht. Denn Göttler nimmt die Idee des Autors, den Alltag des Jahres 1926 wiederzubeleben, anstatt eine Chronik zu verfassen, begeistert an: Das alte Dilemma der Geschichtsschreibung - gemeint ist ihre Materie, "die Vergangenheit ist und doch irgendwie auch uns gehören soll" -, sei hier gelöst durch das Angebot, locker einzusteigen in das Spiel des Hier und Dort, des Anderen und des eigenen Ich. Ganz ohne Subjekte und Ereignisse gehe das vonstatten, ohne Gesetze und Genealogie und ohne Prognose auch, "die immer nur extrapoliert aus dem, was wir wissen von der Vergangenheit". Bei solcherart geschürtem Verlangen nach Lebenswelt bedauert es der Rezensent, "dass nicht alle Sinne an diesem Buchprojekt beteiligt sein können".
© Perlentaucher Medien GmbH
Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 21.04.2001
Es sind die Gleichzeitigkeiten, so der Rezensent Niels Werber, denen die an Abfolgen interessierten Analysen der (Geschichts- und anderer) Wissenschaften am schwersten auf die Schliche kommen. Hans-Ulrich Gumbrecht hat aus der Geschichte eine Scheibe der Gleichzeitigkeit herausgeschnitten, beschränkt sich in seinem Zeitpanorama auf ein einziges Jahr, 1926 - und fragt nach der Gemeinsamkeit der Ereignisse, "die zunächst nichts gemein haben als die Zugehörigkeit" zu diesem Jahr. Was er findet, sind, mit einem Begriff von Michel Foucault, "Dispositive" - also bereits ins unthematisierte Selbstverständnis eingelassene Vorannahmen und Denk- und Handlungsvoraussetzungen. Ein solches Dispositiv, das Gumbrecht aufspürt, ist die "Ideologie der totalen Planbarkeit aller materiellen, sozialen und psychischen Prozesse" - zitiert werden hier Texte von Asja Lacis bis Ludwig Wittgenstein, von Walter Gropius bis Bertolt Brecht. Methodisch, so Werber mit Gumbrecht, ist das die Annäherung an die Geschichte über das Prinzip des Hypertexts: Man klickt sich von (überraschender) Ähnlichkeit zu Ähnlichkeit, das Dispositiv bildet sich über Häufigkeiten gemeinsamen Auftauchens disparater Gegenstände. So können etwa Hitler und Kafka in ihrer Gemeinsamkeit der Bürokratiefeindschaft in einen Zusammenhang gebracht werden. Des partiell Willkürlichen seines Vorgehens ist sich Gumbrecht bewusst, es geht ihm um die Erzeugung der "Illusion der direkten Vergangenheitserfahrung" und der Rezensent hält dieses Vorhaben für "grandios gelungen".
© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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2 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
auf der suche nach der wirklichkeit von gestern,
Rezension bezieht sich auf: 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit (Gebundene Ausgabe)
man kann dieses buch lesen wie die geburtstagsbücher - freilich viel tiefgehender - und so wichtige persoen und ereignisse dieses jahrgangs wieder wahrnehmen. man kann sich dem jahr 1926 auch nähern wie etwa der lebenswelt im mittelalter, mit dem vorteil, dass das entstehende bild aufgraund der quellenlage viel plastischer wird, allerdings aufgrund der selektion etwas subjektiver. die darstellung reicht von der damaligen wahrnehmung von Dingen, die im kellektivgedächtnis gut verankert sind, wie autos, fahrstühle, fernsprecher, fliessband etc.,zu der beschreibung von freizeitvergnügen wie reisen,stierkampf usw. bis zu eher elitären diskussionen.Darüberhinaus kann man natürlich mit dem autor gegen den autor nach dem subjekt der geschichte fragen - mithile von Heidegger u.a. oder s.o. auch nur die beschreibung der damaliegen uni-praxis geniessen.
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