Immerhin hat dieses Werk im Gegensatz zu den meisten klassischen Kindle-Lyriksammlungen ein Inhaltsverzeichnis, was es formal heraushebt. Dafür sind auch hier viele Gedichte gekürzt und lassen sich nicht vollständig darstellen.
Romantisierende Abendbilder ("Stille wird's im Walde, die lieben kleinen Sänger prüfen schaukelnd den Ast / der durch die Nacht dem neuen Fluge sie trägt, den neuen Liedern entgegen.") stehen hier neben einfühlsamen Frühlings- und Herbstweisen ("Süß träumt es sich in einer Scheune / wenn drauf der Regen leise klopft / So mag sich's ruhn im Totenschreine / Auf den des Freundes Zähre tropft.") und Abschiedsliedern von Auswandernden, die vor den regierenden Tyrannen davonziehen.
Ein schönes Bild der Situation des deutschen Vormärz findet sich im Gedicht "Abschied", in dem der Jäger sich vor dem Wild versteckt und es vorüberziehen lässt wie das Volk sich vor dem Fürsten versteckt und diesen vorüberzeihen lässt, wenn er "herannaht".
Nikolaus Lenau ist aber auch so etwas wie der Dichter der Wehmut, oft steht ein Idyll im Mittelpunkt, dessen Flüchtigkeit der Dichter betont, immer schleicht sich Abschieds- und Todesmelancholie in die Lebensbilder, seien es Feste der Jugend oder Liebesszenerien.
Die Schwermut, die Lenau in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts erfasste, lässt sich sehr schön ersehen am Gedicht "Der Seelenkranke":
"Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde / Und will sie stumm bis an mein Ende tragen / Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen / Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde."
Es finden sich in dieser Sammlung sehr schöne Bilder Melancholie und Selbstversunkenheit, zum Beispiel ein trauriges Gedicht auf den Frühling, der seinen Sänger Hölty, Lenaus Dichterkollegen, vermisst.
Gelegentlich blitzt auch mal ungeahnte Lebensweisheit auf, wie im Gedicht "Der Unbeständige".
Zeitweise verfügt Lenau über eine gewisse Unbefangenheit und Frische der Sprache, die ihn sympathisch erscheinen lassen.
So weit zum Positiven. Leider hat Lenau weder formal noch inhaltlich wirklich Neues zur Dichtkunst beizutragen, als seine wesentliche Errungenschaft gilt die erwähnte Melancholie.
"Ob jeder Freude seh ich schweben / Den Geier bald, der sie bedroht / Was ich geliebt, gesucht im Leben / Es ist verloren oder tot."
Ansonsten kennzeichnet endlos scheinende lyrische Dutzendware diese Sammlung, der vor allem Originalität abgeht. Die Gedichte wirken weitgehend saft- und kraftlos. Die ewigen Nachtigallen, Hirten und der immer wiederkehrende Lenz sind allzu sattsam bekannt.
Immerhin verfügt Lenau über Mitgefühl, wie es im Gedicht über das Begräbnis einer alten Bettlerin aufscheint, und ist ein Freund Beethoven'scher Musik. Auch leichte Religionskritik ist gelegentlich zu vernehmen, wie der am "geldgierigen Pfaffen", der dem "Pöbel" den "schweißgetränkten Kreuzer" aus den Taschen zieht.
Zum Abschluss noch meine Lieblingsverse aus dem Gedicht "Auf eine holländische Landschaft":
Müde schleichen hier die Bäche / nicht ein Lüftchen hörst du wallen / Die entfärbten Blätter fallen / Still zu Grund vor Altersschwäche."