„172,3“ war mein erster Roman von Vincent Voss, und ich war aufgrund der positiven Rezensionen Feuer und Flamme, diesen Roman schnellstmöglich zu lesen. Die Vorfreude meinerseits löste sich leider schon nach einem Drittel der Geschichte in Wohlgefallen auf. Ich fand weder einen richtigen Bezug zu der Geschichte, noch zu den Figuren, aber genau das ist für mich als Leser natürlich unabdingbar.
Die Figuren, mit denen eine Geschichte nun mal steigt und leider auch fällt, waren allesamt viel zu blass und verhinderten ein Durchleben der Geschichte aus ihrer Sicht. Die Eigenschaften die ich brauche, um mit einer Figur fühlen zu können, mit ihr zu leiden oder sich zu freuen, waren meinem Empfinden nach kaum vorhanden. Nicht jede Figur muss vor Intensität und Identifikation tropfen, aber zumindest für die Hauptfigur Viktor hätte ich mir einen gewissen Hauch davon erhofft. Sie muss menschlich sein und nahbar wirken, um mit ihr Seite an Seite das Gute genießen-, oder aber auch mit ihr gemeinsam das Böse bekämpfen zu können.
Wenn das vom Autor nicht gewollte wurde, er keine Identifikation schaffen wollte, dann muss er zumindest ein Gefühl des Hasses für die Figur erzeugen. Da dieses Gefühl auch nicht aufkam, verband mich rein gar nichts mit Viktor, ich empfand weder Sympathie noch Hass für ihn, und so war es mir schlussendlich völlig egal was mit ihm geschah.
Die Idee zu der Story mag ja nicht die Schlechteste sein, aber das Verhältnis Umsetzung - Idee passt nicht wirklich, und genau das ist die Krux beim Schreiben eines Romans, die Umsetzung einer Idee in eine mitreißende Story. Die Geschichte wirkt leider fast genauso blutleer wie ihre Figuren, eine Geschichte, in der das Feuer schon beinahe erloschen war, bevor ein Streichholz es überhaupt entzünden konnte. Viel zu selten kam bei mir auch nur ein Hauch von Feeling auf, das ein guter Horror-Roman mit sich bringt. Von der Intensität völlig in die Story eingetaucht-, vom Grauen förmlich erschüttert und gefesselt zu sein, jedwedes Geschehen aufgrund dessen um einen herum ausgeblendet zu haben…das ist ein guter Horror-Roman. Wenn diese Eigenschaften das „Yin“ bilden, dann steht 172,3 hingegen für das „Yang“. Wobei es mir schwer fällt, 172,3 überhaupt als Horror-Roman zu deklarieren, denn in jedem zweiten Thriller geht es mittlerweile härter, spannender und packender zur Sache.
„Ich kam mir vor wie in einer Vakuumblase, wohlbehütet und geschützt vor allen äußeren Einflüssen und Widrigkeiten, denn das vermeintlich Böse erreichte mich nicht.“
Auf die Zeichensetzung, den Satzaufbau, die Grammatik „die Kunst des Schreibens“, möchte ich gar nicht groß eingehen, nur beiläufig erwähnen, dass dieses Deutsch in einigen Passagen kurz davor war, mir die Fußnägel nach oben zu krempeln und mir zeitgleich einen Schauer über den Rücken jagte.
Mein Fazit: „172,3 ist einfach zu langweilig, zu fad und plätschert in vielen Belangen nur so dahin. Die Figuren reihen sich nahtlos ein, denn auch sie können nicht die gewünschten „Aha“ Effekte, die nötigen Ausrufezeichen setzen. Somit kann ich diesem Roman leider nicht viel Positives abgewinnen. Sicher werden auch hier die Meinungen auseinander gehen, aber für mich ist 172,3 die Reinkarnation des Horrors, nur für wen stellt sich mir die Frage.“