Es gibt unzählige Hörspielserien, bei denen jede Folge fast bei Null anfängt, eine ganz neue Story aufgebaut wird und innerhalb einer knappen Stunde zum Ende geführt wird. Das ist vollkommen in Ordnung und in vielen Fällen spannend oder lustig oder gruselig, je nachdem, welchem Genre angehörig.
Aber bei Gabriel Burns ist es natürlich ganz anders. Offensichtlich scheint es vielen Rezensenten nicht genehm, wenn eine Story nicht nach einer oder maximal drei Folgen abgeschlossen ist und man sich entspannt zurücklehnen kann. Gabriel Burns ist nun einmal ganz anders angelegt als der größte Teil der Hörspielprodukte der vergangenen Jahrzehnte. Ja, die Folgen bauen aufeinander auf, immer mehr Fragen tauchen auf, aber es taucht genauso eine Struktur auf, die uns den Gabriel-Burns-Kosmos zwar nicht sofort erklärt, aber immer mehr hilft, ihm auf die Spur zu kommen. Die ersten 22 Folgen bilden ein Kapitel - die "Phase Fleisch", und bei einer so groß angelegten Struktur ist es unabdingbar, dass der Hörer an der ein oder anderen Stelle Geduld mitbringen muss. Aber gerade bei der Qualität der Folgen (das betrifft auch diese Folge) sehe ich keinen Grund sich zu beschweren. Vielmehr sollte man dankbar sein, dass Volker Sassenberg und sein Team sich trauen, eine derartig verschlungene Story einem Publikum zu präsentieren, das sich erst an die Komplexität gewöhnen muss. Um Geld zu verdienen kann man es sich bei den herrschenden Voraussetzungen auch einfacher machen - grandiose Musik, tolle Sprecher, alles da. Aber eine außergewöhnliche Erzählstrategie wie bei Gabriel Burns ist eben risikoreich, aber auch erfolgreich. Einen komlexen Roman beginnt man auch nicht in der Mitte, darum kann man es niemandem vorwerfen, dass eine Folge wie "Was ist das Leben?" nicht allein stehen kann.
Hört also hin, beginnt bei Folge 1 und staunt über Fantasie und Genialität bei der Umsetzung. Viel Vergnügen!