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5.0 von 5 Sternen
Eine Weltgeschichte des Jahre 1688, 2. Mai 2007
Rezension bezieht sich auf: 1688 - Was geschah in jenem Jahr rund um den Globus? Ein Mosaik der Frühen Neuzeit. (Taschenbuch)
Zu wissen, was im gleichen Augenblick in der ganzen Welt geschieht, gehört zu den schönsten Kindheitsträumen. Obwohl seit dem Anbruch der weltweiten Datenvernetzung dieser Traum zur Norm geworden ist, war die weltweite Gleichzeitigkeit für die Zeitgenossen früherer Jahrhunderte nur eine phantastische Fiktion.. John E. Willis versucht in dem vorliegenden Buch wenigstens dem Leser unserer Tage eine solche Gleichzeitigkeit von der Belle Etage des Historikers für das Jahr 1688 zu präsentieren. An der Hand des Autors blickt der Leser tatsächlich wie durch einen überdimensionalen Zoom in die Metropolen und Peripherien einer vergangenen Welt, und was es da in einer fiktiven Gleichzeitigkeit zu sehen gibt, ist wahrlich beachtlich. Auf den Sklavenmärkten Afrikas beginnt die systematische Erschließung des Kongobeckens für den Menschenhandel, die spanischen Silberflotten bringen noch immer die Edelmetalle aus Potosi nach Europa, in Spanisch-Mexiko erleidet die indianisch-mexikanischen Dichterin Sor Juana ihr tragisches Schicksal, der Grieche Phaulkon erlebt seinen Aufstieg und Fall am sagenhaften Hof von Siam, eine französische Gesandtschaft erreicht den Hof des Qing-Kaiser Kuangxi, der gerade erst den Jesuiten an seinem Hof die weitere Missionierung gestattet hatte. Im indischen Hyderahbad rüstet der letzte Großmogul Aurangazeb zum Schlag gegen die Ungläubigen, und an den Gestaden des sagenhaften Südkontinentes beobacht und beschreibt der englische Abenteurer William Dampier als erster die Aborigines. In England verfasst John Locke seine liberalen Schriften, während gleichzeitig die Glorious Revolution das europäische Verfassungsdenken auf eine neue Stufe erhebt. Peter der Große ist in Russland dabei, sich seines schwachsinnigen Halbbruders Iwan IV zu entledigen, am Kap der Guten Hoffnung festigen die Holländer ihre Kolonie, und auf dem Dach der Welt ist kurz nach dem Tod des 5. Dalai Lamas der Potala von Lhasa vollendet. Auch was in Japan, in Java, Brasilien oder in den Neuenglandstaaten 1688 geschieht, erhält in dem Buch seinen gebührenden Platz.
Aber was ist die Moral von der Geschicht? Was ist der gemeinsame Nenner so imponierenden Vielzahl von Namen, Herrschern und Ereignissen? Zeigen sich in den vielfältigen und so kurzweilig erzählten Miniaturen, den immer wieder neu eingestellten Nahaufnahmen aus allen Kontinenten am Ende wenigstens die Grundmuster einer neuen Zeit, die China, Indien, Europa und Amerika gleichermaßen eigen sind? Nein, wird man sagen müssen, diese weltweit einheitlichen Muster ergeben sich weder aus den Ereignissen noch aus dem Buch. Die parallel erzählten Geschichten des vorliegenden Buches beziehen vielmehr ihre Spannung und ihre Attraktivität aus dem Wissen, dass all die verschiedenen Ströme und Turbulenzen, von denen im den Buch die Rede ist, irgendwann einmal (und zwar lange nach 1688 ) zu einer einzigen Weltgeschichte zusammenwachsen werden. Mit dieser Einschränkung aber handelt es sich um eine der reizvollsten wirklichen "Weltgeschichten", die es derzeit zu lesen gibt.
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gelungene Zusammenstellung!, 26. November 2009
Rezension bezieht sich auf: 1688 - Was geschah in jenem Jahr rund um den Globus? Ein Mosaik der Frühen Neuzeit. (Taschenbuch)
1688 war die Welt eine leise Welt. Ohne Dampfmaschine und elektrische Motoren bewegten sich alle Dinge durch Muskelkraft oder dem Gefälle folgend, durch den Wind oder die Strömung. Denn das wichtigste Fortbewegungsmittel, das eine Verbindung in der Welt der einzelnen Geschichtszeiträume schuf, war das Segelschiff. Dementsprechend geschah alles sehr viel langsamer und mit großem Aufwand.
Im Jahr 1688 war eine Reise von den Silberminen in Mexiko zu den Aborigines in Australien, die Spanien zu seinem Reichtum und Status als Weltmacht verhalf, mit größten Gefahren verbunden und dauerte Monate. So war ein kultureller Austausch und ein Austausch von Waren und Gütern nur sehr langsam und selten möglich, und die einzelnen Regionen der Welt waren nahezu isoliert.
Auch war die Besiedlungsdichte eine viel geringere als heute und die Höflinge von Versailles konnten am Morgen zur Wolfsjagd in die nahen Wälder aufbrechen. In den weit ausgedehnten und unbewohnten Wäldern lebten mitten in Europa Bären, und nur wenige Kutschen und Reiter wagten sich weit hinein.
Durch politische und ideologische, aber auch durch die schiere geographische Entfernung der Machtzentren Chinas, Russlands und Japans entwickelten sich 1688 nahezu autarke Gebiete. Bis auf wenige Reisende, meist waren dies Forscher oder Abenteurer, bestand fast kein Kontakt mit den anderen "Welten".
In Europa wurden Newton, Locke und Leibnitz gefeiert und in der Welt des Islam beherrschten die "Schießpulver-Mächte", Osmanen, Moguln und Safaviden, die Geschicke von Staaten und Menschen.
In einem weltumspannenden Bogen schildert John E. Wills, welche Mächte und Menschen die Geschicke der Welt im Jahre 1688 lenkten. Er schildert Einzelschicksale und tragische Lebensbiografien in diesem Jahr und der Leser begleitet den Autoren bei seiner Reise rund um den Globus. Er gibt faszinierende Einblicke in die Silberminen Mexikos, den Sklavenhandel in Afrika, das Leben der Aborigines und das Leben in Batavia.
Er lässt Peter den Großen Revue passieren, Kangxi und Saikaku. Seine Schilderungen der politischen Situation in Versailles, London und Amsterdam lassen ein Gefühl für die Dimensionen der damaligen Gedankenwelt und die Ziele der Mächtigen entstehen.
In unzähligen imaginären Reisen nimmt er den Leser mit in eine Welt, die jenseits unserer Vorstellung ist: eine Welt der Segelschiffe, der seltenen Pergamente und heroischen Persönlichkeiten, die ihr ganzes Leben "opferten", um ihrem Ziel näher zu kommen, dem Ziel, die Welt zu verstehen.
Wunderbar einfach und verständlich schildert der Autor die Jahrzehnte, die nötig waren, um just im Jahr 1688 Ergebnisse zu zeitigen, an denen er uns teilhaben lässt. Dabei liest sich dieses Buch nie wie ein Geschichtsbuch, es vermeidet den belehrenden und wissenden Ton der Werke der Geschichtsprofessoren, sondern es erzählt von einfachen Dingen, tragischen Liebesgeschichten, unglücklichen Reisen und Verlusten. Immer sind es die Menschen und ihre Erlebnisse, die im Mittelpunkt stehen. Wir nehmen Teil an ihren Gedanken und Hoffnungen, ihren Sehnsüchten und Zielen, ihren Leistungen und Niederlagen.
Unmerklich entsteht, durch die Vielzahl an Beispielen und Wirkungsstätten, das Bild einer versunkenen Welt, ungleich dramatischer als zunächst gedacht. Der Leser beginnt diese Welt als das zu begreifen, was sie war: eine weite raue Landschaft und darin vereinzelt Inseln der Aktivität. Eine Welt der Isolation, die durch allmähliche Öffnung und Kontakte zu ungeheuerlichen Leistungen fähig wurde. Er vermittelt uns ein Gefühl für den damaligen Menschen und sein Tun, die plötzliche Evolution aller Charakteristika durch einen Grenzgänger der Kulturen, einen Menschen, der sein Wissen an andere Orte trug und dort einen Flächenbrand auslöste.
In der heutigen Zeit, in der Internet und Fernsehen den Eindruck einer einzigen, gemeinsamen Welt suggerieren, zeigt der Autor, dass in Wahrheit immer nur die Menschen, die selbst gehen und sehen, Dinge verändern.
Wer die Welt vor über 300 Jahren kennen lernen will, der sollte sich dieses "Lesebuch" kaufen. Es ist spannend geschrieben und bietet eine derartige Fülle an Informationen und Kenntnissen, dass man dem Autor nur staunend zurufen möchte: Danke schön!
Für sehr Interessierte findet sich ein riesiger Anhang mit Hunderten Literaturvorschlägen zur Vertiefung der einzelnen Themengebiete. Ein Register der verwendeten Fachbegriffe und dankenswerterweise eine Weltkarte mit allen wichtigen abgehandelten Orten rundet das Buch ab.
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Stefan Erlemann
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4.0 von 5 Sternen
Vom Reiz der Gleichzeitigkeit, 17. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: 1688 - Was geschah in jenem Jahr rund um den Globus? Ein Mosaik der Frühen Neuzeit. (Taschenbuch)
Zu wissen, was im gleichen Augenblick in der ganzen Welt geschieht, gehört zu den schönsten Kindheitsträumen. Obwohl seit dem Anbruch der weltweiten Datenvernetzung dieser Traum zur Norm geworden ist, war die weltweite Gleichzeitigkeit für die Zeitgenossen früherer Jahrhunderte nur eine phantastische Fiktion.. John E. Willis versucht in dem vorliegenden Buch wenigstens dem Leser unserer Tage eine solche Gleichzeitigkeit von der Belle Etage des Historikers für das Jahr 1688 zu präsentieren. An der Hand des Autors blickt der Leser tatsächlich wie durch einen überdimensionalen Zoom in die Metropolen und Peripherien einer vergangenen Welt, und was es da in einer fiktiven Gleichzeitigkeit zu sehen gibt, ist wahrlich beachtlich. Auf den Sklavenmärkten Afrikas beginnt die systematische Erschließung des Kongobeckens für den Menschenhandel, die spanischen Silberflotten bringen noch immer die Edelmetalle aus Potosi nach Europa, in Spanisch-Mexiko erleidet die indianisch-mexikanischen Dichterin Sor Juana ihr tragisches Schicksal, der Grieche Phaulkon erlebt seinen Aufstieg und Fall am sagenhaften Hof von Siam, eine französische Gesandtschaft erreicht den Hof des Qing-Kaiser Kuangxi, der gerade erst den Jesuiten an seinem Hof die weitere Missionierung gestattet hatte. Im indischen Hyderahbad rüstet der letzte Großmogul Aurangazeb zum Schlag gegen die Ungläubigen, und an den Gestaden des sagenhaften Südkontinentes beobacht und beschreibt der englische Abenteurer William Dampier als erster die Aborigines. In England verfasst John Locke seine liberalen Schriften, während gleichzeitig die Glorious Revolution das europäische Verfassungsdenken auf eine neue Stufe erhebt. Peter der Große ist in Russland dabei, sich seines schwachsinnigen Halbbruders Iwan IV zu entledigen, am Kap der Guten Hoffnung festigen die Holländer ihre Kolonie, und auf dem Dach der Welt ist kurz nach dem Tod des 5. Dalai Lamas der Potala von Lhasa vollendet. Auch was in Japan, in Java, Brasilien oder in den Neuenglandstaaten 1688 geschieht, erhält in dem Buch seinen gebührenden Platz.
Aber was ist die Moral von der Geschicht? Was ist der gemeinsame Nenner so imponierenden Vielzahl von Namen, Herrschern und Ereignissen? Zeigen sich in den vielfältigen und so kurzweilig erzählten Miniaturen, den immer wieder neu eingestellten Nahaufnahmen aus allen Kontinenten am Ende wenigstens die Grundmuster einer neuen Zeit, die China, Indien, Europa und Amerika gleichermaßen eigen sind? Nein, wird man sagen müssen, diese weltweit einheitlichen Muster ergeben sich weder aus den Ereignissen noch aus dem Buch. Die parallel erzählten Geschichten des vorliegenden Buches beziehen vielmehr ihre Spannung und ihre Attraktivität aus dem Wissen, dass all die verschiedenen Ströme und Turbulenzen, von denen im den Buch die Rede ist, irgendwann einmal (und zwar lange nach 1688 ) zu einer einzigen Weltgeschichte zusammenwachsen werden. Mit dieser Einschränkung aber handelt es sich um eine der reizvollsten wirklichen "Weltgeschichten", die es derzeit zu lesen gibt.
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