"Das sind Engel...............Engel............."
(Russische Kinder beim Anblick der polnischen Flügelhusaren)
Am 28. März 1584 verstirbt in Moskau Zar Iwan IV. Wassiljewitsch Groznyj, der als "der Schreckliche" in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Als Fjodor I. folgt ihm sein 26jähriger, geistig zurückgebliebener Sohn auf dem Thron, dessen Herrschaft jedoch von einem fünfköpfigen Kronrat, den bereits sein Vater eingerichtet hatte, eingeschränkt wird. Mit dem Tode Fjodors I. am 16. Januar 1598 erlischt die Dynastie der Rurikiden, die Russland seit dem späten 9. Jahrhundert regiert hatte. In den nachfolgenden Jahren die als als "Smutnoye Vremya" bezeichnet werden, entbrennen erbitterte Kämpfe um den Zarenthron. Verrat und Mord sind an der Tagesordnung und Prätendenten wie der "falsche" Dimitri werden vom polnischen König Sigismund III. militärisch unterstützt. Erst mit der Krönung Michail Fjodorowitsch Romanows am 11.07.1613, sollte die, auch als "Smuta" bezeichnete 15jährige "Zeit der Wirren" ihr Ende finden.....
.....und 394 Jahre später vom russischen Regisseur Vladimir Chotinenko in dessen Film "1612: Khroniki smutnogo vremeni" wieder belebt werden. Seine Geschichte beginnt mit dem ersten "falschen Dimitri" (dargestellt von Dmitri Ulyanov), dem angeblichen Sohn des "schrecklichen" Iwan IV., der mit Hilfe polnisch-litauischer Truppen auf den Zarenthton gelangt und seinen Vorgänger Fjodor II. Borissowitsch Godunow und dessen Mutter ermorden lässt. Dimitri kann sich jedoch nur ein Jahr an der Macht halten und der Polenkönig Sigismund III. schickt eine neue, 30.000 Mann starke Armee mit 1000 Schützen nach Moskau, um seine Interessen zu wahren.....
Zentrale Gestalt des Invasionsheeres ist ein in polnischen Diensten stehender, kahlköpfiger Kosaken Hetman, dargestellt vom polnischen Superstar Michal Zebrowski, der Xenia (Violetta Davydovskaya) die (historische) Schwester des ermordeten Fjodors II., in seine Gewalt gebracht hat und mit ihr eine neue Dynastie gründen will. Sein Gegner ist der entlaufene Leibeigne Andrei (Petr Kislov) , der sich die Ausrüstung des gefallenen Söldners Alvar, klasse verkörpert vom spanischen Mimen Ramón Langa, aneignet und in dessen Rolle schlüpft. Als Andrei ein kleiner Junge war, hatte ihm Xenia das aus einem Schnitzwerk am Tor des Kremls abgebrochene Einhorn geschenkt, bevor sie bei einem Überfall des Hetmans, der dabei auch Andreis Mutter tötete, entführt wurde. Durch die Magie des Einhorns und des getöteten Alvar, die in Traum- und Fantasieszenen mehrfach.....
Im Großen und Ganzen folgt der Film den historischen Ereignissen, die mitunter in russischer Schrift eingeblendet und in deutsch vorgetragen werden. Waffen, Rüstungen und sonstige Ausstattungen sind gelungen. Besonders die schwer gepanzerte polnische Hussaria mit ihren über den Kopf hinausragenden Adlerfedern, die an befestigten Holzbügeln angebracht sind. Überzeugend dargestellt sind auch "Partisanenangriffe", Belagerungskämpfe, Artillerie- und Schützenfeuer, sowie Einzelkämpfe. Alle Kampfhandlungen, sowie einige weitere Szenen sind grausam realistisch und daher nichts für zartbesaitete Gemüter. Beeindruckend sind die Kulissen russischer Dörfer und Befestigungen. "1612" ist ein sehenswerter Film, der dem Zuschauer eine wichtige Epoche der russischen und osteuropäischen Geschichte näher bringt.....
.....und das irritierende Merchandising seines Vertreibers, der MIG Filmgroup, eigentlich nicht nötig hat. Der Untertitel "Angriff der Kreuzritter" weckt falsche Erwartungen, denn unter dem Kreuz kämpfen im Film christlich-orthodoxe Russen gegen christlich-katholische Polen und Litauer. Das mittelalterliche Zeitalter der Kreuzzüge war schon seit 300 Jahren vorbei. Der Text auf der Rückseite des DVD-Covers weist einen elementaren Fehler auf,denn dort wird Michal Zebrowski als Darsteller Andreis bezeichnet. Auch kann der Film nicht als "das russische Königreich der Himmel" bezeichnet werden, denn erstens ist es kein mediävistischer Ritterfilm, der im Heiligen Land spielt und zweitens eine weitaus bessere Umsetzung der historischen Vorgaben.....
.....die nach spannenden, 144 Minuten zu einem tieferen Einstieg in die russische Geschichte einladen und mit 4 Amaonsternen zu bewerten sind.