Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
150.000 in bar
 
Größeres Bild
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

150.000 in bar [Broschiert]

Carin Chilvers
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Gefährliche Schnappschüsse

Rita Volk ist Privatdetektivin. Die ehemalige Kriminalkommissarin hatte ihren Dienst quittiert, nachdem ihre kleine Schwester Jessika im Alter von acht Jahren plötzlich spurlos verschwunden war.

Jahre später folgt sie ihrem Ex-Boss und seinem Team zu einem Tatort. Joachim Tenner, der schwule technische Leiter eines Foto-Großlabors, ist ermordet worden. Sein Lebenspartner, der ein paar Tage später 150.000 in bar im gemeinsamen Safe findet und sich von den ermittelnden Kripobeamten nicht ernst genommen fühlt, beauftragt Rita Volk, den Mörder zu finden.

Ihre Recherchen führen die Privatdetektivin in einen Sumpf aus Kindesentführung, Sexualverbrechen und Erpressung, der immer undurchsichtiger wird. Als sie auch noch pornografische Kinderfotos findet, die im Besitz des Toten waren, spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu ...

Über den Autor

Carin Chilvers lebt in Stuttgart und arbeitet als freie Übersetzerin. Sie ist Mitglied bei der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur SYNDIKAT. Ihr erster Roman "Irezumi" erschien 2003 beim Betzel Verlag. Mit der Figur der Privatdetektivin Rita Volk bereichert sie das Genre um eine ebenso sympathische wie glaubwürdige Ermittlerin.

Auszug aus 150000 in bar. Privatdetektivin R. Volk von Carin Chilvers. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Erstes Kapitel

Es war kurz nach Mitternacht, als Rita aus der Kneipe auf den Gehweg hinaustrat, in der sie sich das Qualifikationsspiel für die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich, Deutschland gegen Nordirland, auf dem Großbildschirm über der Theke angesehen hatte. Die Begegnung hatte in Belfast stattgefunden, und der denkwürdige Tag war der 20. August 1997.
Die Kneipe gab sich einen typisch irischen Anstrich, besonders was die große Auswahl von hierzulande unbekannten Whisky-Sorten betraf. Sie war aber heilfroh, dass heute kein einziger echter Ire anwesend war, von denen sich tatsächlich gelegentlich mal einer hierher verirrte.
Bis Oliver Bierhoff, der Gentleman-Kicker, die Initiative ergriffen und kurz vor der Katastrophe innerhalb von knapp 10 Minuten, in der 73. 78. und 79 Minute, hintereinander drei Tore geschossen hatte, war es ein nervenaufreibendes Spiel gewesen. Danach fing die Kneipe an zu beben.
Um sie herum floss das Bier in Strömen. Selbst Alf (eigentlich Alfred), ein arbeitsloser Stammgast, der sonst einen ganzen Abend lang stumm in sein Bierglas starren konnte und die Augen nur hob, um ein neues zu bestellen, ließ sich von der Siegerstimmung anstecken und blickte mit glasigen Augen selig lächelnd in die Runde.
Bevor die Dinge völlig außer Kontrolle gerieten, machte sie sich davon.

Es war kaum zu glauben, aber die hochsommerliche Stadtluft stand noch immer unbeweglich zwischen den Häusern und wartete auf ein frisches Windchen.
So ging das nun schon seit Wochen. Die Medien sprachen mal wieder von einem Jahrhundertsommer, und sie hatte allmählich das Gefühl, dass dieser wetterbedingte Stillstand auch sämtliche kriminellen Energien lahm legte, die sonst so ihr Geschäft belebten.
Ihr letzter, in finanzieller Hinsicht, nennenswerter Auftrag lag drei Monate zurück und war die klassische Observation des jungen Lovers einer reichen, auffallend gepflegten Endfünfzigerin aus großindustriellen Kreisen gewesen. Der dramatische Zusammenbruch der Dame bei der Übergabe der verräterischen Fotos saß ihr jetzt noch in den Knochen.
Am meisten irritierte sie jedoch, dass sie auch in Sachen Jessika nicht weiter kam, obwohl sie im Internet jeder brauchbaren Spur hinterher hechelte und sämtliche neuen Erkenntnisse sorgfältig prüfte, und obwohl sie täglich praktisch jeden gedruckten Buchstaben in einer regionalen und zwei überregionalen Tageszeitungen las, die jedoch außer den üblichen Sommerloch-Indiskretionen weiter nichts zu bieten hatten und zudem noch schamlos voneinander abschrieben.
Einzig Gerichtsreporter Fritz Kühn schien einer reellen Aufgabe nachzugehen. Er verfolgte in Vertretung seiner beiden Kollegen die Gerichtsverhandlung eines neunzehnjährigen Studenten, der eine Dreizehnjährige vergewaltigt und fast zu Tode gewürgt hatte, und Jugendrichter Julius Rossnagel, wie sie zwischen den Zeilen lesen konnte, schien den Kerl wieder einmal mit Samthandschuhen anzufassen.
Rossnagels unangemessen milde Urteile hatten sie schon ein paar Mal auf die Palme gebracht.

Sie hielt einen Moment inne, kniff die Augen zusammen und versuchte, die Dunkelheit auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu durchdringen, wo sie kurz vor Spielbeginn ihr Auto abgestellt hatte. Hinter ihr schrieb die schmale Neonröhre über der Kneipentür unter spasmischen Zuckungen den Schriftzug IRISH PUB in giftigem Grün in den Stuttgarter Nachthimmel und tauchte die umliegende Umgebung gerade wieder in gespenstisches Licht, als sie die Schritte vernahm.
Kurz darauf zeichnete der Schlagschatten des 'Parken verboten'-Schildes harte Konturen in die bleichen Milchgesichter von zwei kahlrasierten Jugendlichen, gewandet in Kampfanzug und Springerstiefeln, die plötzlich aus dem Dunkel aufgetaucht waren.
Die beiden waren, im Gegensatz zu ihr, alles andere als nüchtern und bewegten sich, einer die Hand auf der Schulter des anderen, schräg gegeneinander gelehnt in einer breit angelegten Schlangenlinie auf sie zu.
Beide trugen einen grob gestrickten rot-weiß gestreiften Schal, das untrügliche Zeichen des VfB-Fans, unordentlich um den Hals geschlungen, und das Gesicht des einen wies eine frische Platzwunde links über dem eingedrückten Nasenrücken auf, aus der schillernd noch etwas Blut sickerte. Das Auge darunter war bereits farbenfroh zugeschwollen. Mit dem anderen sah er sie herausfordernd an und lallte seinem Kameraden zu: "Sieh' mal. Ne Braut. Und ganz alleine."
Sein Kumpel nickte langsam mit schweren Lidern wie ein müdes Krokodil und grinste dümmlich breit mit einem abgebrochenen Schneidezahn in ihre Richtung.
Sie machte Anstalten, die Straße zu überqueren, als der mit der kaputten Augenbraue mit dicker Stimme weiterstammelte: "Hey du Schlampe. Bleib gefälligst steh'n."
Sie sah sich um.
Außer ihr war kein anderes weibliches Wesen in Sichtweite, von einer Schlampe ganz zu schweigen.
"Ich hoffe, du meinst nicht mich, sonst gibt's noch eins auf die Nase", antwortete sie und betrachtete ihn und seinen Kumpel abschätzend.
Sie musste nicht lange rätseln. Bei den beiden handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Kandidaten aus Block A, der Cannstatter Kurve im Neckar-Stadion.
Die beiden blieben überrascht stehen und versuchten schwankend Balance zu halten. Als sie sich einigermaßen eingependelt hatten, lachte der, der bisher nur blöde gegrinst hatte, glucksend und meinte: "Das is' nich' Ihr Ernst, Lady."
"Genau", lallte der bereits heftig Angeschlagene, machte sich umständlich von seinem Kumpel los und kam langsam auf sie zugetorkelt. Offenbar hatte er noch nicht genug für heute.
Sie war auf das Äußerste gefasst und jeder Muskel ihres schlanken, durchtrainierten Körpers signalisierte Einsatzbereitschaft.
In diesem Moment ertönten mehrere Martinshörner gleichzeitig.
Das eben noch dösige Krokodil schnappte nach dem Arm des Unbelehrbaren, zerrte ihn von ihr weg und die beiden verschwanden so plötzlich in der Dunkelheit, wie sie aufgetaucht waren.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite rasten in knappem Abstand zwei Polizeiautos mit wild kreisendem Blaulicht an ihr vorbei, unmittelbar gefolgt von Kommissar Horlachers dezent anthrazitfarbenem BMW und der Ambulanz, die mangels Windschnittigkeit nur auf zwei Rädern aus der Kurve kam, ansonsten aber ganz gut mithielt.
Erlöst vom Bann der Untätigkeit rannte sie über die Straße, sprang in ihr Auto und hängte sich an den rasanten Krankenwagen. Zweifellos war die Kripo auf dem Weg zu einem Einsatz, und sie fuhren wie die Henker. Nach zirka zwanzig Minuten hielten sie mit quietschenden Reifen vor einem alten Patrizierhaus im Westen der Stadt und sprangen, einer nach dem anderen, aufgekratzt aus ihren Fahrzeugen.
'Kaum zu glauben, was für eine belebende Wirkung so eine rasante kleine Stadtfahrt unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln auf die staugeschädigte Autofahrerseele hat', dachte sie und parkte ein Haus weiter in zweiter Reihe.
Horlacher ging bereits mit energischen Schritten auf einen schlanken jungen Mann zu, der händeringend vor dem hell erleuchteten Hauseingang hin- und herlief, in Abständen den Kopf in den Nacken warf und seinen Schmerz stumm in den Himmel zu schreien schien.
Horlacher, für den Situationen wie diese sein täglich Brot waren, streckte ihm zur Begrüßung erst einmal eine Hand entgegen und legte dann zur Beschwichtigung die andere auf die Schulter des Verzweifelten. Der junge Mann übersah die ausgestreckte Hand, befreite seine Schulter, packte Horlacher wie ein Ertrinkender am Arm und zerrte ihn mit sich, wobei er aufgeregt und heftig gestikulierend auf ihn einredete, bis beide im Hauseingang verschwunden waren.
Zwei Beamte von der Spurensicherung und Dr. Pale, der Gerichtsmediziner, marschierten eilig hinterher. Pale, unverkennbar mit seinem in die Jahre gekommenen Hut, den er selbst beim Obduzieren nicht absetzte, und der verbeulten und im Verhältnis zu seiner schmächtigen Gestalt viel zu großen Maulbügeltasche. Pales Erfolgsrate bei der Aufklärung besonders kompliziert gelagerter Fälle war phänomenal und seine Meinung über die nationalen Grenzen hinaus gefragt und anerkannt. Wegen seiner manchmal geradezu störrischen Verbissenheit bei der Aufklärung der Todesursache wurde er in Fachkreisen auch Quincy genannt, was ihn kein bisschen störte, im Gegenteil.
Der talentierte Fahrer und sein athletischer Sanitäterkollege machten sich routiniert am Heck der Ambulanz zu schaffen und zuckelten dann unbekümmert mit einem Sarg zwischen sich auf den Hauseingang zu.

Rita stieg aus.
Entfernt hörte sie den Autocorso, der den Cityring noch bis in die frühen Morgenstunden beschallen würde. Langsam ging sie auf das Haus zu und sah an der nächtlichen Fassade hoch. Im fahlen Licht der Straßenbeleuchtung zeichneten sich in den dunklen Fensterrahmen unscharf die Silhouetten von ein paar neugierigen Nachbarn ab. Hier und dort glimmte verräterisch eine Zigarette wie ein Glühwürmchen auf, beschrieb einen flachen Bogen von den Lippen bis zum Fensterbrett und verlosch.
Ganz oben brannte Licht. Viel Licht. Vermutlich der Ort des Geschehens.

‹  Zurück zur Artikelübersicht