'Ich habe 13 Banker in meinem Büro, die sagen, dass Sie, wenn Sie so weiter fahren, die schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg verursachen werden', warnte Larry Summers, der stellvertretende US-Finanzminister unter Bill Clinton am Telefon Brooksley Born, die Chefin der Commodity Futures Trading Commison (CFTC). Das ist die amerikanische Behörde, die für Derivate zuständig ist. Frau Born war 1998 besorgt über die mangelnde Aufsicht, die ihrer Ansicht nach zur Verbreitung von Betrug führen würde. Die mangelnde Transparenz machte es zudem schwer, zu beobachten, welche Risiken sich in diesem metastasierenden Sektor aufbauten. Sie bereitete deshalb ein 'concept paper' vor, indem sie die Frage aufwarf, ob die Regulierung von Derivaten verschärft werden müsste. Unmittelbar danach erhielt sie aber den ominösen Anruf von Summers, dem heutigen nationalen Wirtschaftsberater der US-Regierung Barack Obama. Es war Summers, der den 'Glass Steagall Akt' von 1933, der für die strikte Trennung von Investment-Banking und Einlagengeschäften sorgte, Ende der 1990er Jahre wieder aufhob.
Am Anfang des Buches liefern die Autoren einen informativen Überblick über die amerikanische Finanzgeschichte. Besonders hervorgehoben wird dabei Thomas Jefforson's Skepsis über die konzentrierte Macht der Banken und die Finanzaristokratie. Aus heutiger Sicht ist die damalige Entwicklung sehr aufschlussreich. Danach zeigen Johnson und Kwak auf, wie sich die Finanz- und Wirtschaftskrisen in den sog. Entwicklungsländern (wie z.B. Thailand, Korea, Brasilien usw.) in den 1990er Jahren entwickelt haben. All diese Länder hatten drei Hauptmerkmale, die das Potenzial für ernsthafte Instabilität innehaben: (1) Hohes Schuldenniveau, (2) gemütliche Beziehungen zwischen der Regierung und den mächtigen Personen in der Privatwirtschaft und (3) die Abhängigkeit von schwankungsanfälligen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland. Die Unterschiede zwischen Indonesien und den USA sind zwar offensichtlich. Was aber das Verhaltensmuster der Krisen betrifft, ist der gemeinsame Nenner unübersehbar: Finanzkrisen sind das Ergebnis der grundlegenden politischen Schwäche, argumentieren die Autoren. Das Kernproblem ist die Konzentration wirtschaftlicher Macht in einer Elite, die die Fähigkeit hat, das politische System zu beeinflussen. Mit dem kometenhaften Aufstieg der Wall Street zu Beginn der 1980er Jahre wurde der Finanzsektor einfach immer grösser. Angetrieben mit dem dogmatischen Deregulierungsprozess, der durch den legendären Ausspruch von Ronald Reagan, dem damaligen US-Präsidenten ausgelöst wurde: 'Der Staat ist nicht die Lösung für unsere Probleme, sondern der Staat ist das Problem'. Nach der Phase des 'boring banking' entstand die neue Phase des 'exiting banking' durch vier Geldmaschinen des modernen Finanzwesens:: (a) High-Yield Bonds, (b) Verbriefung, (c) Arbitrage Trading und (d) Derivate. Schliesslich kam es durch die Öffnung von zahlreichen Schlupflöchern in der Gesetzgebung zum 'bigger banking'. Das Ziel war, gross zu sein und Risiken einzugehen. Zwischen 1980 und 2000 ist der Anteil der Vermögenswerte, die von Geschäftsbanken, Wertpapierunternehmen und Verbriefung gehalten wurde, von 55% des BIP auf 95% gestiegen.
Während der 'saving and loan crisis' sind zwischen 1985 und 1992 über 2'000 Banken gescheitert, als Folge von Deregulierung, Mismanagement und Betrug. Das Finanzsystem, das infolge von Krisen Millionen Menschen den Job kostet und dem Staat enorme Schulden aufbürdet, muss daher umfassend reformiert werden, sind die Autoren überzeugt. Eine wirksame Reform muss zwei wesentliche Elemente angehen, die die jüngste Finanzkrise erzeugt haben: (1) Die leichtsinnige Kreditvergabe und Kreditaufnahme, (2) die TBTF-Problematik. Das erste Ziel ist, die einzelnen Teilnehmer in der Real-Wirtschaft zu schützen. Das zweite Ziel is, die Wirtschaft vor einer systemischen Krise, die von Grossbanken ausgelöst werde, zu schützen.
So wie bisher aber aussieht, bleibt die TBTF-Problematik von der Finanzreform ausgeschlossen. Das ist bedauerlich. Aber es heisst nicht, dass sie ungelöst bleiben muss. Johnson und Kwak schlagen daher beharrlich vor, die Grösse der Grossbanken zu begrenzen,und zwar auf 4% des BIP. Nach heutigen Daten bedeutet das eine Limite von 570 Mrd. $. Eine Deckelung der Grösse ist zwar eine notwendige Voraussetzung für die finanzielle Stabilität, aber nicht ausreichend. Das Ziel ist, Banken, die Risiken eingehen, in der Grösse so einzugrenzen, dass daraus keine Drohung für die Stabilität des Finanzsystems entsteht. Die Deckelung der Grösse sollten zudem nicht von den Regulierungsbehörden, sondern vom Kongress festgelegt werden, halten die Autoren fest. Die wirtschafliche und politische Macht der neuen Finanzoligarchie ist gefährlich, sowohl für die ökonomische Prosperität als auch für die Demokratie. Die Arbeit, die Roosevelt vor einem Jahrhundert gegen die konzentrierte Finanzmacht in Angriff genommen hat, muss zu Ende gebracht werden. Pflichtlektüre für alle, die Rechtsordnung und Demokratie schützen wollen.