Ich hab`s doch gewusst. Spazieren in den Canyons verheißt nie etwas Gutes. Wenn es schon keine Mutanten sind, dann müssen es natürlich irgendwelche Felsbrocken sein, die jeden noch so fröhlich beginnenden Ausflug durch`s Ödland zum reinsten Trip durch die Hölle machen. In der Tat kommt das Drama "127 Hours" ohne degenerierte Kannibalen oder Mutanten aus (man erinnere sich an "The Hills Have Eyes"), vielmehr sind es doch die wahren Geschichten des Lebens, die einen packen, mitfühlen lassen und Horror auf eine ganz andere Art und Weise zeigen. Und vielleicht sind es eben jene reellen Hintergründe, denen man mit einer argwöhnischen Mischung aus Abscheu und Bewunderung entgegen tritt. Ein Phänomen, das ich wohl getrost mit dem Wort "Faszination" bezeichnen möchte...
Hätte Aron Ralston - Adrenalin-Junkie und Naturliebhaber - gewusst, was ihn bei jenem schicksalhaftem Ausflug erwartet, hätte er sicher seine Wanderstiefel daheim gelassen. Auf sich allein gestellt, will Ralston die Canyons von Utah durchforsten. Beim Abstieg einer Felsspalte löst sich ein Felsbrocken, der unglücklicherweise seinen rechten Arm zwischen einer Felswand einklemmt. Ihr ahnt es sicherlich, der Film würde nicht "127 Hours" heissen, würde Ralston nicht 127 Stunden in eben dieser verflixten Felsspalte festsitzen. Was folgt ist ein gnadenloser Überlebenskampf, in einer noch viel gnadenloseren Situation. Die Vorräte neigen sich dem Ende und die Zeit scheint zu rennen...
Nun erschließt sich jedoch ein Problem: Wie füllt man einen über 90 minütigen Film, der beinahe ausschließlich in einer Felsspalte spielt?
Um es vorweg zu sagen, Regisseur und Oscar-Preisträger Danny Boyle ("28 Day Later", "Slumdog Millionär") liefert hier eine geradezu ausgezeichnete Regiearbeit ab. Im ersten Viertel wird die Figur des Ralston eingeführt, der sich gen Utha auf den Weg macht, bis er schließlich in diese missliche Lage gerät. Ab spätestens diesem Punkt sorgen Rückblenden, Erinnerungen sowie Fantasien dafür, dass man sich voll und ganz mit der Figur Ralston identifizieren kann. Nicht zuletzt wegen der herausragenden One-Man-Show von James Franco, dessen Emotionen, Ängste und Verzweiflung wohl niemanden kalt lassen dürfte. Und ich rede hier von dem James Franco, der für mich in "Spider-Man" nicht unsympathischer hätte sein können. Ich muss zugeben, nie mit meinem rechten Arm für fünf Tage in einer Felsspalte festgesteckt zu haben, dennoch hat es Franco mit seiner mehr als schockierend authentischen Performance geschafft, mich vollends zu überzeugen und den Leidensweg des Ralston ein klein wenig begreiflicher zu machen. Alle Achtung! Logisches Resultat bei toller Regiearbeit gepaart mit überragendem Schauspiel.
Davon ab gibt es auch handwerklich nicht viel auszusetzen. Faszinierende Landschaftsaufnahmen fangen die sowohl schöne, wie auch von Gott und die Welt verlassene Felswüste eindrucksvoll ein. Wenn die Kamera aus der Felsspalte schwenkt und die Umgebung zeigt, sollte wohl auch der Letzte begreifen, dass niemand zur Hilfe eilen wird - zumindest nicht in den nächsten fünf Tagen. Aron Ralston ist alleine. Erwähnenswert finde ich auch eine Szene, in der Ralston schrecklichen Durst hat (er musste sich eine Flasche Wasser für fünf Tage einteilen!) und uns die Kamera dann im Schnelldurchlauf aus der Felsspalte hinaus, den gesamten Weg zurück zu seinem Auto führt, um eine von Wasserperlen besetzte Gatorade-Flasche zu zeigen. Herrje, selbst ich habe bei diesem Anblick einen unglaublichen Durst verspürt, und das trotz meiner Cola in der Hand. Es sind eben Szenen wie diese, die eine derartige Situation erst glaubhaft - und für den Zuschauer vor allem greifbar - machen. Szenen wie diese, die es schaffen, Gedankengänge und Wünsche zu visualisieren und den Betrachter förmlich mit hineinziehen. Auf dieser Schiene ist "127 Hours" mehr als erfolgreich in seiner Umsetzung...
Fazit:
Keine Mutanten, und doch der reinste Horror. "127 Hours" (habe ich übrigens erwähnt, wie sehr ich es doch hasse diesen Titel jedesmal auszusprechen?), ist ein packendes Survival-Drama, herausragend gespielt und grandios in Szene gesetzt, beruhend auf der wahren Geschichte des Aron Ralston. Ein Film, der schonungslos zeigt (und dadurch auch wirkt!), wozu Menschen in scheinbar aussichtslosen Situationen fähig sind. Keine Fiktion, sondern der pure Überlebenswille. Jigsaw war gestern, denn sein wir ehrlich, die schockierendsten und zugleich faszinierendsten Geschichten bringt das wahre Leben hervor...