Dass das zweite Stones-Album in Amerika bereits im Oktober '64, ein halbes Jahr nach ihrem Debütalbum, erschien, noch bevor sie in ihrem Heimatland ein Nachfolgealbum veröffentlicht hatten, erscheint rückblickend erstaunlich, erklärt sich aber durch die Tatsache, dass dort mittlerweile die vorzügliche EP "5x5" erschienen war, die locker auf Augenhöhe mit der Beatles-EP "Long tall Sally" stand und die man dem amerikanischen Publikum nicht länger vorenthalten wollte.
Ironischerweise waren gerade diese fünf Aufnahmen - If you need me, Empty Heart, das Instrumental 2120 South Michigan Avenue, Confessin' the Blues und Around and around - im Juni '64 in den Chess-Studios in Chicago entstanden, und sie bildeten auch das Gerüst der (in Anlehnung an den EP-Titel) "12x5" benannten LP. Sie waren die inspiriertesten Aufnahmen auf dem Album, und zu meiner großen Freude erschienen hier 2002 genau diese 5 EP-Tracks zum ersten Mal weltweit in ihren grandiosen, remasterten Stereo-Mixen. (Die remasterten Mono-Mixe dieser EP finden sich mittlerweile auf Vol. 1 der Box "The Singles". Von 2120 South Michigan Avenue erschien über die Jahre häufig ein auf gut 2 Minuten gekürzter Edit; die ungekürzte Monoversion (3:37) gab es bereits Anfang '65 auf der deutschen LP "Around and around", und auf "12x5" gibt es seit dem 2002er Remaster endlich auch die ungekürzte Stereoversion!)
Chuck Berry soll gesagt haben, dass die Stones-Fassung von Around and around sein Lieblingscover eines Chuck-Berry-Songs sein soll, was man gut nachvollziehen kann! Wegen der Inspiration, die die Stones offensichtlich aus den Chess-Studios bezogen und nicht zuletzt auch wegen dieses Klangunterschiedes können allerdings die übrigen Aufnahmen aus den britischen Studios nicht ganz mithalten: das unausgegorene Grown up wrong fällt gegen den Rest ab, das überstürzte Suzie Q war schon keine Perle, bevor Creedence Clearwater Revival vier Jahre später die definitive Version davon veröffentlichten, und auch Congratulations zeigt die Stones nicht auf der Höhe; immerhin blieb es für britische Fans lange eine gesuchte Rarität, während die beiden erstgenannten Songs später auf der englischen LP "The Rolling Stones No. 2" wieder auftauchten.
Under the Boardwalk von den Drifters haute schon wieder viel besser hin, auch wenn es zeigte, dass Jagger sich erst Jahre später um Gesangstechnik bemühte. Es war kein Zufall, dass die Hitsingle It's all over now ebenfalls aus den Aufnahmen in Chicago stammte (auch dieser Stereo-Mix erschien hier 2002 zum ersten Mal remastert!). Seine B-Seite, Good Times, bad Times, ist für mich eine der stärksten B-Seiten der frühen Stones.
Die in diesem Zeitraum in Deutschland erschienene oben erwähnte LP "Around and around" verfolgte ein ähnliches Konzept: um die fünf "5x5"-EP-Tracks herum gruppiert fanden sich neben der Single It's all over now/Good Times, bad Times noch You better move on, Bye bye Johnny und Poison Ivy von der EP "The Rolling Stones" sowie die A-Seiten I wanna be your Man und Not fade away.
Mich ärgert ja schon lange die Veröffentlichungspolitik einiger US-Plattenfirmen in den Sechzigern; im Falle von "12x5" muss ich London aber mal attestieren, dass ihnen - ganz unabsichtlich - ein hervorragendes frühes Stones-Album gelungen ist, das man fast genau so gut am Stück hören kann wie sein deutsches Pendant "Around and around".