Der Kalauer drängt sich förmlich auf: Ein Rubin bringt den Diamanten zu neuem Glanz... aber lassen wir das. "12 Songs" hat das nicht nötig.
Neil Diamond zeigt auf seine alten Tage und unter tatkräftiger Mithilfe von Rick Rubin, welches Potential er als Sänger und Songwriter immer hatte, und dass sein Potential allzu oft unter allzu pastösem Hintergrundorchester begraben wurde. Und Rick Rubin beweist, dass seine Zusammenarbeit mit Johnny Cash keine Eintagsfliege war, sondern dass er tatsächlich ein Händchen dafür hat, die feinen Nuancen auch bekannt geglaubter Musiker zutage zu fördern... Auch wenn der Name "Rick Rubin" sofort Erinnerungen weckt an Cashs Jahrhundertalben, so sollte man Neil Diamonds genialen Wurf nicht mit ihnen vergleichen. Nicht nur, weil man mit Jahrhundertalben nicht vergleichen darf, sondern auch, weil "12 Songs" ein ganz eigenständiges, überzeugendes Album geworden ist.
Auf "12 Songs" klingt Neil Diamond endlich so, wie er klingen sollte, und endlich zeigt er, was in seiner Musik so alles drinsteckt. Er ist eben nicht der Schmalzdackel, als der er oft belächelt wurde. Welches Potential seine Songs haben, dürfte dieses Album jedem beweisen, der es sich angehört hat.
"12 Songs" ist insgesamt ein eher ruhiges, homogenes Album. Das bedeutet aber keineswegs, dass es ein eintöniges Album geworden wäre -- im Gegenteil! Daran erkennt man doch den Könner, dass er keine spektakulären Effekte benötigt. Und Neil Diamond braucht wahrlich keine Effekthascherei und betreibt auch keine. Sein neues Album lebt von seiner unverwechselbaren Samtstimme, von überzeugenden Songs und perfektem, aufs Wesentliche reduziertem Arrangement. Nach einem noch relativ zurückhaltenden Anfang steigert sich das Album von Song zu Song -- was aber nicht heißen soll, dass es schwach begänne. Im Gegenteil: Das einleitende "one, two, three" zeigt, wo's langgeht.
"Oh Mary" ist ein perfekter, stimmungsvoller Einstieg für ein gediegenes, stimmungsvolles Album. Hier stimmt einfach alles, und das Ergebnis ist ein fast schon hymnisches Liebeslied. Nur einer Zeile kann man nicht zustimmen: "too old to pretend" ist Neil Diamond garantiert nicht, und zum Glück macht er ja auch weiter, mit insgesamt 14 (!) Songs...
Diamonds Samtstimme ist immer noch einzigartig, und sein Volumen und Intonationssicherheit bestechen vielleicht noch mehr als früher -- jetzt, wo auch Diamond nicht mehr mit ungebrochenem Strahlemann-Tenor singt. Die Stimme hat Patina angesetzt, und die Patina steht ihr. Die Arrangements wiederum sind maßgeschneidert und bleiben bescheiden im Hintergrund, obwohl (oder gerade weil) sie meisterhaft gespielt sind.
Und, wie gesagt: "12 Songs" ist alles andere als eintönig, auch wenn es in sich geschlossen ist. Sanfte, starke Balladen wie "Oh Mary", "Hell Yeah" oder "Save Me at Saturday Night" bilden die erstklassige Grundlage; sie werden ergänzt durch die nicht immer sanfte Dynamik z.B. von "Evermore": ein edler Song, der am ehesten von allen an den "alten" Neil Diamond erinnert, etwa an den von "Beautiful Noise" oder "Red Red Wine". Überhaupt: Mehrere Tracks klingen ein wenig nach "Beautiful Noise", aber unplugged diesmal. Ihr Nachteil ist das bestimmt nicht... "Delirious Love" z.B. ist so ein Fall: Der Song ist nicht nur schön, das waren Diamonds Songs (fast) immer, sondern nun kommt ein richtiger Drive dazu, sowie eine meisterhafte Slide-Guitar-Einlage, und nicht alle Ecken und Kanten wurden zuvor akribisch glattgeschmirgelt. Wenn ich meinen Lieblings-Song auf diesem Album nennen sollte, so käme "Delirious Love" in die allerengste Wahl.
Den Songs steht ihr neues Outfit: Diamond präsentiert sich mehr als einmal als Sänger mal rauher, mal melodischer Folkballaden -- neben "Delirious Love" ist vor allem seine Solo-Version von "I'm On to You" vom Feinsten. Neil Diamond als "cool man": Wer hätte das gedacht?!
Abe auch die Begleitmusiker haben es in sich; besser hätte man Gesang und Musik nicht aufeinander abstimmen können: Zum Beispiel "Evermore" und "What's It Gonna Be" mit Billy Prestons kongenialer Piano-Begleitung, die Diamonds eindringlichen, mitunter fast düsteren Gesang noch unterstreicht, oder diese minimalistischen Gitarrenriffs und Piano-Läufe, die "Man of God" und "I'm On to You" mit einem herrlichen Rhythm'n Blues-Einschlag untermalen, oder auch das ähnlich starke "We".
Etwas schwächer sind lediglich "Create Me" und "Face Me" -- für derlei Gospel-Nummern hat nunmal Altmeister Johnny Cash die Latte allzu hoch gehängt. Allerdings: Diese beiden Songs sind wirklich nur "etwas schwächer" -- gut sind sie allemal, und nicht nur das, sie sind sogar gut genug für dieses Album...
Den Abschluss von "12 Songs" bildet ein Duett von Diamond und Brian Wilson, "Delirious Love" zum zweiten -- wenn's nicht auf der Hülle stehen würde, würde man's nicht glauben, denn en passant wurde auch Brian Wilson gründlich abgestaubt. Ob da vielleicht auch ein neues Album...?
Neil Diamond verabschiedet sich von orchestralem Bombast und kehrt zurück zu seinen Songwriter-Wurzeln. Dass er hörbar kein Jungspund mehr ist, veredelt seine Songs nur. Das Wort "altersweise" im Zusammenhang mit "12 Songs" habe ich schon mehrmals gelesen, und ich muss zugeben: Es trifft zu.