Ich muss vorwegschicken, dass ich selbst kein Bergsteiger bin, bestenfalls ein kleiner Bergwanderer. Das Buch "12 Berge" wurde von einem Vollblut-Bergsteiger geschrieben und wird gerade fachkundige Leser besonders erfreuen. Nicht dass etwa Fachchinesisch drin wäre, das Otto Normalleser nicht versteht, aber mit mehr Bergerfahrung kann man die geschilderten Touren sicher noch besser mitfühlen. Schneckenleitner nennt sein umfangreiches Werk einen "Ratgeber für jedermann", will also vielleicht gerade Anfänger in die Wand locken... Ich bin zwar nach dem Lesen nicht gerade zum Luis Trenker mutiert, aber interessant war's doch.
Ich habe ja nur eine ungefähre Vorstellung davon, auf was man in den Bergen alles achten muss, wenn man da professionell unterwegs ist. Nach der Lektüre sehe ich nun etwas klarer und kann auch ein paar Begriffe besser einordnen, die da so herumfliegen. Das Spektrum des Buchs reicht von einfachen Touren wie der Zugspitze bis zu den ganz harten Sachen im Himalaya oder den Anden - der Autor kommt weltweit herum und investiert wahrscheinlich jede Menge Zeit und Geld in sein Hobby. Als Leser kann man sich beides sparen und die Touren gemütlich zuhause nacherleben... soweit es einen eben nicht vor Begeisterung gleich selbst in die Bergschuhe treibt.
Bei den leichten Touren habe ich ja noch gedacht: Schau da, das ist ja doch gar nicht so schwer, das könntest du auch mal probieren. Bei den Härtefällen war die Überlegung dann eher: Warum tut sich irgendein Mensch überhaupt so eine Quälerei an? Es ist alles sehr plastisch aus dem eigenen Erleben beschrieben, die schönen Seiten der Kletterei eben genauso wie die unangenehmen. Man merkt, dass da ein geübter Schreiber am Werk ist - das ist bei so einem "Book on Demand" ja keineswegs selbstverständlich. So zittert man beim Lesen schon mit, wenn es auf dem vereisten Abhang mal richtig eng wird. Mit seiner Meinung über leichtsinnige Bergtouristen, die entweder die Natur, das Erlebnis der anderen oder gleich sich selbst kaputtmachen, hält Schneckenleitner auch nicht hinter dem Berg.
Zu den zwölf beschriebenen Touren gibt der Autor eine Art Punktwertung nach verschiedenen Kriterien: Man sieht in dem Überblick schnell, welcher Berg wie anspruchsvoll, teuer oder erlebnisreich ist. Dieser Serviceteil des Buchs ist für Profis sicher praktisch (mir persönlich brachte er weniger), ein Bergführer in dem Sinn ist das Ganze trotzdem nicht. Zum Mitnehmen in die Wand ist es wohl nicht gedacht, eher zur Einstimmung und Planung der Tour zuhause. Natürlich ist so ein Bergerlebnis immer ein subjektives und nicht einfach wiederholbar, das ist in dem Buch aber auch offen angesprochen.
Was wirklich toll ist, sind die Fotos, die der Autor selbst gemacht hat und die größtenteils auch im Druck gut rüberkommen. Da rutscht einem schon das eine oder andere "Boah!" heraus angesichts der gewaltigen Panoramen, Perspektiven und Ausblicke. Allein wegen der Bildmöglichkeiten sollte man wohl doch den Weg ins Hochgebirge wagen... Durch die Bilder ist der Preis dann auch angemessen, ansonsten wäre es etwas teuer. Als Laie finde ich noch die Infos zur Geschichte jedes Berges sehr interessant, d.h. zu den ersten Ersteigungen, die oft mit Überraschungen und skurrilen Details gespickt sind.
Ob das Buch nun wirklich "für jedermann" ist, wie der Autor meint, da bin ich noch nicht so sicher... Mir fallen schon verschiedene Leute ein, die ich damit eher nicht beglücken würde. Interessant ist es aber für alle Berginteressierten (logisch) sowie für Freunde fantastischer Naturaufnahmen. Und auch für Leute, die gern bei spannenden Reiseberichten mitzittern, gemütlich im Ohrensessel vor dem Kaminfeuer mit einem heißen Tee, während sich der Mann im Buch gerade durch einen Schneesturm kämpft...