Als Musikkritiker hat man es schon nicht einfach. Viele Cd`s landen im Player, die es zu besprechen gilt. Bei dieser Flut an Arbeit, die man dadurch hat, geht häufig der Blick für die Feinheiten verloren. Selbst meine Favoriten kommen häufig eher erwartungsgemäß daher, anstatt richtig zu überzeugen. Als Balladenfreak vermisse ich beispielsweise so die richtigen Jahrhundertnummern, die es sonst durchaus auf mehreren Scheiben zu hören gab. Lang, lang ist es her, seit mich wieder ein neuerer Song der ruhigen Gattung richtig umgehauen hat, aber Pain of Salvation haben es geschafft und das nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals. Vor allem Brickwork Part 7 (Second Love) hat mein Herz erweichen lassen und erzeugt einfach nur Gänsehaut. Schande über mich, dass diese Band bisher völlig an mir vorbei gelaufen ist, aber das wird sich schnell ändern.
12:5 ist in die drei Bücher Genesis, Genesister und Genesinister aufgeteilt und bietet 16 Songs auf höchstem Niveau. Egal ob man nun auf ruhige, progressive oder eingängige Sachen steht, hier wird die ganze Palette dargeboten. Und wenn man bedenkt, dass dies alles akustisch passiert, muss man nicht mehr dazu sagen. Dazu kommt mit Daniel Gildenlöw ein fantastischer Sänger, der dem Material eine tiefe Seele gibt und dabei noch grandiose Melodien aus seiner Akustikklampfe rausholt. Sein Bruder bedient die akustischen Bässe und ein Cello und Fredrik Hermansson spielt sehr einfühlsam das Grand Piano. Aber was Drummer Johan Langell und der Gitarrist Johan Hallgren hier bieten ist auch schlichtweg einzigartig. Dabei liegt es nicht nur in der Bedienung ihrer Instrumente, sondern am tollen Gesang, den die beiden liefern und so den Chören und Gildenlöws Stimme noch mehr Ausdruckskraft geben. Leider kenne ich die Originalversionen (noch) nicht, aber ich habe selten eine so spannende Akustikscheibe, die dazu einlädt, sie immer und immer wieder zu hören, damit man auch jede kleine Einzelheit mitbekommt.
Auch das Publikum ist schlichtweg begeistert. Das merkt man vor allem wenn nach Songs erst mal 10 Sekunden Stille herrscht und danach erst geklatscht wird. Die 80 Leutchen machen auch ordentlich Lärm und geben dem Werk mitsamt seiner musikalischen Klasse eine erstklassige Atmosphäre. Bis auf den eingangs erwähnten Track möchte ich aber keinen weiteren Song hervorheben, weil die Scheibe ganz gehört werden muss, um seine ganze Schönheit und Vielfältigkeit entfalten zu können. Bis auf 3 kurze Ansagen auf schwedisch gehen nämlich alle Tracks nahtlos ineinander über. Man muss dieses 5 Sterne Menü für Gourmets kaufen, geniessen und zum Nachtisch träumen.