"Als er erwachte, war der Dinosaurier noch da."
Dieser Satz ist die allgemein anerkannte, kürzeste Geschichte der Welt, geschrieben von Augusto Monterroso. Sie ist auch die kürzeste Geschichte dieses Bandes, wobei sie nicht die einzige Geschichte von Kürze und Tiefe in Kombination ist. Denn jede Geschichte in diesem Buch ist, wie schon der Titel sagt, einseitig - mindestens auf eine Weise, manchmal leider auch auf zwei.
Fran Hohler, selbst Autor einiger sehr schöner Kurzprosastücke, hat in diesem Buch, neben zwei eigenen, viele kleine Geschichten aus den Literaturen der Welt (die meisten davon aus schweizerischer und südamerikanischer, aber auch einiges aus slawischer) versammelt. Herausgekommen ist eine Anthologie, die so manchen Schatz birgt, eine kurzweilige Lektüre bietet und natürlich auch eine Fülle von unbekannten, neuen Autoren vorstellt; aber eben auch zu enttäuschen weiß, vor allem durch zweierlei: Auswahl und Anzahl.
Ich habe mich sehr gefreut, dass Monterroso, Wolf Dietrich Schnurre (mit seiner genialen Mauerparabel), Tagore oder Benjamin, sowie einige andere interessante Autoren den Weg in diese Auswahl gefunden haben; jedoch ist das Fehlen anderer Autoren, gerade wenn man wie ich ein Freund von Kurzprosa ist und um sie weiß, geradezu unverzeihlich. Autoren wie Brautigan, Robert Walser (von dem nur ein Text enthalten ist) Anton Tschechow, Washington Iring, Jorge Luis Borges, Ambrose Bierce, Julio Cortazar, Paul Nizon u.a.
Vielleicht war es rechtlich nicht möglich einige dieser Autoren noch dazuzuholen, aber so leidet das Buch auch etwas unter dem ein oder anderen Lückenfüller; jedoch mag es für manche auch positiv sein, dass sehr viele verschiedene Autoren zu Wort kommen; ich hätte es begrüßt lieber den einen oder anderen mit einem Text mehr zu sehen.
Trotzdem ist dieses Werk, gerade für Sammler von Kuriositäten und Freunden der Kurzprosa, auf jeden Fall empfehlenswert; einige der Texte sind nicht nur Meisterwerke des lyrischen Kleinods oder schöne/geniale Parabeln, sondern auch für sich so einzigartig, dass sie zu kennen, eine ganz spezielle Freude bedeutet und bereitet.
Am Schluss erlaube ich mir, hier noch ein paar Werke vortrefflicher Kurzprosa, teilweise auch von Autoren aus diesem Buch, anzuhängen:
Aufsätze (voller märchenhafter, lyrischer Elemente)
Das gesamte Werk und andere Fabeln (Gibt auch eine neuere Version: Das schwarze Schaf und andere Fabeln)
Betrachtung (messerscharfe Prosastücke)
Der Tokio-Montana Express (leicht verrückte Geschichten in Hülle und Fülle)
Borges und ich (Philosophische und mythische Gedichte und Prosatexte)
Ein gewisser Lukas (von diesem Autor auch:
Geschichten der Cronopien und Famen)
Die Kalendergeschichten von Hebel (Anekdoten, Begebenheiten, etc.)
Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen (Deutsche Kürzestprosa)
Die gleitenden Plätze (Erstaunliche Prosabilder)
Kurzprosa zu lesen kommt am Meisten dem literarischen Ideal des Moments nah; gerade deswegen sollte man sie nicht vernachlässigen. Ich denken, man kann immer wieder zu Büchern dieser Art gleichen und wird immer wieder erstaunt und erfreut sein, gerade weil man in diesem Bereich seine ganz persönlichen Lieblingsgeschichten/-texte haben kann.