Was um Himmels Willen kann einen Menschen dazu bringen, in hunderten Rohrstockhieben, Schmerzen, Narben und fast unendlicher Demütigung als Höhepunkt und Ziel eines anregenden Spiels wahrzunehmen?
Claudia Jönsson versteht es, auf knapp 230 Seiten auch nicht SM-vorbelasteten Menschen wie mir eine Idee davon zu vermitteln, warum manche Menschen nicht mehr lieben als Schläge, Zwang, (teils öffentliche) Demütigung und dergleichen Dinge mehr. Die 29-jährige Autorin berichtet in ihrem Werk in elf Kapiteln, die sich in 111 kurze Abschnitte von einer halben bis drei Seiten Länge gliedern, von all den Dingen, die sie an dieser sexuellen Orientierung liebt. Die Abschnitt sind weitgehend als Fortsetzungsgeschichte aufgebaut und beleuchten verschiedenste Aspekte, SM zu lieben. Das Leben in ihrer WG (zwei Frauen, zwei Männer, alle SM-orientiert) bildet ebenso die Basis für ihre Geschichten wie der Besuch spezieller Szenepartys, Aktivitäten mit Freunden und mehr. Die Geschichten (Gründe) gehen meist nahtlos ineinander über und zeigen -- mal mehr, mal weniger ernst -- eine große Bandbreite von Eindrücken auf. Während die Autorin selbst eine Vielzahl von Erklärungen und Kommentaren gibt, lässt sich auch ihre Mitbewohner für andere Sichtweisen indirekt zu Wort kommen und lockert so den Text auf.
Jönsson gelingt es, aus diesem Setting ein unterhaltsames Sachbuch zu machen, das so weit es irgendwie geht hinter die Kulissen blickt. Sie erzählt, in lockerer Sprache, wie sie von ihrer 20 Jahre älteren "Herrin" aber auch ihrem Freund immer wieder bestraft, gedemütigt und bloßgestellt wird und dies trotzdem als aufregende Befreiung mit größtem sexuellen Reiz empfindet.
Mir hat das Buch geholfen, eine Idee von dieser doch recht versteckten Szene zu bekommen. Und obwohl ich einzelne Geschichten durchaus "fesselnd" fand, bin ich mir nun sicher, dass ich mit der ganzen Breite nichts anfangen könnte. Als schwierig habe ich so manchen Szenebegriff wahrgenommen, den ich nicht verstand und dessen Erklärung zumindest ich nicht wahrgenommen hatte. Die ständigen Seitenhiebe auf "Vanillas" (das sind sexuell "gewöhnlich" orientierte Menschen in der SM-Szenesprache) habe ich als authentisch, aber mit der Zeit doch ein wenig nervig wahrgenommen.
Unter dem Strich empfand ich das Buch als lesenswert und bereichernd.