Die Reihe "111 Gründe..." verzeichnet beachtliche Verkaufserfolge. Das mag am Ratgebermechanismus liegen, den potenziellen Käufern einfache Lösungen für ihre komplizierten Alltagsprobleme zu liefern und am Konzept, unter diesem Titel die verschiedensten Gedanken in eine Form gießen zu können. Dass die meisten Autoren dieser Titel der Versuchung nicht widerstehen können, dieses Sammelbecken ausgiebig für Präsentationen persönlicher Gedanken und Erlebnisse zu nutzen, finde ich nicht weiter schlimm. Im Gegenteil, solche Exkurse federn den Ratgebercharakter wohltuend ab und erleichtern den Autoren ganz offensichtlich die Schreibarbeit. Es ist denn auch kein Zufall, dass Magnus Steinbach statt eines Vorworts seinen privaten Grund für den Entschluss bekannt gibt, warum er stundenlang vor dem PC saß und eine Hommage an den Spießer schrieb. Und ich nehme ihm sein Schlüsselerlebnis ab, beeinflusste eine ähnliche Situation während meiner Romjahre doch auch mein Verhältnis zum Spießertum nachhaltig. Nur um nicht cool zu sein, sollte man nicht jede Geschmacklosigkeit cool finden. Oder anders gesagt: Die Angst, ein Spießer zu sein, ist selber spießig.
Was erwartet den Leser nun in dieser Hommage an die Spießer? Glücklicherweise keine Kniefälle vor selbstgerechten Menschen, die ihre moralinsauren Weltbilder am liebsten allen überstülpen möchten, denen sie in irgendeiner Form begegnen. Magnus Steinach erinnert sich viel mehr daran, dass Moral die Bezeichnung für bestimmte Handlungs- und Denkmuster ist, die einer Gruppe oder einer Kultur als Identität und Selbstbeschreibung dienen. Und da solche Eingrenzungen zum großen Teil unbewusst geschehen, ist der Leser immer wieder überrascht, welche Gründe Magnus Steinbach für die Ehrenrettung des Spießers findet. Oft hat man sogar das Gefühl, der Autor sei bei seinen Recherchen selber erschrocken, wie viele Argumente es für eine weniger coole Lebensführung gibt.
Wie es das Konzept der Reihe vorsieht, werden die Gründe nach verschiedenen Kategorien geordnet, die da sind: Sex und Erotik - Sport und Spiel - Literatur und andere Künste - Reisen bildet - Essen und Trinken - Der Spießer im Verkehr - Wirtschaft und Technik - Mein gutes Recht - Schule und Beruf - Der Spießer und das Tier - Der Spießer, ein Mensch wie du und ich.
Formal hat sich der Autor für eine Mischung aus persönlichen Erlebnissen, aufgeschnappten Geschichten, populärwissenschaftlichen Berichterstattungen und Steinbach'schen Eigentheorien entschieden. Und weil er das Handwerk des Schreibens beherrscht, gelingt es ihm, aus diesem Mix unterhaltsame und anschauliche Betrachtungen über eine verkannte Spezies zu verfassen.
Mein Fazit: Der Spießer wirft medial zwar keine hohen Wellen, trägt aber wesentlich dazu bei, dass die Welt nicht auseinanderfällt. Wer die 111 Gründe für die Ehrenrettung von Vernunft, Moral und Behaglichkeit gelesen hat, wird sich wohl in Zukunft etwas zurückhalten, wenn sich munter schnatternde Partygänger durch Abgrenzungen gegenüber Otto Normalverbraucher ins Rampenlicht stellen wollen. Und der Autor verlangt von seinen Leser ja nicht, dass sie all seine Meinungen teilen. Dass er beim Schreiben das eigentliche Thema manchmal etwas aus den Augen verlor, finde ich nicht so schlimm.