Gesamtfazit zum Buch:
Nach der Lektüre dieses Buches habe ich lange überlegt, ob man dem Autor, Guido Grandt, einen Bonus zurechnen sollte, da er der erste Buchautor ist, der die grotesken Widersprüche in der offiziellen Darstellung des Falles in Buchform in die Öffentlichkeit transportiert.
Beim Schreiben dieser Zeilen bin ich mir darüber noch immer nicht schlüssig.
Daher zunächst meine Einschätzung zum Werk des Enthüllungsjournalisten:
Das Buch setzt sich zusammen aus der offiziellen Lesart bzw. den verschiedenen (!) Lesearten der Behörden und sogenannten inoffiziellen Ermittlungsergebnissen , also unverifizierten Informationen aus gut informierten Kreisen, die der Autor selbst recherchiert hat oder sich auf den Focus bezieht, der scheinbar in Kenntnis des vorläufigen Abschlussberichts gelangt ist.
Leider, ja wirklich leider, sind diese Informationen für den unbedarften Leser in diesem Buch nicht wirklich zu trennen, so dass man in Unkenntnis der polizeilichen Berichte nicht erkennen kann, was von den Behörden schwarz auf weiß verlautbart wurde und was die gut informierten Kreise zum Besten gegeben haben. Wobei sich so mancher Leser eines großen deutschen Boulevardblatts sicher auch als gut informiert betrachten würde.
Kurzum: Es wird hier zu viel spekuliert und für Kenner der Materie ergeben sich keinerlei neue Aspekte.
Viel schlimmer jedoch wiegt ein unüberwindlicher Widerspruch, der sich über mehr als 2/3 des Buches hinzieht und im Schlusswort nochmals gefestigt wird:
Ein unbekannter professioneller 2. Schütze und ein unter der Wirkung, Neben- oder Absetzwirkung von Antidepressiva stehender 1. mittelmäßiger Schütze Tim K. sollen an der Tat beteiligt gewesen sein. Na wenn das keine Verschwörung ist? (Bekanntlich ist eine Verschwörung die Verabredung von mindestens 2 Personen, etwas Geheimes zu tun)
Da fragt sich der Leser zurecht, weshalb dann bitteschön zumindest Tim K. im Wahn seinen Kollaborateur nicht auch noch erschossen hat. Ach ja, der hätte ihn ja gar nicht getroffen bei seinen schlechten Schießkünsten.
Insbesondere für Neulinge beim Thema, also interessierte Laien, kann das Buch trotzdem lesenswert sein, denn der Autor hat auch die verschiedenen Medienberichte mit teils grotesk widersprüchlichen Angaben, unverzeihlichen Polizeipannen und versäumnissen, Märchen und Vertuschungen m.E. gut aufgearbeitet und stellt auf den letzten der knapp 300 Seiten 60 unbequeme Fragen zum Fall des Amoklaufes an die Behörden, mit denen jeder Bürger, sofern er ein Demokratieverständnis besitzt, auch selbst an die Verantwortungsträger herantreten kann und sollte.
Desweiteren wird eine kleine Waffensachkunde sowie medizinisches Grundwissen bei Kopfschussverletzungen vermittelt, bevor in aller Ausführlichkeit die verschiedensten Arten von Antidepressiva und deren Nebenwirkungen sowie die Ursachen von Depressionen vorgestellt werden.
Danach nimmt der Autor den Leser mit auf eine Entdeckungsreise in die milliardenschwerde Welt der Pharmabranche mit all ihren bezahlten Studien und unterdrückten Gegenstudien, Skandalen und heile Welt-Phantasien im Stile von ein medizinischer Insider packt aus.
In Kapitel 13 erfährt der unbedarfte Leser gut recherchierte Hintergründe zu den verschiedensten nicht-demokratisch legitimierten Vorgängen wie z.B. Bewusstseinskontrolle, Staatsterror, Polizeipannen und -zensur, usw.
Außerdem erfährt man die verschiedensten verschwiegenen Fakten in Bezug auf Staatskontrolle, verschärftes Waffenrecht, Schutz bzw. Aufweichung des grundgesetzlichen Schutzes der Privatsphäre, Waffenhysterie usw.
Hier ist der Autor zu Hause und mit Herzblut dabei. Das macht er sehr gut, wenn auch zu Lasten des eigentlichen Themas.
Fazit: Das ganze Buch könnte viel besser sein, aber da es zur Zeit keine Konkurrenz gibt.
Von mir 3 Sterne von 5, inklusive Pionierbonus von 2 Sternen.