Aus der Amazon.de-Redaktion
Es sind auch diese Jubiläumsplatten, die einem immer wieder verdeutlichen, in welchem Tempo die Popmusik voranrast. Das Label Rough Trade feiert dieses Jahr mit
Stop Me If You Think You've Heard This One Before den 25. Geburtstag. Schreck, so lange stehen schon die Vinyle von The Smiths, Fall oder Pere Ubu teilweise im Schrank?
Kaum sind die aufgefrischten Erinnerungen verarbeitet, da feiern auch Tocotronic mit 10th Anniversary, nennen wir es mal Kindergeburtstag. Zehn Jahre sind die Tocos geworden, dabei scheint es, als wäre es erst ein paar Monate her, dass sie einen mit erfrischendem Schrammel-Gitarren-Pop auf Digital ist besser oder Es ist egal, aber erfreuten. Vielleicht existiert dieser Verlust des Zeitgefühls auch, weil das Trio noch nicht so abgeklärt und erwachsen wie zum Beispiel Blumfeld klingt.
Erfreulich ist auch, wie Tocotronic auf 10th Anniversary zurück blicken. Anstatt die kleinen großen und Hits aneinander zu reihen, wird in die Seitenschubladen gegriffen. Dorthin, wo die seltenen oder vergriffenen Singles liegen. Fast zwei Dutzend Songs wurden so zusammengetragen, einige stammen aus der Frühzeit mit den schroffen Sounds, einige wurden extra neu eingespielt. Englische Versionen eigener Tracks sind genauso dabei wie Fremdmaterial von Angst, Minutemen, Turbonegro, Fuck, Special A.K.A. oder Huah! -- alles Stationen eines konsequent gegangenen Weges.
Parallel zu dieser aufschlussreichen Zeitreise liegt dem Album noch eine DVD mit bewegten und bewegenden Bildern bei. Zu sehen ist Backstage-Blödsinn, Arbeit im Aufnahmestudio, Super-8-Tourbilder und als Bonbon sämtliche Tocotronic-Videos. Herzlichen Glückwunsch, auch zu dieser liebevollen Fan-Betreuung! --Sven Niechziol
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Nie waren sie so wertvoll wie heute. Achtes Album im 14ten Jahr, und Tocotronic hängen mal eben die Schrammelgitarren tiefer. Mit einem feinen Gespür für die Strömungen (und Gegenströmungen) des Zeitgeistes knallt uns die zum Quintett gewachsene Band demonstrative Slogans vor den Latz. "Mein Ruin ist mein Triumph" oder "Du musst nicht zeigen, was du kannst". Sänger und Texter Dirk von Lowtzow stellt die Verhältnisse auf den Kopf. "Kapitulation" als Chance. Er beschwört die hohe Kunst der Verweigerung. "Sag alles ab, wirf alles weg, halt die Maschine an, frag nicht nach dem Zweck." Für eine Popgruppe mögen das heftige (Anti-)Lyrics sein, doch eingebettet in filigrane Strukturen verweisen einige der zwölf Songs auf die großen Traditionen von The Smiths. Schönheit mit Tiefgang. Wenn etwa die Gitarrenläufe auf "Verschwör dich gegen dich" einer schnellen, anmutigen Melodie folgen oder im verhaltenen "Harmonie ist eine Strategie" ein Schmuckstück im deutschsprachigen Rocker-Chanson gelingt. Unter der Ägide von Produzent Moses Schneider (Beatsteaks) bleiben Tocotronic trotz aller Perfektion ungeschliffen und zerbrechlich. Mit einem Sound, der durch den Einstieg des Exil-Amerikaners Rick McPhail variantenreicher und zupackender geworden ist. Das munter daher polternde "Mein Ruin" stellt direkt zum Einstieg die Verhältnisse klar. All die Niederlagen können nur in einem rauen Umfeld erblühen. Im Titelsong singt Dirk von Lowtzow: "Und wenn du kurz davor bist, kurz vor dem Fall, und wenn du denkst, fuck it all, und wenn du nicht weißt, wie soll es weitergehen: Kapitulation". Dazu kecke Brit-Pop-Gitarren, ein hämmernder Beat und ein nachgeschobenes "Oh oh oh", das schließlich in ein mehrstimmiges kleines Finale mündet. Tocotronic verbinden nachdenkliche Liebeslieder ("Imitationen", "Wehrlos") mit einem aufmunternden Dagegenhalten ("Wir sind viele"). Ganz zum Schluss schraubt sich in "Explosion" aus einem Gitarrenakkord eine bedrohliche Klangwand hoch, die in einem mächtigen Soundgewitter mit dem Satz "Kein Wille triumphiert" endet. Ein perfekter Abgang für die Könige des anderen Popsongs.