Ich bin zufällig auf dieses dicke Büchlein gestoßen und erst danach erfuhr ich auch, dass es weitere "101 (...)-Filme, die Sie sehen sollten..."-Bücher geben soll.
Hier geht es um Kultfilme, also KEIN Best Of oder eine typische "Beste Filme aller Zeiten"-Aneinanderreihung.
Überhaupt ist das hier keine Liste, bei der irgendein "Gewinner" bestimmt wird, es funktioniert so:
Filmwerker diverser Genres, Herkunftsländer und Zielgruppen werden chronologisch vorgestellt. Der älteste vorgestellte Film stammt aus dem Jahre 1928, der jüngste Film aus dem Jahre 2005.
Es ist erstmal merkwürdig, dass der jüngste Film von 2005 ist, während ganz vorne im Buch "Erste Auflage: 2011" steht. Hat man nach 2005 nichts mehr gefunden oder finden wollen? Oder war die Liste schon länger fertig, nur noch nicht druckbereit?
Naja: jedenfalls verfällt man beim Lesen trotzdem eventuell leicht der Illusion, man lese eine Bestenliste. Spätestens dann, wenn sogar Trashfilme ihren Platz finden und anstatt der berühmten Verfilmung von "Der Zauberer von Oz" (1939) die Disko-Version mit Diana Ross von 1978 empfohlen wird, merkt man, welchen Filmen sich dieses Buch widmet: sehenswerte Werke, die aus dem einen oder anderen Grund einen soliden Kultstatus erreichten und entweder anfangs vom Publikum ignoriert oder um die Leute lieber einen Bogen machen wollten. Wer also einen Film von Buster Keaton oder Charlie Chaplin darin erwartet sowie legendäre Blockbuster wie Star Wars, Titanic oder Indiana Jones, den muss ich enttäuschen.
Die Typen dieser Werke sind recht bunt gemixt: sämtliche Herkunftsländer (wie die USA natürlich, Indien, Deutschland, Mexiko, Frankreich...), Zielgruppen (Horrorfilmfans, Homosexuelle, Fantasyfreaks...) und Genres (Horror, Krimi, Drogenfilm, Komödie, Musical...) werden durchgehechelt.
Zu jedem vorgestellten Film gibt es vier Seiten Platz, zwei für Filmplakat und Filmszene und zwei weitere für eine kurze Rezension, ein Zitat (entweder aus dem Film selbst, von bedeutenden Kritikern oder aus der Werbung) und natürlich den wesentlichen Informationen (Filmtitel, Jahrgang, Regisseur etc.).
Für ein Büchlein, das immerhin 101 Filme präsentiert, ist das nicht schlecht. Die Handlungen werden kurz angerissen - geht ja nicht anders - aber das kann sich auch positiv auswirken, immerhin hat man damit eventuell beim Leser die Neugierde auf einen Film geweckt.
Wer schreibt diese Texte?
Es ist ein Team aus 16 Autoren, die sich irgendwie mit Filmen befassen. Entweder haben sie das Thema studiert oder lehren selber an Universitäten, schreiben darüber beruflich und/oder sind eben Kenner dieses Bereiches.
Insofern beruhigend also, dass nicht ein einziger praktisch uns seine Lieblingsfilme aufdrückt.
Dabei ist freilich zu bedenken: dieses Buch kann es niemandem recht machen.
Auch mir wären noch einige Filme eingefallen, die ich anderen als Kultfilme ans Herz legen würde. Ausserdem ist mir aufgefallen, dass kein einziger Zeichentrickfilm in der Liste auftaucht. Dabei gibt es auch hier nennenswerte Exemplare, wenn man mal über den Disney-Tellerrand guckt.
Und während manch einer Horrorfilme verschmäht, mag ein anderer mit alten Filmen allgemein nichts anfangen.
Das ist immer ein Risiko, wenn Leute oder Bücher einem Auflistungen präsentieren, immer gibt es sicher was zu meckern.
Doch trotz alledem: einen Blick wert ist "101 Kultfilme" allemal.
Selbst Vollblut-Cineasten dürften vielleicht ein oder ein paar Filmwerke darin entdecken, die sie bisher verpasst haben. Und wer für die Welt des Kinos offen ist, hat schon mal einen guten Grund, wieder ein paar gemütliche Filmabende mit neuen Filmerlebnissen zu verbringen.
Wen es interessiert: von dieser Liste mit 101 Filmen habe ich lediglich 13 Filme gesehen (gesehen! Nicht gekannt), davon sind glatte fünf Filme unter meinen Lieblingsfilmen.
Noch kurz zur Inhaltsangabe: es werden gerade mal die Jahrzehnte (1920er bis 2000er) mit Seitenzahlen aufgelistet, nicht aber die einzelnen Filme. Doch am Ende des Buches gibt es - neben Kurzbeschreibungen der Autoren - ein umfangreiches alphabetisches Index. Wer sich also sehr schwertut, einen Film wiederzufinden, der schaue am besten nach dem Filmtitel oder Darstellernamen (z.B. Dennis Hopper für Easy Rider).
Fazit: Es ist ein sehr interessantes, kurzweiliges aber kein ultimatives Filmfanbuch, dass immerhin etwas inspirierend für Filmfreunde sein dürfte und gleichzeitig ein wenig lehrreich. Wer also nicht nur sich 101 Anregungen holen will, sondern auch lernen, aus welchem Film beispielsweise die auf Knöcheln geschriebenen Worte LOVE und HATE stammen und wo Schauspieler Hugo Weaving (Matrix, Herr der Ringe) eine Tunte mimt, der möge lesen.