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Die Frage nach dem heutigen Status der Band geht ins Leere: Massive Attack ist heute ein Ein-Mann-Projekt, denn Robert "3D" Del Naja ist das einzig verbliebene Mitglied des ursprünglichen Trios. 100th Window mag auf dem Papier das vierte Album von Massive Attack sein, aber im Grunde ist es Del Najas Solodebüt. Überraschenderweise klingt 100th Window keinen Deut weniger nach Massive Attack als die Vorgängerwerke, nur dass die tiefen, langsamen Raps von Daddy G und Mushroom durch die zarten Stimmen von Elizabeth Frazer und Sinéad O'Connor ersetzt worden sind. Um es kurz zu sagen: Die neue CD ist dem Album Mezzanine von 1998 merkwürdig ähnlich. Sie ist düster, atmosphärisch intensiv und stellenweise sogar unheimlich, wenn in Del Najas mysteriöse, dunkle Soundlandschaften nur hier und da noch ein wenig Licht eindringt. Manchmal glaubt man, Clannad mit Dubs zu hören (Beispiele: das imposante "A Prayer For England" oder "Special Cases", das eigenartigerweise als Single ausgekoppelt wurde); dann wieder stellt man sich vor, man würde bei Nacht durch die heruntergekommenen Viertel Bristols wandern und hätte den Sensenmann als Begleiter.
Angesichts der grandiosen bisherigen Alben durfte man etwas Neues, Frisches und Originelles erwarten; stattdessen wird einfach das beklemmend melancholische Mezzanine fortgesetzt. Natürlich ist 100th Window trotz allem eine sehr gute Platte -- niemand vertont die Finsternis mit so viel Wärme und Tiefe wie Massive Attack --, aber das Album ist nicht halb so gut, wie es hätte sein können. --Matt Anniss
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Zugegeben: Massive-Fans der ersten Stunde scheinen sich enttäuscht zu geben, hat doch dieses vierte Werk nicht mehr viel mit den Vorgängeralben gemein, trotzdem habe ich schon jetzt das Gefühl, dass ich ohne diese CD gar nicht mehr leben kann. Robert „3D" Del Naja, das immer pulsierend düstere Drittel des einstigen Trios aus Bristol hat „100th Window" sozusagen im Alleingang fertiggestellt, unter Zuhilfenahme von Neil Davidge bei der Produktion, Sinéad O'Connor und Langzeitbegleiter Horace Andy als stimmlicher Zusatz bei drei bzw. zwei Stücken. Die Kollegen Mushroom und Daddy G nehmen Babypause oder sind ausgetreten. Was uns erwartet ist ein Album, das mit dem zweifelhaften Begriff Trip-Hop nicht mehr wirklich viel zu tun hat, eher wummernde, dunkle und heiß-kalte Ambient-Musik ist es, die sich dem Hörer hier offenbart.
Zu Beginn Töne wie die eines Telefons, wie ein Besetzt- oder ein Freizeichen, der Kontakt zur Außenwelt ist unterbrochen, „Future Proof" eröffnet das Album, das hundertste Fenster öffnet sich und wir treten hinein. Höhepunkte existieren nicht wirklich, man sollte versuchen „100th Window" als Gesamtkunstwerk anzusehen, so dass sich erst nach mehrmaligem Hören jedes sperrige Mosaik zu einem musikalischen Gemälde vereint. Diese ist kalt, dunkel, bedrohlich und gleichzeitig merkwürdig beruhigend und Trost spendend. Die Bässe wummern monoton und finster, und gleichzeitig doch auch behaglich, Del Najas geraunte Texte verbreiten einen ähnlichen Eindruck, und ähnlich wird es auch bei den restlichen Liedern ablaufen. Hier und da erwarten uns asiatische Einflüsse, wie in der Single „Special Cases", die auch eine längere Zeit zum Warmlaufen braucht, oder in „Antistar", womit der globale Aspekt der Weltentfremdung ebenfalls berücksichtigt wäre. Ansonsten handelt es sich lyrisch um Selbstzweifel (u. A. das grandiose „What your soul sings") oder auch Kindesmissbrauch („A prayer for England", meiner Meinung das einzige schwarze Schaf der CD)
Musikalisch erwarten uns jedoch harte Brocken. Wie bereits erwähnt wird „100th Window" eine lange Eingewöhnungsphase bestehen müssen, doch ist diese erst einmal überwunden ist man für lange Zeit wie gefangen in und betäubt von dieser Klangwelt. Lange wird es dauern, bis man die wabernden Gitarren von „Everywhen" nicht mehr aus dem Ohr bekommt, oder bis die Monotonie des passiv zornigen „Butterfly Caught" überfärbt ist. Lange auch, bis der sehr simple Basslauf in „Special Cases" überhört ist, und man sich eher über O'Connors gehauchte Tritonus-Glissandi freut. "Small Time Shot Away" ist ein seltsam dahindümpelndes Lied, welches man sich vielleicht in einem Fahrstuhl vorstellen kann, und trotzdem ist hinter der simplen Fassade so viel mehr.
Irgendwann sieht man sich selbst in einer ähnlichen Haltung gegenüber dieser CD wie die Glasfigur auf dem Cover. Zeit und Überwindungskraft sollte man jedoch mitbringen. Meiner Meinung nach eines der besten Alben Massive Attacks.
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