Sind Comics, neben Jazz, Mark Twain und Edgar Allen Poe, wirklich eine ur-amerikanische Kunstform? War Superman der erste Superheld oder waren das nicht eher die griechischen Götter? Waren Mangas nicht viel eher da als Comic-Bücher? Sind die Vorläufer der sequentiellen Kunst die Höhlenmalereien, wie es uns Dr. Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory lehrt?
Wer hat's erfunden? Die Schweizer? So sieht's aus, wenn man dieses Buch, zufällig aus einem Schweizer Verlag, aufschlägt: der erste Beitrag ist ein Buch aus der Schweiz. Als Deutscher sage ich einfach mal: Wilhelm Busch war der Comic-Pionier! Und schon sind wir in einer schönen Diskussion, ähnlich patriotisch gefärbt wie die Frage, wer das Telefon erfunden hat, etwas das die USA, Deutschland und andere Nationen für sich beanspruchen. Wenn man das nicht zu verkrampft betreibt, kann das eine spannende und amüsante Diskussion werden. Und das ist dann auch eine große Stärke von "1001 Comics": es liefert Anregungen, Kontroversen. Wer Tintin verehrt, erfährt durch dieses Buch Bestätigung. Wer Asterix für überbewertet hält wird empört sein, weil der Gallier gleich mit mehreren Alben in diesem Buch vertreten ist.
Das Buch ist sehr, sehr dick und schwer. Wahrlich kein Taschenbuch. Schade, dass es anders als etwa "Das Buch der 1000 Bücher" nicht als Hardcover erschienen ist. Anders als ein 1001-Buch über Reiseziele, das ich vor Jahren gelesen habe, sind die Abbildungen in diesem Werk erfreulicherweise farbig! Sehr schade: nicht jedes Cover wurde abgedruckt, von Auszügen aus den Comics mal ganz zu schweigen. Mir persönlich würde ein Buch mit nur 100 oder 501 Comics besser gefallen, in dem ausführlicher auf die einzelnen Werke eingegangen wird, aber die Reihe 1001... gibt nun mal den Rahmen vor.
In Alfonz 1 hat der deutsche Übersetzer dieser englischsprachigen Reihe, Andreas C. Knigge, berichtet, dass für die deutsche Ausgabe 100 Comics ausgetauscht wurden, die eher für den englischsprachigen Raum relevant sind. Interessant wäre eine Liste mit diesen Comics, die es nicht in die Übersetzung geschafft haben, die quasi "lost in translation" sind.
Meine geliebte Mafalda so knapp abgehandelt - das tut weh. Aber woher mehr Platz nehmen?
Für Akira und sehr wenige andere Comics wurde sich der "Luxus" erlaubt sowohl das Cover als auch eine komplette Seite im Buch abzudrucken. Schön hier und anderswo: die Original-Cover, bei Akira also auf Japanisch! Und ja, Die Schlümpfe heissen im Original Strümpfe bzw. Schtroumpf.
Auf Seite 643 wird beim Comic Preacher das Geburtsjahr von Garh Ennis mit 1960 angegeben, richtig ist 1970. Sicher ein Flüchtigkeitsfehler und bei der Flut von Texten verzeilich.
Wenn vorhanden, werden bei den Comics Einflüsse, Verfilmungen und Preise genannt. Beim Durchblättern dachte ich oft: erstaunlich wie lange es manchmal dauert bis ein Comic es in den Export schafft und z. B. in deutscher Übersetzung zu uns kommt. Garfield etwa dürfte für viele ein Kind der 80er sein, begonnen wurde die Serie 1978, Akira hingegen ist eine Schöpfung der 1980er und wurde in Deutschland erst in den Neunzigern richtig populär. Überraschende Funde mögen die Comic-Umsetzungen von Paul Austers "Stadt aus Glas" sein. Mir persönlich war gar nicht bewusst das der Film "Wenn der Wind weht" 1982 zuerst ein Comic war und erst 1986 verfilmt wurde - ein gutes Beispiel dafür wie Comics Zeitgeschichte spiegeln, neben "Watchmen" ein weiteres Werk über die drohende totale Auslöschung der Menschheit durch das nukleare Wettrüsten in den 1980er Jahren. Zweifellos intensiver und relevanter als viele Nicht-Zeichentrickfilme und nur eines von vielen Beispielen für Comics für Erwachsene!
Stellenweise liest sich "1001 Comics" wie eine dieser vielen "Die besten 500 Alben" Listen, die es in Musikzeitschriften so häufig gibt. Mitunter bleiben die Texte so arg oberflächlich das es den Leser gänzlich unzufrieden zurücklässt. Auch nicht immer einleuchtend ist, warum manche Fotos so groß sind und damit noch weniger Raum für den Text lassen - möglicherweise war in der Eile kein längerer Text möglich?
Nein, ich kenne bei weitem nicht alle Comics aus diesem Buch! Und manche möchte ich auch gar nicht kennenlernen, freue mich aber über die Möglichkeiten mich schnell über sie informieren zu können. Bei Titeln wie Spider-Man wird auch noch die Verfilmung aufgeführt. Es werden Originaltitel, Autoren und Zeichner genannt und von einem Autoren-Team auf je einer halben Seite vorgestellt. Die deutsche Version dieser Reihe war längst überfällig und ich finde sie gelungen!
960 Seiten, Softcover, Farbe, fast 1000 Illustrationen, Format: 16 x 21 cm, Vorwort & Deutsche Bearbeitung von Andreas C. Knigge, Einführung von Paul Gravett, Inhaltsverzeichnis, Titelregister, Zeichner- und Autorenregister, Edition Olms Zürich 2012