Und dennoch, oder gerade deswegen ein Muss für Liebhaber anspruchsvoller Musik.
"Vicarious" ist sicherlich der eingängigste Song des Albums, da technisch kaum verspielt und sehr melodiös. Die Riffs mögen eher von einfacher Natur sein, aber das für Tool typische Songwriting ist grandios: Der Song beginnt mit einem Intro, in welchem sich Bass und Gitarre mit zwei verschiedenen Variation eines Themas gegenseitig ergänzen. Sobald das Schlagzeug einsetzt, vereinen sich Bass und Gitarre, und spielen eine dritte Variation des Themas. Dass es sich bei 0:45 nicht um ein neues Riff handelt ist zu erkennen, wenn bei 2:01 die Gitarrenlinie des Intros über die Basslinie der dritten Variation gelegt wird. Tool reizen ihre Themen voll aus, varieren sie ständig oder fügen neue Elemente hinzu. Danny Carreys versiertes und erhabenes Schlagzeugspiel leitet alles souverän und Maynard James Keenan's Stimme, die tatsächlich als viertes Instrument angesehen werden kann und muss, fügt zusätzlich Abwechslung hinzu. Ein wirklich neues Element wird erst beim Interludium 3:29 eingeführt. Nach diesem und der spannungsteigernden Wiederholung des Intros mit Keenans bschwörender Stimme brechen Tool in voller Wucht aus und spätestens wenn Keenan zum dritten Mal singt "Vicariously I live while the whole world dies" (6:35) stehen alle Haare zu Berge. Ein mächtiger Song. (10/10)
"Jambi" ist der technischste Song des Albums und weitaus weniger eingängig. Es ist schon erstaunlich wie alle 4 Instrumente teilweise nach vollkommen verschiedenen Rhythmen für sich alleine zu spielen scheinen, aber trotzdem eine Einheit erzeugen (z.B. 3:05). Der Song erinnert ein wenig an "The Grudge" von Lateralus und ähnelt generell noch am ehesten den Songs des Vorgängeralbums. Im Gegensatz zu "The Grudge" fehlt mir bei "Jambi" allerdings ein Höhepunkt. Nach der Spannungssteigerung, die bei 6:40 beginnt und einen grandiosen Ausbruch erwarten lässt, bricht der Song plötzlich ab. Schade. (8/10)
"Wings For Marie" Teil 1 und 2 (bzw. "10 000 Days") ist das Meisterwerk dieses Albums. Tool erzeugen hier mit ihren Instrumenten Klanglandschaften und -welten, die sich nicht beschreiben lassen. Diese muss man fühlen. Kopfhörer aufsetzen, Augen schließen, in der Musik versinken, fühlen. (10/10)
"The Pot" ist nach dem sehr spirituellen "Wings For Marie" ein viel bodenständigerer Track. Grandioser Groove, grandiose Basslinie, grandioses melodiöses und dann riffiges Interludium (4:11), dass in einen recht harten Schlussteil übergeht (ab 5:38). Keenan nimmt mit seiner sehr affeminisierten Stimme reichlich Härte von dem Stück und geht später glücklicherweise in einen aggressiveren Ton über. Wen Keenans Stimme zu Beginn des Stücks nicht zum Wegschalten animiert, den erwartet ein toller, fast Metal-artiger Track. (9/10)
"Lost Keys" und "Rosetta Stoned" sind zwei zunächst sperrige und schwer einzuordnende Tracks. Ich habe mich mit den Gedanken angefreundet, sie eher als Hörspiele als als Lieder anzusehen. "Lost Keys" zum Beispiel ist musikalisch kaum erwähnenswert, jedoch ist es wichtig um die richtige Stimmung für den nächsten Track zu erzeugen. Dieser ist Keenans zynische Version des All-American guy der die Gelegenheit bekommt, die zu Welt retten aber unglücklicherweise seinen Stift vergessen hat. Die äußerst amüsanten Lyrics erzählen seine Geschichte in bester Stream-of-Consciousness-Manier und die Musik agiert wie ein Soundtrack. Durch die vielen abwechslungsreichen Effekte, die über die Vocals gelegt wurden, wird das Interesse gehalten und nach einer tollen Spanungssteigerung ab 8:19 erwartet den Hörer noch ein grandioser musikalischer Höhepunkt, in dem ein weiteres Mal Keenans emotionale Stimme (die zynischerweise gar nicht zu den Lyrics passen will) bewundert werden kann. "Rosetta Stoned" bezieht sich übrigens nicht auf eine Rosetta nach Drogengenuss, sondern auf den sogenannten Stein von Rosetta. (10/10)
Mit "Intension" bieten Tool dem Hörer noch ein weiteres wunderschönes Stück, das eine beruhigende und wiederum nahezu spirituelle Atmosphäre ausstrahlt (10/10) bevor das zunächst ruhige und melodiöse "Right In Two" einen wuchtigen Schlusspunkt setzt und somit den Kreis schließt, der mit "Vicarious" begonnen wurde. "Right In Two" offenbart ein weiteres Mal alle Stärken von Tool: einerseits die Fähigkeit wundervolle Melodien zu erzeugen, andererseits ein intelligentes Songwriting mit einem logischen Spannungsbogen und wuchtigen Schlussteil, die richtige Dosierung von Melodie und Härte, sowie der perfekt akzentuierte Einsatz der Instrumente (und dazu zähle ich - ich wiederhole es gerne - Keenans unglaubliche Stimme). (10/10)
Die bis jetzt vernachlässigten Instrumentale "Lipan Conjuring" und "Viginti Tres" stören kaum und erzeugen sehr effektiv Atmosphäre, vor allem Letzgenanntes auf sehr beklemmende Art und Weise.
Nimmt man jetzt den Durchschnitt der bisherigen Noten für die Gesamtbewertung, so wird man dem Gesamteindruck, den das Album erzeugt, nicht gerecht. Tool hat kein Album mit einzelnen Liedern veröffentlicht. Nein, es handelt sich hier um ein Gesamtkunstwerk und man muss die gesamte Kunst betrachten, sowohl Musik (und das betrifft auch die Reihenfolge der Lieder), als auch Lyrics, als auch das Artwork. Das Album erhält von mir eindeutig und nachdrücklich die Höchstnote. Ich werde das Gefühl nicht los, dass viele das 10 000 Days zu schnell rezensiert haben oder es nur im Kontext mit Lateralus sehen können und es konsequent mit diesem Meisterwerk vergleichen. 10 000 Days ist jedoch vollkommen anders und steht für sich alleine. Wie jedes Tool-Album wächst auch 10 000 Days mit jedem Hördurchgang und nach einer gewissen Eingewöhnungszeit kann ich sagen, dass Tool meine Erwartungen vollkommen erfüllt haben und mit 10 000 Days ein Album präsentieren, das mindestens genau so gut wie Lateralus, wenn nicht besser ist.