Der erste Eindruck: flotte Schreibe, witzige Einfälle, gelungene Sprachbilder – Frau Zylka drückt aufs Gas.
Leider vergisst sie dabei (was einem nach 20, 30 Seiten bewusst wird), einen Gang einzulegen. Die Geschichte dreht im Leerlauf. Frau Herzberg hetzt von Location zu Location – und kommt doch nicht von der Stelle. Nun wäre dagegen nichts einzuwenden; Bücher wie „Less Than Zero“ und „Faserland“ leben davon, dass der Ich-Erzähler eben keine charakterliche Entwicklung durchläuft, sondern am Ende noch genau dieselbe Dumpfbacke ist wie am Anfang. Doch verraten Ellis’ und Krachts Antihelden, indem sie munter dampfplaudern, eine ganze Menge über die Welt, in der sie leben. Es sind Zeitgeistromane im besten Sinn des Wortes.
Und was ist „1000 neue Dinge…“? Ich habe lange überlegt, was mich eigentlich so kolossal stört. Sind es die Charaktere, die nie über das Stadium des Holzschnitts hinauskommen? – Nein, das ist es nicht. Sonst dürfte man nur noch Seelensezierer wie Thomas Mann oder Wolfgang Koeppen lesen.
Ist es die Handlung, die atemlos von Episödchen zu Episödchen stolpert? – Nein, das ist es auch nicht. Sonst hätten die Notizen und Briefe des Rolf Dieter Brinkmann (wie „Rom, Blicke“) nie veröffentlicht werden dürfen. Weil : Sie enthalten nichts als Episödchen und Alltagsbeobachtungen. Aber: Brinkmann beobachtet wenigstens. Wichtiger noch: Das Gesehene und Gehörte bewegt ihn. Die Eindrücke lösen Gefühle in ihm aus.
Frau Zylka/ Frau Herzberg hingegen sieht und hört rein gar nichts. Sie kriegt nichts mit von der Welt, die sie umgibt. Und sollte sie etwas fühlen, so versteht sie dies geschickt unter einer Coolnessglasur zu verbergen. Liebe, Hass, Wut, Euphorie? Fehlanzeige. Stattdessen: lauwarm durchs Leben eiern. Hier halbherzige Sympathie (Christian), dort wohldosierte Verachtung (Gina & Ina) oder kalkulierte Neugier (DJ Doktor Bob), aber nie zu viel, denn das hieße ja, sich emotional reinzuhängen. Lieber wird das eigene Ich abgefeiert. Und den coolsten Musikgeschmack hat sie sowieso. (Denn auch der wird – über den Umweg Doktor Bob – ausschweifend gepriesen).
Und eben das ist es, was „1000 Dinge…“ so unerträglich macht: die latente permanente Selbstbeweihräucherung. Das ständige unterschwellige „Wo ich bin, ist in“. Frau Herzberg ist immer in Aktion, aber nie bei der Sache. Sie erlebt viel, doch sie spürt nichts. Deshalb ist alles gleich wichtig und damit unwichtig. Heute schon gelebt?