1000 Heilige Orte - das liest sich zunächst wie ein Schinken über Weltreligionen und deren Stätten auf dem gesamten Globus. Knapp 1000 Seiten religiöser Input möchte man also meinen. Oder eben ein ganz besonders gewichtiger Reiseführer. Beides kann, möchte und muss das Buch aber nicht gezwungenermaßen sein. Jeder kann die Zielgruppe sein.
Um den Inhalt des Buches zu beschreiben, bediene ich mich am Untertitel. Dieser lautet wie folgt: "Die Lebensliste für eine spirituelle Weltreise". Und genau auf diese lädt das Buch ein sobald man es zum ersten Mal aufschlägt. Das Besondere daran: Auf diese Reise rund um die Welt kann man sich ganz bequem vom Sofa aus begeben - ohne lästiges Gepäck, Luftraumsperre oder sonstige Hindernisse. Mit diesem Buch wird Reisen sozusagen überflüssig. Denn als Reiseführer in der Hand- oder Westentasche dienen die "1000 Heiligen Orte" nicht - immerhin stolze 1,5 Kilogramm bringen sie auf die Waage!
Empfehlenswert für die Reisevorbereitung - also für den Check-In - ist das Lesen der Einleitung. Hier erhält der Leser zunächst einmal Nachhilfe in Sachen "Heiligtümer". Auch ganz alltägliche Dinge können heilig sein und so darf man sich nicht wundern wenn plötzlich das eigene Bett als "Heiliger Ort der Alltagskultur" (S. 911) angeführt wird. Oder Jim Morrisons Grab. Oder die Drehorte für die berühmte "Der Herr der Ringe"-Filmtrilogie. In der Einleitung werden außerdem der wenig komplizierte Aufbau des Buches sowie die Schreib- und Zählweise erklärt, was sehr hilfreich ist.
Die zahlreichen Exkurse, z. Bsp. über das Phänomen "Jakobs-Pilgerweg", Heilige Zahlen und Zeiten, die heilige Natur, Tiere in der indianischen Mythologie usw. bieten viele interessante Zusatzinformationen, die man zunächst nicht erwartet hätte und durch die man einiges lernen kann. Nicht zuletzt möchte ich auch die 1000 GPS-Daten aller (!) im Buch aufgeführten Orte hervorheben, die man im Register des Buches findet und ganz bequem in sein Navigationsgerät eingeben kann. Und schon kann es losgehen zum Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm-Uentrop!
Aber nicht nur Viel- und Wenigreisende kommen auf ihre Kosten, auch die Religionswissenschaftler unter den Lesern sind mit den zahlreichen zusätzlichen Religionstexten (vgl. S. 912-925) und den immerhin 24 niedlichen Religionssymbolen, denen jeder Text zugeordnet wird, bestens bedient (vgl. S. 9). Da ich vor allem mit den verschiedenen Buddhas in Japan und China oftmals durcheinander gekommen bin, haben mir die Religionstexte geholfen den Überblick zu behalten.
Überblick ist auch das Stichwort für das Layout: Dieses kann sich ebenfalls sehen lassen. Die Kontinente lassen sich anhand der ihnen zugeordneten Farben leicht finden. Hier fällt auf, dass der quantitative Schwerpunkt auf Europa liegt. Dieser Kontinent kommt auf knapp 400 Seiten, hat aber natürlich auch Vieles zu bieten. Der Nahe Osten, Asien, Afrika, Nordamerika, Mittel- und Südamerika, Australien, Neuseeland und die pazifischen Inseln kommen jedoch auch nicht zu kurz. Jeder Kontinent wird mit einer Doppelseite eingeleitet, auf der eine mit roten Punkten (Standpunkte der Heiligen Orte) versehene Landkarte zu finden ist.
Ganz besonders beeindruckend sind die zahlreichen wunderschönen Abbildungen der unterschiedlichen Heiligen Orte. Bessere Fotos kann man selbst nicht schießen - man schaue sich z. Bsp. das Foto des Kölner Doms aus der Vogelperspektive an (S. 63). Toll! Man findet kaum eine Seite ohne Abbildung - so macht das Reisen in Gedanken noch mehr Spaß; vor allem wenn man das Buch nach Orten durchsucht, an denen man selber schon einmal gewesen ist und so sein etwas eingestaubtes Wissen von lange zurückliegenden Führungen auffrischen kann. Keine Sorge - wer nicht sofort weiß was denn nun ein "Kolumbarium", ein "Ziborium" oder ein "Campanile" ist muss nicht verzagen. Im Glossar sind solche Fachbegriffe noch einmal ausführlich erklärt.
Ansonsten sind die ein bis zwei Spalten langen Texte, die meist einen, manchmal auch mehrere Heilige Orte beinhalten, leicht verständlich, wortgewandt, manchmal witzig, manchmal anrührend geschrieben. Hier erhält man detaillierte Informationen über die Architektur einer Kirche, dort wird mittels spannender Anekdote an die Namensgeber eines Klosters erinnert, anderswo werden Naturkulte dargelegt.
Das Buch versteht sich nicht als Reiseführer im herkömmlichen Sinne, so gibt es keine Informationen über nahgelegene U-Bahn-Linien oder Öffnungszeiten, dafür aber lauter nette und manchmal skurrile Anekdoten über Orte auf der ganzen Welt.
Mein Fazit lautet: Ein rundum gelungenes Buch! Entweder zum Verschenken oder zum selber Lesen. Man muss eben heutzutage nicht mehr viel Geld investieren um schöne Orte zu sehen - wie schon einst Goethe sagte: "Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?"