Karl Kraus hat gesagt: „Ein Gedicht ist nur solange gut, wie man nicht seinen Autor kennt." Er fände sicher keinen Gefallen an dieser Ausgabe, denn sie liefert nicht nur den Namen des Verfassers mit jedem Werk, sondern auch gleich eine Interpretation. Und den Namen des Interpreten, oft selbst eine literarische Größe. Neben dem Herausgeber Marcel Reich Ranicki haben zahlreiche Vertreter deutschen Geistes ihre Gedanken zu einem Gedicht beigesteuert: Peter Härtling, Golo Mann, Walter Jens, Robert Gernhardt, Sarah Kirsch, Hartmut von Hentig und viele andere. Jeweils einer von ihnen stellte pro Woche ein Gedicht in der Frankfurter Allgemeinen vor und schrieb dazu auf zwei bis drei Seiten seine persönlichen Gedanken zu dem Werk. Eine Auswahl dieser „Frankfurter Anthologie" präsentiert der deutsche Literaturpapst chronologisch geordnet - vom Mittelalter bis zur Gegenwart - nun für all diejenigen, die es versäumt haben, wöchentlich aus der F.A.Z. auszuschneiden. Die Ausgabe lohnte sich schon, wenn gar keine Interpretationen dabei wären. Denn es ist eine wundervolle Zusammenstellung deutscher Lyrik. Aber die kurzen Texte zu jedem Gedicht erhöhen den Wert noch einmal gewaltig. Nicht nur bieten sie gleich einen persönlichen Zugang zu den Werken. Sie sind auch wie ein Zwiegespräch mit dem Interpreten. Und das ist sehr ergiebig, da hier sehr interessante Menschen sprechen. Karl Kraus würde gewiß einwenden, daß es eine eigene Beziehung zu den Werken erschwert, wenn man den Text eines Walter Jens oder einer Sarah Kirsch darüber liest. Vielleicht. Aber andererseits: Es ist doch immer noch besser, man läßt sich von einer sicheren Hand an die Lyrik heranführen, als, ehrfürchtig vor ihr zu erstarren. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)