Da man bei der Benotung einer Aufgabe auch die Aufgabenstellung kennen sollte, habe ich vor der Betrachtung der Plakate zuerst gelesen, welches die Anforderungen der Jurymitglieder an ein "bestes Plakat" sind. Und da dies auch für andere interessant sein könnte, zitiere ich einige Aussagen: "Die Beschränkung führt zum Ziel. Eine oft komplexe Botschaft muss auf das Wesentliche reduziert und visuell kommuniziert werden. Dabei sind immer wieder neue, ungewöhnliche, überraschende Lösungen möglich. Diese gilt es auszuzeichnen. Letztlich ist ein gutes Plakat, wie auch immer produziert, eine Informationsfläche im öffentlichen Raum, die wahrgenommen werden und die Aufmerksamkeit des Betrachters - zumindest für die angepeilte Zielgruppe - für sich gewinnen soll."
Im Vorwort wird dann auch eine Liste mit Kriterien vorgestellt, die mit Maßzahlen aus dem Marketingbereich gewonnen wurden und ein bestes Plakat scheinbar objektiv messbar machen. Aber das wollen die Jurymitglieder nicht. Ihre Begründung finde ich allerdings etwas dürftig und erinnert mich an die alte Diskussion, ob Werbung auch Kunst sein könne und Kunst auch Werbung sein dürfe. Und was die Jury schnöde als "Vademecum für Grafik-Dummies" bezeichnet, gilt bei den meisten Agenturen als Pflichtübung. Es ist denn wohl auch kein Zufall, dass die Jurymitglieder ihren Lebensunterhalt nicht als Werber verdienen.
In diesem Buch der besten Plakate hält man vergeblich Ausschau nach Kunstwerken, in dessen Zentrum ein Waschmittel, eine Bierdose, ein Auto oder ein Kleinkredit steht. Die 63 prämierten Arbeiten unter der Rubrik "Plakate als Werbemittel für Wirtschaft, Kultur und Soziales" wurden fast alle von Institutionen in Auftrag gegeben, die Subventionen erhalten und daher bei roten Zahlen nicht gleich untergehen. 14 Arbeiten gehören zur Kategorie "Plakate als Eigenwerbung, als Autorengrafik oder als Experiment" und 23 zur Kategorie "Plakate Studierender, realisiert mit schulischer Begleitung".
Meine Fünfsternebewertung können Interessenten nachvollziehen, die eine Inspirationsquelle für die Konzeption und Gestaltung von Plakaten suchen. Denn sie stoßen tatsächlich auf Arbeiten, in denen eine Idee zum Tragen kommt oder die durch ihre grafische Umsetzung einer Botschaft überraschen.
Mein Fazit: Grafikern und Plakatkünstlern, die ihr Geld in einer ganz normalen Werbeagentur verdienen, empfehle ich diese Mustersammlung nur bedingt. Denn falls sie sich davon anstecken lassen, den Absender der Botschaft, also den zahlenden Auftraggeber, aus grafischen Gründen irgendwo auf dem Plakat zu verstecken, könnte das auch ihren Job kosten. Die 100 besten Plakate vielleicht, aber nicht in der Kategorie "Werbewirksamkeit".