Das Cover zeigt eines der Highlights von Studio Babelsberg, einen Wassertank für Unterwasseraufnahmen, der extra für den Film "Unknown Identity" gefertigt wurde. Für diesen Film wurde dann im Studio auch ein Teil des Hotels Adlon nachgebaut, wo wie Jahre zuvor das New Yorker Guggenheim Museum für Tom Tykwers "The International". Ich finde dieses großformatige, schwere Buch so inspirierend das ich mir gleich "Wer ist Hanna?" ausgeliehen habe, der mich dann zwar enttäuscht hat, aber eben auch handwerkliche solide Arbeit Made in Germany ist.
Das Buch ist vor allem ein Bildband, geschätzt ein Drittel Texte und zwei Drittel Fotos, enthält aber auch zahlreiche Aufsätze zu den jeweiligen Epochen, linke Seite auf Englisch, rechte Seite auf Deutsch. Während in der Neuzeit nahezu alle Filme (ich übertreibe) in der "Sonnenallee" spielen, selbst "Inglourious Basterds", jener hochflexiblen Kulissen für den Film über die DDR gab es im Dritten Reich so aussagekräftige Filme wie "Stukas" oder eben "Die Feuerzangenbowle". Richtig begonnen hatte alles kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges, militärisch geführt, sollten Film Propaganda-Zwecken dienen, was Joseph Goebbels später perfektionierte und auch in der Sowjetischen Besatzungszone wurde dieses Konzept begierig aufgegriffen. Verpönt waren den Sowjets schwer verständliche Kunstfilme (Seite 121), statt dessen sollten die Arbeiter und Bauern klare Aussagen für ihr Geld bekommen statt ihnen Flausen in den Kopf zu setzen.
Das Buch macht so viel Spaß! Ob Goebbels Plan wirklich aufging und Babelsberg so groß sein kann wie Hollywood mag sein, mit "Die drei Musketiere" wurde 2011 die erste 3D-Produktion gestartet, viele Dekaden zuvor wurde die Chance vertan die weltweit ersten Tonfilme zu produzieren.
Es gibt viel zu entdecken und zu lernen in diesem Buch, etwa Südseeaufnahmen aus dem Studio als süße Realitätsflucht. Prüfen Sie ihr Wissen verehrte Cineasten! Wußten sie das Alfred Hitchcock als Regieassistent in Babelsberg seine Karriere begann (S. 224)? Oder das die schlechte Laune vom Babelsberger Pommer daran zu erkennen war, dass seine Zigarre dann herunterhing? (S. 201). Auf Seite 143 ist ein Foto von Herbert Grönemeyer und Nastassja Kinski mit Andre Heller zu sehen und das sind noch bei weitem nicht alle prominenten Stars in diesem Bildband! Brad Pitt ist dabei, die großartige Bourne Trilogie mit Matt Damon, Kate Winslet mit ihrer Oscar-Nominierung für "Der Vorleser" etc. Vielleicht schafft es das Buch auch mit dem Klischee der Pappmache-Kulissen aufzuräumen, auf Seite 201 wird erklärt, dass Kulissen fast nie aus Pappe sind, sondern am Set ganz normale Handwerker zu Gange sind wie bei jeder normalen Baustelle auch.
Amüsant: eine entnervt wirkende Zarah Leander, wenn die Kamera aus ist und daneben ein angeschaltetes Lächeln für die Kamera (S. 193). Okay, nicht jede Information in diesem Buch ist Gold wert, etwa die Tatsache, dass Heinz Rühmann Nahe des Studios wohnte und mit eigenem Auto zur Arbeit fuhr. Schön sind die Autogrammkarten von Stars von früher wie Fritz Lang. Spannend, dass seine Ehefrau, die Drehbuchautorin Thea von Harbou, 1923 in Zeiten wirtschaftlicher Not (Gewerkschafter wurden möglichst nicht eingestellt und Streikende sofort entlassen, wie das Buch verrät) resolut anpackte und für die Mannschaft kochte, was das Studio dann sogar bezahlte. Quellenangaben geben gute Anregungen zu weiterführender Lektüre, das Buch lässt sicher noch Fragen offen, es ist vor allem ein Buch das 100 Jahre Babelsberg gebührend feiert, ein Geschentipp für Cineasten, das Lust auf mehr weckt. Ganz großes Kino!
260 Seiten, Format: 35,8 x 29,4 x 3 cm, Hardcover mit Schutzumschlag, Farbe, Vorwort von Quentin Tarantino u.a., 2012