Nichts für schwache Nerven und einsame, dunkle Herbstabende und dennoch: Wieder einmal ein gelungenes Werk aus der Feder des Serienmord-Experten. 320 Seiten Spannung, Gänsehaut und echtes Grauen - denn hier geht es nicht um einen erdachten Kriminalfall sondern um das wahre Verbrechen.
"Deutschlands unheimlichster Frauenmörder" - was hat man / frau sich darunter vorzustellen? Ein haariges Monster? Eine hakennasige Bestie? Ein finsteres Ungeheuer aus schrecklichen Albträumen, aus denen man bisher zum Glück immer wieder unbeschadet erwachte? Oder noch grausamer, weil sehr viel unberechenbarer: Ein Mensch wie du und ich mit nur einem kleinen Fehler in der Biographie, der unaufhaltsam auf den Abgrund zusteuerte und Tag für Tag ein Stückchen mehr aus der Gesellschaft herausfiel.
Wie gerät ein Mensch, dessen Leben ja genau wie jedes andere einmal als unschuldiger Säugling begann, auf diesen Weg? Wie wird jemand zu einem Sadisten, Mörder, Folterer, der zu keinerlei Mitleid und Empathie fähig scheint? Und wie kann so jemand unerkannt mitten unter uns leben und doch nur durch einen dummen Zufall enttarnt werden?
Harbort geht diesen Fragen in dem vorliegenden Buch nach. In Vernehmungsprotokollen, Akten und nicht zuletzt vielen Gesprächen mit dem Täter selbst spürt er den Ereignissen nach. Stück für Stück entfaltet sich eine Lebensgeschichte, wird eine ungute Laufbahn erkennbar, ungenutzte Chancen, eine Außenseiterexistenz wie aus dem Lehrbuch.
Eine Begründung, Rechtfertigung, Entschuldigung? Mitnichten! Die Taten des "Phantoms vom Grunewald" sind an Brutalität kaum zu überbieten. Auch Harbort lässt keinen Zweifel daran und dieses Buch ist sicher sehr weit jenseits jeglicher Thriller-Atmosphäre, wo man genüsslich mit einer Tasse heißem Kakao am Kamin sitzt und sich gepflegt ein wenig zur Feierabendunterhaltung gruselt. Hier handelt es sich um einen echten Menschen, jemanden, der einem schon morgen selbst begegnen könnte und den man kaum als eine solche Bestie erkennen würde - bis es zu spät ist!
Die Entwicklung vom hoffnungsvollen Anfang bis zum bitteren Ende wird minutiös protokolliert und so manches Mal möchte man als Leser schnell weiterblättern, das Buch zuklappen und die Schilderungen nicht zu nah an sich heranlassen. Das Verstehenwollen, der Versuch, Unfassbares zu (be-)greifen war es schlussendlich, das mich doch bis zum Ende weiterlesen ließ.
Eine Rückschau des Täters und seine Versuche, das Unerklärbare verständlich zu machen, runden diese Fallschilderung ab. Dessen Worte sind wohlgewählt, abgeklärt und mit der spürbaren Distanz von mehreren Jahrzehnten zu seinen schrecklichen Verbrechen. Jahrzehnte, in denen er sicher untergebracht wurde und von Versuchungen ferngehalten wurde. Erklärungsversuche, die es dennoch nicht schaffen, hinter die letzte Hemmschwelle blicken zu lassen, die fallen muss, um zu tun, was er tat. Und das ist auch gut so. So können wir uns auch morgen wieder angenehm gruseln und müssen nicht darauf achten, was in dem Außenseiter von nebenan so vorgeht, den wir immer verlachen und aus unserer Mitte vertreiben. Dann müssen wir nicht schauen, wo wir selbst Anteile an einer Entwicklung haben, die an so vielen Stellen sehr wahrscheinlich noch aufzuhalten gewesen wäre.
Mein Fazit:
Allen, denen reißerische Presseberichte voller Klischees nicht genügen und die mehr über die Hintergründe solcher Taten und Täter wissen möchten, kann ich dieses und auch die anderen Bücher des Autoren nur empfehlen. Auch wenn seine Werke mittlerweile Regale füllen, so bleibt das Thema doch noch immer faszinierend in all seinen düsteren Aspekten.