DeVotchKa legen mit "100 Lovers" einen glänzenden Soundtrack zum ganz persönlichen Kopfkino vor. Der erste Durchlauf führt zu einer sehr interessanten Entdeckung: Mögliches Gefallen oder Nicht-Gefallen hängt gänzlich davon ab, wie man es hört. "100 Lovers" ist bereits das fünfte Album der vierköpfigen Band aus Denver, zahlreiche Erscheinungen auf Soundtracks und Compilations dabei nicht mitgerechnet. Frontmann Nick Urata ließ verlauten: "Wir haben eigentlich immer gehofft, nicht auf irgendwelche Genres festgenagelt zu werden, aber wahrscheinlich sagt jeder sowas". Jemand, der solche Aussagen trifft, wird wohl noch wesentlich unglücklicher darüber sein, wenn gar konkrete Vergleiche mit anderen Bands zu Felde geführt werden. Davon abgesehen ist natürlich jedem, der sich auch nur ein wenig mit DeVotchKa auseinandergesetzt hat, vollkommen klar, was man von den fünf Herren serviert bekommt: Indie-Punkrock mit folkloristischen Einschlägen aus baltischen und südamerikanischen Gefilden. Bei "100 Lovers" haben sich DeVotchKa dabei allerdings augenscheinlich tüchtig verhoben. Beinahe jeder Song erscheint auf die ein oder andere Weise inkohärent, schlägt Haken, wie der Teufel in Verfolgung der armen Seele. Das musikalische Wegzehrungs-Beutelchen ist hierbei allerdings so vollgestopft, dass die Jagd zwangsläufig zum stolpernden Schweinsgalopp verkommt. Es ist ja durchaus nicht verwerflich, etwas exotischer zu instrumentieren und variieren, aber man sollte schon darauf achten, dass das Endprodukt nicht so erratisch dahergepoltert kommt, wie es auf dieser Platte an einigen Stellen der Fall ist. Teilweise erscheinen die Songs geradezu patchwork-artig aufgebaut. Der Sinn beider "Interludes", die sich in der Mitte des Albums finden, bleibt verschleiert; als Überleitungen zu den Folgestücken sind sie wenig dienlich und auch zum Zeitschinden taugen sie aufgrund ihrer geringen dauer eher wenig. Betrachtet man "100 Lovers" jedoch als eine Art Soundtrack, wird so manche kompositorische Entscheidung begreiflich. Zum einen ist Frontmann Urata derzeit ein recht gefragter Filmscore-Komponist und zum anderen haben DeVotchKa vor nunmehr elf Jahren als Band für Burlesken-Shows begonnen. Genau genommen lässt sich der Grund für ihre größere internationale Bekanntheit mit der musikalischen Untermalung für den Film "Little Miss Sunshine" dingfest machen. In einem derartigen Kontext wirkt die Platte überhaupt nicht mehr befremdlich, eher wie ein Blick in ein Kaleidoskop, ein Besuch auf einem altertümlichen Jahrmarkt oder einer Kuriositäten-Schau. Und packt man den Begriff "Interludium" bei seiner aus dem Opernbereich stammenden Wurzel, sieht man ebenfalls, dass hier kein Fehler begangen wurde. Interludien sind eigenständige kleine Szenerien, die nicht zwangsweise mit dem eigentlichen Inhalt zu tun haben müssen. DeVotchKa setzen die rund um den Globus eingesammelten musikalischen Schnippsel zu einem kunterbunten, manchmal sicherlich etwas skurril anmutendem Mosaik zusammen. Die Analogie zum Visuellen ist hierbei nicht willkürlich gewählt: Jeder einzelne Track beschwört unweigerlich Bilder herauf. In Folge gehört, ergibt sich das wunderbarste und verschrobenste Kopfkino. "100 Lovers" möchte einen nicht, wie man vielleicht annehmen möchte, in andere Länder entführen, sondern eine Staunen erzeugende, exotische Show aufführen. Dass dies auch mit einigem Schmunzeln geschieht, sieht man am besten anhand des halb lachenden, halb weinenden Quasi-Titeltracks "100 Other Lovers": "Oh the things I will believe / Ignore the hundred lovers / You got hidden up your sleeve / The words come easily / And they sound so lovely / I guess it's just as easy if you lie to me." Diese Platte verlangt nicht wenig vom Hörer, man muss sich unter ihren Bedingungen auf sie einlassen. Wer kompromissbereiten Indierock zu hören wünscht, der wende sich lieber anderen Quellen zu. Freunde des gediegenen Kopfkinogenusses können im instrumentalen "Sunshine" durch die Wüste in den Sonnenuntergang reiten. Möge diese Kreativitätsschmiede noch einige Zeit weitermachen. Was auch immer das sein mag, was Sie da produziert.