Eins vorweg: Stimmen die fordern, dass Gerd Spiekermann in seinem Buch hauptsächlich die Ensemblemitglieder es Ohnsorg-Theater in den Vordergrund stellen sollte, scheinen den Titel des Buches nicht ganz begriffen zu haben. Schließlich heißt es "100 Jahre Ohnsorg Theater", nicht "100 Jahre Schauspieler im Ohnsorg Theater". Insofern ist es absolut folgerichtig, dass Gerd Spiekermann das Theater an der Große Bleichen in Hamburg in den Vordergrund stellt, nicht seine Schauspieler.
Sicherlich haben die Kunst und die Persönlichkeiten der Schauspieler den bundesweiten Bekanntheitsgrad des Theaters entscheidend geprägt und gefördert, aber man darf nicht vergessen, dass dies erst ab den 50er Jahren der Fall war, als das Fernsehen auf die beliebte niederdeutsche Bühne aufmerksam wurde. Begonnen hat die (Erfolgs-)Geschichte des Ohnsorg Theater als lokale Größe im hanseatisch-kulturellen Geschehen jedoch schon viel, viel früher.
Und so kramt Gerd Spiekermann tief in der Kiste mit sowohl historisch belegten Tatsachen als auch mit von Mund zu Mund kolportierten Anekdötchen. Dabei ist er vor allem eins: Ehrlich. Die wirklich heile Welt mit dem unausweichlichen Happy End gab es immer nur auf der Bühne. Doch hinter den Kulissen brodelte es manchmal gewaltig. Die Alkoholprobleme eines Intendanten bringt er ebenso zu Sprache wie Intrigen und Ränkespiele von anderen Intendanten oder divenhaften Regisseuren, die beliebte Schauspieler schließlich dazu veranlassten, das Theater im Zorn zu verlassen. Wohltuend ist, dass Spiekermann dabei neutral bleibt. Er setzt nicht auf Sensation, er urteilt nicht. Er dokumentiert lediglich die Tatsachen als solche. Geschickt spannt er dabei den historischen Bogen von den Pionieren des Theaters unter dem ersten Intendanten und Schauspieler Richard Ohnsorg über die Fernsehlieblinge der 60er und 70er wie Heidi Kabel, Hanno Thurau, Heini Kaufeld, Erna Raupach-Petersen und Henry Vahl bis zur neuen Generation wie dem aktuellen Intendanten Christian Seeler und den neuen Stars wie Beate Kiupel, Uta Stammer, Ursula Hinrichs, Sandra Keck oder Oskar Ketelhut.
Außerdem zeigt dieses Buch auf wunderschöne Art und Weise, dass Theater immer Ensemblearbeit ist und zum Ensemble nicht nur die Darsteller auf der Bühne gehören. Die Bühnenbildner Félicie Lavaulx-Vrécourt und Hans-Albert Dithmer oder der Kostümschneider Malte Marks - alle drei echte Institutionen des Ohnsorg Theater und daraus folgend fast so bekannt wie die Schauspieler - werden ebenso vorgestellt wie die Hausautoren des Theaters (heute würde man sie wahrscheinlich neudeutsch "Authors in Residence" nennen), so z. B. Hartmut Cyriacks und Peter Nissen, und Regisseure, die mit ihren Inszenierungen immer wieder für Aha-Effekte gesorgt haben, allen voran Konrad Hansen, Ilo von Janko oder Hans Mahler.
Zu guterletzt beleuchtet Gerd Spiekermann das vielseitige Repertoire des Ohnsorg Theater. Man beherrscht dort nämlich nicht nur die heiteren Volksschwänke ("Tratsch im Treppenhaus") oder norddeutsch eingefärbte Neufassungen von Boulevardkomödien ("Frau Pieper lebt gefährlich"). Auch große Dramen - wie z. B. "Mudder Mews" (die Lieblingsrolle von Heidi Kabel, in der sie eine bösartige Schwiegermutter verkörpert, die ihre Schwiegertochter in den Freitod treibt) oder "Johanninacht", in dem das Ohnsorg Theater das vor fünfundzwanzig Jahren noch äußerst brisante Thema Homosexualität auf die Bühne brachte - rissen die Kritiker ebenso zu Beifallsstürmen hin wie das Publikum. Letzteres blieb leider viel zu oft auf Hamburg beschränkt, da die ARD sich bei ihren Fernsehübertragungen der Idee, dass das Ohnsorg Theater auch ernsthafte Stücke überzeugend inszenieren kann, immer wieder hartnäckig verweigerte.
Es gelingt Gerd Spiekermann, auf nur 176 Seiten ein umfassendes und vor allem vielschichtes Portrait der erfolgreichsten norddeutschen Bühne zu zeichnen. Abgerundet wird das Buch durch eine beiliegende Audio-CD (zumindest war es bei der Erstauflage so, ob diese später noch dabei war, vermag ich nicht zu sagen), die quasi eine klingende Quintessenz des Buches darstellt: Interviews mit bekannten Köpfen des Theaters, Audio-Ausschnitte aus den bekanntesten Komödien und Dramen, dazu Anekdoten weiterer Zeitzeugen. Dadurch vollbringt es Spiekermann, das Motto, das sich das Ohnsorg Theater zum hundertjährigen Jubiläum selber auf die Fahnen geschrieben hat, auch zum Motto seines Buches zu machen: "100 Jahre - jünger als du denkst".