Das Leben ist ungerecht, oder? Zumindest zu Marnie (Famke Janssen, "X Men"). Da muss sie jahrelang einen sie prügelnden Ehemann ertragen, den sie irgendwann in Notwehr ersticht, und kommt dafür auch noch ins Gefängnis. Als sie aus der Haft entlassen wird, ist sie immer noch nicht frei, da sie per elektronischer Fußfessel den Rest ihrer Strafe in ihrem Haus in New York absitzen muss. Ihr Bewegungsradius beträgt ganze 100 Fuß (ca. 30 m), nicht gerade viel also. Zusätzlich hat sie Einsamkeit und Hass zu bewältigen, da Freunde und Nachbarn sich von ihr abgewandt haben und der ehemalige Kollege ihres Mannes, Shanks (Bobby Cannavale, "Snakes on a Plane") sie spüren lässt, wie übel er ihr die Ermordung seines Partners nimmt. Als wäre das noch nicht genug, muss sie dann auch noch feststellen, dass Ehemann Mike (Michael Paré, "BloodRayne") leider nicht so tot ist wie gedacht. Sein mehr als hasserfüllter Geist tobt noch immer durch die Wände der Villa und sinnt nur auf eins: Rache! Und Marnie darf nicht aus dem Haus, des Weiteren würde ihr sowieso niemand glauben, was sie fortan erlebt: weitere Misshandlungen, fliegendes Geschirr, fröhliches Möbelrücken, Stromausfälle usw. usf. Aber wenn Marnie Mike schon einmal umgebracht hat, kann sie das auch ein zweites Mal...oder?
Wir haben hier eigentlich eine klassische Geistergeschichte, die mit den gängigen Mitteln arbeitet und das Genre sicherlich nicht neu erfindet. Was 100 Feet trotzdem zu einem überaus gelungenen Gruselfilm macht, ist das überzeugende Spiel von Famke Janssen und eine straff inszenierte, spannende Story. Janssen findet die perfekte Balance zwischen verängstigter Frau und sich verteidigender Femme fatale. Sie ist überaus glaubwürdig, was bei Begegnungen mit einem Geist ja nicht zwingend vorausgesetzt werden kann. Sie trägt den Film (zusammen mit den altmodischen, aber gut in Szene gesetzten Effekten) sozusagen allein, wird lediglich von Cannavale als missmutigem Cop und Ed Westwick ("Children of Men") als freundlichem und bewunderndem Lebensmittel-Lieferanten unterstützt. Paré darf hier nur als schemenhafte, aber überaus böse aussehende Nebelgestalt in Erscheinung treten, überzeugt aber ebenfalls als absoluter Widerling.
Man merkt, hier war kein Laie am Werk. Der 47jährige Eric Red hat schon so Einiges auf die Leinwand gebracht, am Bekanntesten dürfte "Body Parts" sein. Er arbeitet ebenfalls als Drehbuchautor und hat die Scripts zu "Near Dark" und "Blue Steel" verfasst. Die Erfahrung ist "100 Feet" deutlich anzumerken. Red hält sich nicht lange mit Rückblenden auf Marnies früheres Martyrium auf, um der Figur eventuell Tiefe zu verleihen. Braucht er auch gar nicht, denn schon nach dem ersten richtigen Angriff von Mike ist klar, was sie all die Jahre zu ertragen hatte. Durch das souveräne Spiel von Janssen werden derlei erzähltechnische Tricks ebenfalls überflüssig. Man fühlt sich regelrecht mit ihr gefangen und ist die gesamten 105 Minuten auf und an ihrer Seite. Dies wird noch verstärkt durch den Hass oder die Gleichgültigkeit, die ihr von allen Seiten entgegenschlägt. Ob es nun Cop Shanks ist, der recht rüde mit ihr umspringt und keinen Hehl daraus macht, wie sehr er sie verachtet oder ihre Schwester, die ihr das geerbte Haus missgönnt und sich nach einem fünfminütigen Besuch wieder aus dem Staub macht. Einzig Lieferjunge Joey ist nett zu ihr, möchte ihr helfen und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr...
Marnie ist fortan einer stetigen Gefahr ausgesetzt, denn Mike verfügt immer noch über immense Kräfte, die er völlig ungezügelt walten lässt. Er schleudert sie heftigst durch das ganze Hause, lässt sie Treppen runterfallen und sich auf alle erdenklichen Weisen verletzen. Aber Marnie ist nicht bereit, schon wieder klein beizugeben und setzt sich mit allergrößtem Einsatz zur Wehr. Sie kämpft nur leider auf verlorenem Posten und in einem Radius von 30 Metern, nicht gerade die ideale Ausgangsposition also, um zu gewinnen.
Der Film ist spannend, gruselig und wartet mit ein paar schönen Schockeffekten auf. Allzu blutig geht es zwar nicht zu, aber wenn es dann doch dazu kommt, sieht es ziemlich übel aus. Location, Acting und Score passen wunderbar zusammen, die Geschichte hat genau das richtige Tempo, um nicht zu langweilen, ohne aber von einem Gewaltexzess zum nächsten zu hetzen. Die Handlung überzeugt durch schnörkellose Erzählstruktur, das Timing sitzt und die Effekte sind zwar technisch nicht wirklich innovativ, erfüllen aber voll und ganz ihren Sinn und Zweck. Insofern kann ich "100 Feet" bedenkenlos jedem Grusel- und Horrorfan empfehlen, der lieber eine überzeugende, funktionierende Geschichte sehen möchte als permanente Gewaltexzesse und Blutorgien. Fünf von fünf elektronischen Fesseln und ein paar fliegende Teller obendrauf.