Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik. In dieser in München durchgeführten Dissertation bewegt sich die Autorin zwischen den Polen jener Zitate, die zum einen von Prosper Mérimée als Aussage des griechischen Epigrammatikers Pallades seiner Carmen als Motto vorangestellt wurde: Jede Frau ist bitter wie Galle; aber sie hat zwei gute Augenblicke, den einen im Bett, den anderen bei ihrem Tod; zum anderen der Aussage von Edgar Ellen Poe: Der Tod einer schönen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt. Aber Bronfen belässt es nicht dabei; sie betrachtet in ihrer 250-jährigen Rückschau auf das Kulturtreiben im Abendland viele ausgewählte Werke der Malerei und Literatur, z.B. den Tod von Freuds Tochter, Bilder von Hodler über das Sterben der Valentine Godé-Darel, Paul Delaroches Bild Die junge Märtyrerin und anderes mehr unter diesem Blickwinkel der weiblichen Leiche, einer männlichen Einsichtnahme. Indem sie dieses literarische Sujet, das sich durch die ganze abendländische kunstschaffende Kultur zieht, anders, neuer, aufschlussreicher sieht, ja psychologischer, zum Beispiel als Ort eines Raums, durch den das Männliche Moment hindurch geht auf der Suche nach sich, dem Bleibenden, das nicht der Tod, sondern das Werk, als nun Ewiges, und er, der Künstler, als unsterblich Gewordener, sein will, findet sie ganz neue Einsichten in das, was faszinierende Kunst ist, sein will, dafür gilt und sie weitertreibt. Und Bronfen streut den Schritten, die sie hier tut, nämlich einer überaus detailreichen Analyse, viele Zitate und Erläuterungen aus der zeitgenössischen Literatur- und Kunsttheorie ein, zitiert vielseitige Fermente aus Mythos und Kunstschaffen, die für sich alleine schon reichhaltig und bemerkenswert sind. Das Buch richtet sich ganz klar an alle, die sich mit Fragen der Literatur- und Kunstproduktion beschäftigen; aber nicht nur aus dem Umkreis des Feminismus. Das Buch zählt für mich zum Besten, was im letzten Jahrzehnt zur Kunst- und Literaturtheorie geschrieben worden ist, weil zuletzt auch zeitgenössische Philosophie starke Berücksichtigung findet. Aktueller kann Kunsttheorie kaum sein.