Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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37 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
7 von 10 durchgelesenen - nicht quergelesenen oder vergessenen, und schon gar nicht nichtgelesenen - Büchern, 29. März 2009
Pierre Bayard, Psychologe und Professor für französische Literatur an der Uni Paris, hat ein erfrischend ehrliches Buch geschrieben, in dem es darum geht, wie man mit anderen Menschen kommuniziert über Bücher, an die man sich kaum mehr erinnert, die man nur überflogen ("quergelesen") oder angelesen hat oder die man gar nur aus der Sekundärliteratur kennt (*). Hier die recht aussagekräftige Inhaltsübersicht mit ein paar Bemerkungen von mir:
"ARTEN DES NICHTLESENS
Erstes Kapitel: BÜCHER, DIE MAN NICHT KENNT
in dem der Leser sehen wird, dass es nicht so sehr darauf ankommt, ein bestimmtes Buch zu lesen, was reiner Zeitverlust wäre, sondern darauf, über die Gesamtheit der Bücher das zu haben, was eine Figur Musils den "Überblick" nennt."
Über die Unmöglichkeit, alles (oder auch nur alles für sein Fach oder für das literarische Allgemeinwissen Relevante) lesen zu können und auch dazu zu stehen.
"Zweites Kapitel: BÜCHER, DIE MAN QUERGELESEN HAT
in dem wir mit Valéry erkennen, dass es reicht, ein Buch querzulesen, um ihm einen ganzen Artikel zu widmen, und dass es bei manchen Büchern geradezu unziemlich wäre, anders vorzugehen.
Drittes Kapitel: BÜCHER, DIE MAN VOM HÖRENSAGEN KENNT
in dem Umberto Eco zeigt, dass es nicht nötig ist, ein Buch in der Hand gehabt zu haben, um detailliert darüber zu sprechen, sofern man nur hört und liest, was andere Leser darüber sagen."
Herangezogen wird William von Baskervilles Konfrontation mit Jorge in der Klosterbibliothek, als William dem Blinden erläutert, was er durch Gespräche mit Mönchen, die mit Lesern des geheimen Buchs gesprochen hatten, durch seine allgemeine Kenntnis des ersten Bandes der "Poetik" und des üblichen Aufbaus der Werke des Aristoteles, und durch die Morde selbst kurz, was er über den Inhalt des zweiten Bandes, den er gerade mit sorgsam behandschuhten Fingern durchblättert, erschlossen hatte.
"Doch der Weg zur Wahrheit entpuppt sich im Nachhinein als noch komplexer, da Jorge, der Baskerville nachspioniert und hört, wie er sich seine phantastischen Interpretationen um die Apokalypse herum aufbaut, beschließt, ihn in die Irre zu führen und ihm falsche Indizien zu beschaffen, mit denen sich seine These stützen läßt. Und als Gipfel des Paradoxes täuscht der Mörder Baskerville so lange, bis er schließlich der Täuschung verfällt, wenn er sich einredet, die Todesfälle seien durch einen Plan der Vorsehung angeordnet. So gelangt Baskerville zur Feststellung, daß er die Wahrheit zwar herausgefunden hat, aber nur dank der willkürlichen Anhäufung seiner eigenen Irrtümer."
"Viertes Kapitel: BÜCHER, DIE MAN VERGESSEN HAT
in dem man sich mit Montaigne fragt, ob ein Buch, das man gelesen und komplett vergessen hat, von dem man sogar vergessen hat, dass man es gelesen hat, noch immer ein Buch ist, das man gelesen hat."
Montaigne, dessen Vergeßlichkeit berühmt war, konnte sich den Inhalt von Büchern nicht merken und schrieb deshalb in all seine Bücher kurze Inhaltsangaben und Anmerkungen hinein, um sie nicht versehentlich ein zweites (oder drittes, viertes etc.) Mal zu lesen. Er wird hier als extremer Fall behandelt, um das generelle Phänomen von vergessenen, halb vergessenen oder nur noch bruchstückhaft erinnerten Büchern abzudecken. Montaigne konnte sich nicht einmal den Inhalt der von ihm selbst verfaßten Bücher merken - ein Zustand, den ich ansatzweise nachfühlen kann, wenn ich nach Details in Inhalten eigener Publikationen gefragt werde, die mittlerweile zehn Jahre zurückliegen. Man fühlt sich so _blöd_, wenn man zugeben muß "Moment, da muß ich erst mal nachlesen, was ich damals darüber geschrieben habe." Ach ja.
"GESPRÄCHSSITUATIONEN
Erstes Kapitel: IM GESELLSCHAFTSLEBEN
in dem Graham Greene von einer alptraumhaften Situation erzählt, in der sich der Held einem ganzen Saal von Bewunderern gegenübersieht, die gespannt darauf warten, dass er sich zu Büchern äußert, die er nicht gelesen hat."
In "Der dritte Mann" gerät der Protagonist, Schreiber von Western"schund"romanen, wegen einer Namensverwechslung in eine Diskussion mit Lesern eines "intellektuellen" Autors; Leser, deren Fragen er kaum versteht und die seine peinlichen Antwortversuche als bissigen Humor, harsche Kritik an Schriftstellerkollegen und satirische Seitenhiebe interpretieren. Die Szene war auch im Film. Überhaupt kommen in Bayards Buch viele verfilmte Bücher vor.
"Zweites Kapitel: EINEM LEHRER GEGENÜBER
in dem sich beim Volksstamm der Tiv bestätigt, dass es absolut unnötig ist, ein Buch aufzuschlagen, um darüber eine kluge Meinung abzugeben, auch wenn das den Wissenschaftlern nicht gefällt."
Anthropologin Laura Bohannon will den nigerianischen Tiv den Hamlet näherbringen, um herauszufinden, ob er wirklich weltweit gültige Menschheitsfragen behandelt, und scheitert bereits bei der Übersetzung des ersten Akts: da die Tiv nicht an Geister glauben [da sage nochmal einer was gegen die angeblich so abergläubischen Naturvölker :-)], nehmen sie ihrer Vorleserin den Geist von Hamlets Vater nicht ab und halten Hamlet für töricht, einer irrealen Erscheinung zu trauen.
Die Anthropologin verstrickt sich mehr und mehr in Erklärungsnöte.
"Tote können nicht gehen", protestierte mein Publikum einstimmig.
Ich war zu einem Kompromiß bereit: "Ein 'ghost' ist der Schatten eines Toten."
Aber sie hatten immer noch Einwände: "Tote haben keinen Schatten."
"In meinem Land haben sie eben einen", versetzte ich kühl."
"Drittes Kapitel: DEM SCHRIFTSTELLER GEGENÜBER
in dem Pierre Siniac zeigt, dass man seine Worte einem Schriftsteller gegenüber abwägen sollte, vor allem, wenn dieser das Buch, dessen Autor er ist, nicht gelesen hat.
Viertes Kapitel: DER ODER DEM LIEBSTEN GEGENÜBER
in dem wir mit Bill Murray und seinem Murmeltier zur Einsicht gelangen, dass es, um jemanden im Gespräch über Bücher zu verführen, die der andere liebt und die wir nicht gelesen haben, das Beste wäre, die Zeit anzuhalten."
Hier gehts im wesentlichen um das Glück, sich mit seiner Partnerin über Bücher unterhalten zu können, die beide gelesen haben. Das Lob des identischen kulturellen Backgrounds oder wie man einen solchen durch Lektüre schaffen kann, exemplifiziert anhand des Films "Groundhog Day".
"EMPFOHLENE HALTUNGEN
Erstes Kapitel: SICH NICHT SCHÄMEN
in dem wir in einem Roman von David Lodge die Bestätigung dafür finden, dass die Grundvoraussetzung für ein Gespräch über nicht gelesene Bücher ist, sich nicht dafür zu schämen.
Zweites Kapitel: SICH DURCHSETZEN
in dem Balzac beweist, dass es umso einfacher ist, seine Meinung über ein Buch durchzusetzen, als dieses kein fester Gegenstand ist, und dass man an dem Verwandlungsprozess der Bücher auch nichts ändern kann, wenn man sie mit einer tintenbefleckten Schnur umwickelt.
Drittes Kapitel: BÜCHER ERFINDEN
in dem man in einem Buch Sosekis den Rat einer Katze und eines Ästhetikers mit Goldbrille bekommt, die beide, in unterschiedlichen Bereichen, die Notwendigkeit des Erfindens vertreten.
Viertes Kapitel: VON SICH SPRECHEN
in dem man mit Oscar Wilde zur Schlussfolgerung gelangt, dass die angemessene Lesedauer eines Buches zehn Minuten beträgt, da man sonst vergessen könnte, dass die Begegnung mit einem Text hauptsächlich eine Anregung ist, seine Autobiographie zu schreiben."
Auch wenn ich noch nicht ganz durch bin (auf das Kapitel "Bücher erfinden" bin ich besonders gespannt), kann ich jetzt schon sagen: Dies ist ein vergnügliches Buch. Die bei intellektuellen Franzosen meist übliche verbosité [zu gut deutsch: Vielschwätzerei ;-)] tritt nicht zu sehr in den Vordergrund, der Inhalt ist geistreich, das Thema ist in der Tat für alle Leute, die sich über Bücher unterhalten, von Interesse und wird zumindest für mich aus ganz neuen Blickwinkeln beleuchtet.
Übrigens schafft es der Autor spielend, den Leser an der Nase herumzuführen. Schon im dritten Kapitel dachte ich: "Ging "Der Name der Rose" wirklich so aus? Und kam das, was er da beschreibt, wirklich drin vor?" War letztlich zu faul, in der Rose nachzuschlagen, und behielt leise Zweifel zurück: Erstens an meiner Erinnerung ans Buch und zweitens an Bayards Darstellung der Handlung. "Hat er das Buch etwa wirklich nicht richtig ...? Diesen Klassiker? Aber nein, das hätten doch seine Lektoren merken müssen. Oder?" Dann kam so etwas in einem anderen Kapitel nochmal vor und schließlich ein drittes Mal. Immer nur Details, die ich selbst nur noch verschwommen im Gedächtnis hatte. Schließlich läßt Bayard durchblicken, daß er diese kleinen Änderungen mit voller Absicht eingebracht hat, der schlaue Hund. Und man begreift sozusagen am eigenen Leib, wie trügerisch oder vielmehr löcherig die Erinnerung ist.
[Witzig: Ein Leser, der eine Amazon-Rezension dazu abgegeben hat, hatte das Buch offenbar nicht bis hierher gelesen, denn er kritisiert in seinem ein-Stern-Review unter anderem, daß Bayard falsche Vermutungen über den Schluß von "Der Name der Rose" äußert - und tut damit, ohne es zu wissen, genau das, wovon Bayards Buch handelt: Über Bücher sprechen, die man nicht (oder in diesem Fall zumindest nicht vollständig) gelesen hat. :D]
(*) Bayard gibt sich ganz offen und benutzt für alle erwähnten Bücher ein Kürzel, aus dem hervorgeht, ob er das Buch gelesen hat bzw. noch erinnert oder nicht: UB = unbekanntes Buch; QB = quergelesenes Buch; EB = erwähntes Buch ("Bücher, die man in meiner Anwesenheit erwähnt hat"); VB = wieder vergessenes Buch. Und - da wirkt er dann etwas überheblich - wagt auch noch eine vierstufige Bewertung (von ++ über + zu - und --) aller Bücher, auch derer, die er nicht gelesen hat.
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39 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wer diese Besprechung liest, hat sie auch selber geschrieben, 21. Oktober 2007
"Das Buch schlechthin! Wunderbar, man muss in diesem Leben nur noch Bayard lesen. Sein Buch ersetzt alle anderen, alte, neue und zukünftige." Was der französische Literaturpapst, Bernard Pivot, auf der Rückseite des Buchumschlags schreibt, ist übertrieben. Aber nur, wenn ich noch immer im Sprach-, Literatur- und Kommunikationsschema des Bildungsbürgertums verharre. Und genau davon versuche ich mich seit dem Ende meiner Studienzeit zu lösen. Mich von den mentalen Ketten der Schulzeit schon zu einem ermutigenden Teil befreit zu haben, verdanke ich unter anderem Büchern wie dem von Pierre Bayard. Ganz bestimmt nicht gescheiten Lehrbüchern.
Der französische Literaturprofessor und Psychoanalytiker hat ein phantastisches Buch geschrieben, das ich einfach allen zur Lektüre empfehle, in deren Leben Bücher irgendeine Rolle spielen. Also auch allen, die jetzt meine Eindrücke lesen. Indem Bayard das Tabu bricht, man dürfe sich kein Urteil über Bücher anmassen, wenn man sie nicht von vorne nach hinten, Satz für Satz und Wort für Wort mit grösster Aufmerksamkeit gelesen habe, schafft er geistigen Freiraum für neue Zugänge. So neu kamen mir die neuen Betrachtungsweisen und Lesehaltungen allerdings gar nicht vor. Sie gehörten ja schon immer zu meinem Leben. Aber sie passten nicht zu meinen inneren Büchern, die in der frühen Kindheit verfasst wurden. Bayards Metapher der inneren Bücher ist es auch, die mich durch sein Buch zog, den Scheinwerfer meiner Aufmerksamkeit lenkte und meine Begeisterung weckte. Denn letztlich beschreibt der Autor nur meinen neurologischen Wissensschatz mit anderen Worten und Bildern. Nicht nur mit eigenen, sondern auch mit Geschichten anderer Autoren.
Indem uns Bayard seine eigenen Lesegewohnheiten mitteilt und sie durch Verweise auf ähnlich Denkende legitimiert, bietet er mir ebenfalls die Gelegenheit, mein Verhalten besser akzeptieren zu können. Denn wir sind nun mal darauf angewiesen, dass unsere eigenen Erfahrungen von fremden Spiegeln zurückgeworfen werden. "Wir sind Erinnerung", heisst der deutsche Titel von "The Brain, the Mind, and the Past" des renommierten Gedächtnisforschers Daniel L. Schacter. Und wenn ich diese Besprechung schreibe, schreibe ich letztlich über meine Erinnerungen, über meine inneren Bücher. Und genauso setzt der Leser dieser Zeilen Ausschnitte aus seinem Leben zu einer selbst geschriebenen Geschichte zusammen.
Einmal mehr haben die Künstler lange vor den Wissenschaftlern verstanden, wie der menschliche Geist funktioniert. Denn das Gehirn kennt keine Wahrheiten, keine Plagiate, keine Originale und keine richtigen Bücher. Es macht nichts anderes, als den Grundstock der inneren Bücher mit neu eintreffenden Informationen abzugleichen, individuell, automatisch und vorwiegend unbewusst. Und weil das alles auf Musterfolgen beruht, die wir wegen deren Konstanz erkennen können, genügt auch ein Ausschnitt des Ganzen, um ein Urteil zu fällen. Gerecht ist es ohnehin nie.
Mein Fazit: Ich teile die Meinung des französischen Literaturpapstes Bernhard Pivot nicht, dass Pierre Bayards Buch alle anderen, alte, neue, zukünftige ersetzt. Aber es macht zumindest die Lektüre von Kommunikationshandbüchern überflüssig. Und es zeigt auf spielerische und humorvolle Art, dass jede Lesehaltung ihre volle Berechtigung hat. Und auch jede Form vom Schreiben über das Schreiben. Grossartig, unbedingt lesen!
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40 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine Ermutigung zu eigenständigem, kritischem und bewußten Lesen abseits von den Säulen der Allgemeinbildung, 25. September 2007
Wie das denn ? Wie kann, wie soll man über Bücher sprechen, die man nicht gelesen hat ? Tun das nicht die Dummen und Ungebildeten und entlarven sich dabei ziemlich schnell und meistens sehr peinlich ?
Pierre Bayard, seines Zeichens Literaturprofessor, gibt genau dies in seinem neuen Buch zu; er bestätigt, eine ganze Reihe von Büchern nicht gelesen zu haben, die nach gängiger Meinung zur Allgemeinbildung gehören. Und er erläutert in genialer Weise, wie man sich in peinlichen Situationen verhalten kann, wenn die Rede auf ein Buch kommt, das man nicht gelesen hat.
Was heißt eigentlich, ein Buch gelesen zu haben ? Wort für Wort, sich die einzelnen Schöpfungen und Metaphern regelrecht auf der Zunge zergehen zu lassen, Seite für Seite bis zum bitteren Ende, auch wenn es totlangweilig ist, quer gelesen, um sich einen Überblick zu verschaffen, gelesen, aber das Wesentliche bald wieder vergessen ? Was nun ?
Das Buch bietet dem aufmerksamen Leser eine Fülle von Anregungen, wie man sich mit seinem eigenen Nichtlesen in verschiedenen Gesprächssituationen behaupten kann. Es bricht damit eine Lanze für einen weniger verkrampften Umgang mit der Weltliteratur und lädt ein zu mehr schöpferischer Eigeninitiative.
Als Vielleser ist man zunächst über Bayards Ausführungen irritiert, doch bei näherem Hinsehen versteht man, daß in der Tat jemand nicht unbedingt ein Buch gelesen haben muß, um über seinen Inhalt, seine ästhetische Qualität und seinen literarischen Stellenwert durchaus kompetent sprechen zu können.
Gute Rezensionen und eigene Recherche können die Lektüre eines Buches durchaus ersetzen. Was sie allerdings, so finde ich, niemals ersetzen können, ist der Genuß der Sprache, das innere Erleben der Bilder eines Autors und den Aufbau und die Lösung der Spannung eines Buches. All das erlebt man wirklich nur durch eigene Lektüre, und es ist das, was das Lesen erst zum wirklichen Lesen macht.
Doch Bayards Buch nimmt auf eine sarkastische Weise die sogenannte "Allgemeinbildung" auf die Schippe, denunziert sie und will zu eigenständigem, kritischem und bewusstem Lesen ermutigen. Lesen macht Freude, wie gesagt. Lesen bereichert das Leben, aber es sollte entkrampft und entspannt passieren.
Ein interessantes Buch, nicht nur für Rezensenten und Vielleser.
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