Irgendwas an der Methode von Markus Reiter muss faul sein. Denn wie er in seinem Vorwort stolz erklärt, hat er schon hunderte von Redakteuren geschult. Allein bei der Westdeutschen Zeitung und ihren Schwesterblättern kamen offenbar fast alle 120 Journalisten in den Genuss, bei Herrn Reiter ihr Handwerk verbessern zu dürfen. Doch wenn ich das Resultat sehe, zweifle ich an der Wirksamkeit solcher Kurse. Sind sie ähnlich aufgebaut wie sein Buch, kann ich die dürre Ernte seiner Bemühungen verstehen. Denn wir lernen eben nicht so, wie das Analytiker gerne hätten. Wer ein Gedicht in seine Einzelteile zerlegt, die Stücke akademisch benamst und schön ordnet, wird durch solche Fleißarbeiten noch lange kein guter Lyriker. Aber genau nach diesem Deutschlehrersystem baut Markus Reiter sein Lehrbuch auf und gaukelt so dem Schüler vor, das sei der Weg zur Meisterprüfung. Wer Neuro-Rhetorik anbietet, sollte auch wissen, wie das Gehirn Datenpakete zu Mustervorlagen verarbeitet, die Verhalten und damit das Lernen steuern.
Was im Journalismus unter Überschrift, Vorspann und Bildunterschrift läuft, nennen wir in der Werbung Head, Copy, Caption. Die Namen mögen verschieden sein, das Handwerk ist von wenigen Details abgesehen das gleiche. Selbst wenn die Versuche zunahmen, den Texterberuf zu akademisieren, sind die Erfolge mäßig. Jedenfalls gehen weder meine Vorbilder noch ich selber bei unserem Job so vor, wie es die Schulen und Markus Reiter gerne hätten. Wir überlegen uns nicht, ob wir ein Wortspiel kreieren oder mit Paradoxien, Reimen, Metaphern, Empathie oder Nutzwerten arbeiten sollen. Wir stellen uns einfach vor, wie wir dem unruhig wartenden Publikum das gewählte Stück ankündigen sollen, bevor der Vorhang aufgeht. Das geschieht nach der uralten Methode von Versuch und Irrtum. Und damit wir Fehltritte bemerken, kriegen wir beim Stolpern eins auf die Nase. Wir beobachten, kopieren, variieren, üben und suchen unseren Stil. Wir hängen die geniale Headline "Wir sind Papst!" so lange über unseren Schreibtisch, bis das billige Zeitungspapier vergilbt und die Mustervorlage bleibende Spuren in unserem Kopf hinterlassen hat. Und die Erfolge zeigen, dass diese ganz unakademische Methode noch immer bestens funktioniert. Wenn Markus Reiter an ein anderes System glaubt, ist das sein gutes Recht. Aber in einem Buch, das nur von Überschrift, Vorspann und Bildunterschrift handelt, könnte man locker ein paar Seiten verschwenden, den Lesern verschiedene Wege zur Meisterschaft aufzuzeigen.
Mein Fazit: Für mich ist dieses Buch eher eine kommentierte Beispielsammlung als ein nützliches Arbeitsmittel für Meisterschüler. Würde das System von Markus Reiter wirklich funktionieren, könnten Deutschlehrer eigene Theaterstücke, spannendere Artikel und verständlichere Elternbriefe schreiben. Und jeden Tag hätten die Zeitungsleser Freude an gedruckten Ankündigungen von Geschichten, die das Leben schrieb.