Darf man den eigenen Gefühlen vertrauen, wenn der Verstand dagegen spricht?
In unserer Zeit, in der die Romantik in den Hollywoodfilmen so hoch suggeriert wird, ist die Frage schnell beantwortet. Die heutigen Frauen sind meistens selbständig und sind auf die Männer viel weniger angewiesen als die Frauen im 19. Jh. Es ist heute sehr gut möglich, jung und unvermögend zu heiraten und sich damit vorbehaltlos für die Liebe zu entscheiden. Doch nicht zu Lebzeiten der Schriftstellerin. Es ist daher zunächst verständlich, dass die ältere Freundin von Anne diese dazu überredet, die Verlobung aufzulösen, weil ihr Verlobter zwar jung, ehrgeizig und voller Eifer ist, aber dennoch unvermögend. Anne Elliot löst die Verlobung auf und verletzt damit sowohl sich als auch ihn.
Was zuerst richtig erscheint, ändert sich nach 8 Jahren, was man an den Ergebnissen sieht. Das blühende hübsche Mädchen ist vorzeitig verwelkt, die Lebensfreude und die Hoffnung auf das Glück sind dahin. Anne hatte zwar die Gelegenheit einen anderen, ehrenwerten und vermögenden Mann zu heiraten, aber sie lehnt den Antrag ab. Dieser heiratet daraufhin ihre jüngste Schwester und lebt auf seinem Gut in der Nachbarschaft. Sie ist dort gern gesehen und mag seinen Schwager, seine laute und überaus liebenswerte Familie.
Der Einstieg in den Roman erfolgt zum Zeitpunkt, an dem Anna 27 Jahre alt ist, die eben geschilderte Vorgeschichte erschließt sich erst mit der Zeit.
Als wir Anne kennen lernen gilt sie als alte Jungfer. Unglücklich, einsam und weitgehend unverstanden führt sie ihr Leben damit, in dem sie ihren Mitmenschen so gut wie möglich dient.
Ihr Leben ist ruhig und glanzlos bis ihr früherer Verlobter, Captain Wentworth, auf die Oberfläche tritt. Nein, er sucht sie nicht, möchte mit ihr nichts zu tun haben, ist nur auf Besuch bei seiner Schwester, flirtet heftig mit den Schwestern ihres Schwagers. Anne bleibt äußerlich ruhig, leidet aber tief und unbemerkt.
Der Wendepunkt kommt mit dem Unfall, der während des Urlaubs in einem Badeort mit dem Namen Uppercross, wo die ganze Gesellschaft ein paar Tage verweilt.
Anne's Schwägerin, ein junges Mädchen, etwas eigensinnig, verwöhnt, setzt sich in den Kopf, ermutigt von Captain Wentworth selbst, dass die Bereitschaft zu jedem Risiko eine Tugend sei. So stürzt sie von der Klippe, in der Überzeugung, dass Captain Wentworth sie auffängt. Der Unfall passiert, es herrscht Chaos, und alle außer Anne sind unfähig, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Erst jetzt versteht Captain Wentworth die wahren Qualitäten seiner früheren Verlobten und überlegt sich, ob ihre Entscheidung, damals die Verlobung aufzulösen doch nicht ganz falsch war. Der Mangel an Vertrauen in seine Fähigkeiten an Vermögen zu gelangen, mögen jetzt als völlig grundlos zu erweisen, denn er kam zurück als äußerst vermögender Mann, dennoch von der damaligen Sicht nicht ganz von der Hand abzuweisen, er hätte auch versagen können.
Nach dem Unfall fährt Anne nach Bath zu ihrem Vater, einem hübschen, eitlen und dümmlichen Baroneten und zu ihrer älteren Schwester, die eine jüngere weibliche Ausgabe des Vaters darstellt.
Die weiteren Verwicklungen, beginnen. Anne bekommt einen Verehrer, ihren Cousin, der nicht nur gutaussehend, reich und sehr an Anne interessiert ist, sondern auch klug und amüsant. Doch Anne ist vorsichtig, sein Charakter scheint ihr etwas undurchsichtig zu sein. Wieder taucht Captain Wentworth auf, diesmal gewollt auf die Suche nach ihr, in der Hoffnung, ihre Liebe wieder zu gewinnen. Doch zuerst ist der Gute auf den Cousin so rasend eifersüchtig, dass er nicht imstande zu sein scheint, die von Anne gegebenen Zeichen ihrer Liebe richtig zu interpretieren. Dennoch das Ende ist klar, unser Paar findet sich wieder und lebt wahrscheinlich glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.
Mit ihrem typischen Humor beschreibt Jane Austen den englischen Dorflandadel spitzzüngig, mit leichter Feder, was uns allzu leicht zum Schmunzeln bringt.
Die Hauptfragen im Roman bleiben nach meiner Meinung unbeantwortet, was nur die Qualität des Buches zeigt. Alles hat zwei Seiten und nie so eindeutig, wie man es sich wünschen würde.
Wie viel darf man für die Liebe wagen? Wie weit ist es erlaubt, sich von dem Verstand leiten zu lassen, ohne Rücksicht auf das Herz...
Würde Anne die Verlobung nicht aufgelöst haben, würde sie vielleicht ebenfalls von den Gewissenbissen geplagt worden sein, was womöglich die Beziehung zwischen den Verliebten trüben würde.
Die Gesellschaft, die Familie von Anne half ihr bei ihrer Entscheidung nicht, wartete nicht bis sie selbst weiß was zu tun ist, sondern zwingt eine Entscheidung einfach herbei. Und das ist letztendlich das Falsche an der ganzen Situation.
Kein Fall darf einfach an einer Schablone zu messen sein.
Damals wurde die Liebe als romantischen Unsinn abgetan und verächtlich belächelt. Nur der Wohlstand zählte.
Hmm, es scheint, dass unsere Zeit an zuviel Romantik leidet, die frühere Zeit an zuviel Pragmatismus.
Die eigentliche Antwort ist auf die Frage "Verstand oder Herz": Suchen Sie sich selbst eine aus. Aber keine Überredung bitte, was die Andere betrifft!
Lesen Sie das Buch - viel Schmunzeln und eine gehörige Portion Weisheit mit einem Schuss Melancholie sind garantiert!